die WIRTSCHAFT | Das Magazin
Nr. 7049368
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Interview

„Entscheidend ist der direkte Kontakt: Jugendliche wollen spüren, dass sie willkommen sind“

Welche zentralen Herausforderungen sehen Sie aktuell beim Übergang von der Schule in die Berufsausbildung?
Jugendliche wachsen heute in einer Zeit auf, die sie als stark verunsichernd erleben. Gleichzeitig stehen sie vor der Aufgabe, ihre eigene Zukunft aufzubauen – das ist ein anspruchsvoller Entwicklungsschritt. Entscheidend ist aus meiner Sicht, dass wir sie in dieser Phase nicht mit Informationen überfrachten. Viel wichtiger ist eine gute Balance zwischen Fördern und Fordern, die es den jungen Menschen ermöglicht, eigene Entwicklungsschritte zu gehen und Verantwortung für ihren Weg zu übernehmen.
Sie sind mit dem Bildungsbüro und dem regionalen Übergangsmanagement nah an den Jugendlichen dran: Welche Fragen stellen sie sich wirklich?
Bei unseren Modellprojekten versuchen wir genau das festzustellen: Was denken Jugendliche, und wie können wir sie am besten abholen? Eine wesentliche Erkenntnis ist, dass es grundlegende und eher emotionale Fragestellungen sind, die die Jugendlichen beschäftigen: Was soll ich mit meinem Leben anfangen? Wie kann ich mein Leben so gestalten, dass es mir gut geht? Und was kann ich eigentlich wirklich? Das trifft typenübergreifend und schulartenübergreifend zu. Hinter diesen Fragen steckt häufig eine Unsicherheit darüber, was sie langfristig zufrieden machen könnte. Gleichzeitig erleben wir aber auch, dass es Jugendliche gibt, die sehr genau wissen, wohin ihr Weg führen soll. Beides ist völlig normal und sollte auch so akzeptiert werden.
Sie setzen in Ihrer Arbeit auf unterschiedliche Projekte, um Jugendliche und auch deren Eltern besser zu erreichen. Welche Erkenntnisse haben Sie dabei gewonnen?
Sehr gute Erfahrungen machen wir mit Peer-to-Peer-Formaten. Wir lassen Auszubildende, Studierende und Jugendliche im Freiwilligen Sozialen Jahr in Kleingruppen mit Schülerinnen und Schülern arbeiten. Peer-to-Peer-Begegnungen unterstützen Jugendliche dabei, eigene Entwicklungsschritte zu gehen, weil sie Vorbilder auf Augenhöhe erleben.
Für Betriebe bedeutet das, dass sie aktiv auf Jugendliche zugehen sollten. Schulpartnerschaften und Präsenz auf schulinternen Ausbildungsmessen sind dabei wichtige Instrumente. Besonders entscheidend ist jedoch der direkte Kontakt: Jugendliche wollen spüren, dass sie willkommen sind. Emotionale Botschaften wie „Wir sind ein Team, bei uns bist du gut aufgehoben“ spielen eine große Rolle.
Die Berufswahl wird stark vom Elternhaus geprägt. Dennoch berichten viele Jugendliche von mangelnder Unterstützung. Wo liegen die Ursachen und wie können Unterstützungs­angebote besser greifen?
Die Gründe sind vielfältig. Auch Eltern müssen mit dem hohen Tempo unserer Informationsgesellschaft zurechtkommen. Mehr Informationen anzubieten, hilft oft wenig. Stattdessen braucht es persönliche Ansprache und tragfähige Netzwerke, die Vertrauen schaffen. Besonders, da manche Eltern mit dem deutschen Bildungs- und Ausbildungssystem nicht vertraut oder sprachlich überfordert sind. Hinzu kommt noch, dass sich Jugendliche immer stärker in digitalen Räumen bewegen, wodurch Fähigkeiten und Neigungen für Außenstehende schwerer erkennbar sind – auch das macht es schwieriger, sie zu unterstützen.
Die Generation Z steht häufig in der Kritik – Stichworte Leistungsbereitschaft und Ausbildungsreife. Gleichzeitig bringt sie besondere Stärken mit. Welche Potenziale sehen Sie?
Die Generation Z zeichnet sich durch eine hohe Digitalaffinität aus. Viele legen großen Wert auf Sinnhaftigkeit und eine ausgewogene Work-Life-Balance. Für Unternehmen bedeutet das: Es reicht nicht mehr aus, nur mit Gehalt und Sicherheit zu werben. Entscheidend ist eine moderne Arbeitskultur, die Beteiligung, Sinn und Flexibilität ermöglicht. Sinn kann dabei ganz unterschiedlich gelebt werden, etwa durch Teamgeist, flache Hierarchien und eine wertschätzende Feedbackkultur. Der schwäbische Grundsatz „Net gschimpft isch globt gnuag“ reicht heute nicht mehr aus. Jugendliche, die noch nicht ausbildungsreif sind, brauchen zudem reale Erfahrungsmöglichkeiten, um diese Reife überhaupt entwickeln zu können.
Wie koordiniert das Bildungsbüro die Zusammenarbeit zwischen Schulen, Betrieben und weiteren Akteuren?
Wir arbeiten stark in vernetzten Gremienstrukturen, zum Beispiel im Fachkräftebündnis. Daneben sind persönliche Kontakte in die Arbeitsebenen hinein besonders wichtig – etwa zu Lehrkräften der Berufsorientierung, Bildungsträgern oder Berufsberaterinnen und -beratern. Besonders am Herzen liegt mir auch die Entwicklung gemeinsamer Modellprojekte, um gemeinsam Mehrwerte zu schaffen und sichtbar zu machen.
Welche Programme haben sich bewährt, um Orientierung zu geben und Ausbildungsabbrüche zu vermeiden?
Sehr erfolgreich ist aktuell das Programm AVdual, das in den letzten zwei Jahren an zwei Schulen in Ulm umgesetzt wurde. Dort begleiten wir Schülerinnen und Schüler, die nach der Regelschule noch keinen Ausbildungsplatz haben, aber berufsschulpflichtig sind. Der hohe Anteil an fünf- bis sechswöchigen Betriebspraktika sowie die enge Betreuung führen dazu, dass bereits nach einem Jahr über 30 Prozent direkt in Berufsausbildungen vermittelt werden – landesweit ein sehr guter Wert.
Welche zukünftigen Schritte plant das Bildungsbüro?
Wir wollen das Matching zwischen Schule und Berufswelt weiter verbessern. Dazu gehören Handlungsempfehlungen für Ausbildungsmessen und Peer-to-Peer-Formate sowie die Weiterentwicklung solcher Begegnungen an Schulen. Mit Blick auf die Bildungsmesse 2027 in Ulm planen wir Vorbereitungstools für Schulen. Zudem bauen wir unsere Präsenz bei Schulmessen weiter aus und testen kontinuierlich, welche Formate Jugendliche wirklich erreichen. Auch AVdual soll weiterentwickelt und qualitativ gestärkt werden.
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