IHK Ulm

Frankreich als Wachstumsmarkt: Neue Chancen für BW-Unternehmen in der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie

Kaum ein Wirtschaftsthema wird im Südwesten gerade so intensiv diskutiert wie die Frage, welche Rolle die Sicherheits- und Verteidigungsindustrie als neuer Wachstumsmotor spielen kann.
Erst am 29. Juni 2026 diskutierten auf Einladung von Stuttgarter Zeitung, Roland Berger und L-Bank hochkarätige Vertreterinnen und Vertreter aus Politik und Wirtschaft in Stuttgart, ob sie den Personalabbau in der Automobilindustrie auffangen kann. Die Antwort fiel differenziert aus: Als alleiniger Rettungsanker taugt die Verteidigungsindustrie nicht, dafür sind die Branchen zu unterschiedlich groß. Als neues Geschäftsfeld rückt sie für einzelne Unternehmen aber zunehmend in den Fokus – für Maschinenbauer ebenso wie für IT-Unternehmen, Sensorik- und Elektronikspezialisten oder Softwareentwickler. Wir beleuchten die Potenziale für baden-württembergische Unternehmen im Nachbarland Frankreich.
Diversifizierung als Antwort auf die Automobilkrise
Umsatzverluste, Gewinnwarnungen, massiver Personalabbau – die deutsche Automobilindustrie steckt in einer tiefen Krise und muss sich neu erfinden. Für Unternehmen, die sich diversifizieren wollen, eröffnet der Sicherheits- und Verteidigungssektor vielfältige Möglichkeiten, wie die Studie Diversifizierungsmöglichkeiten für Unternehmen der Automobil-Zuliefererindustrie: Sicherheit und Verteidigung von e-mobil BW GmbH und Transformationswissen BW c/o e-mobil BW GmbH zeigt. Wie konkret diese Diversifizierung schon aussieht, zeigt ein Bericht vom SWR: Mercedes-Benz hat am 11. Juni 2026 ein Memorandum of Understanding mit dem Münchner Start-up Tytan Technologies unterzeichnet, das die Entwicklung eines fahrzeugbasierten Drohnenabwehrsystems auf Basis der G-Klasse sowie eines mobilen Drohnenträgers auf Basis des Sprinters vorsieht. Heidelberger Druckmaschinen baut seinen Defense-Bereich gezielt zu einem weiteren Standbein aus, und Daimler Truck hat bereits im März 2026 eine Absichtserklärung mit dem Drohnenhersteller Quantum Systems unterzeichnet. Während sich viele Unternehmen noch orientieren, lohnt sich auch der Blick über die Landesgrenze: Mit Frankreich liegt direkt vor der Haustür einer der größten und am schnellsten wachsenden Verteidigungsmärkte Europas.
Frankreich rüstet auf
Frankreichs Verteidigungshaushalt wächst 2026 voraussichtlich um 9 Prozent auf rund 57 Milliarden Euro. Darin enthalten sind unter anderem 2,5 Milliarden Euro für Munition, 750 Millionen Euro für verteidigungsbezogene Weltraumprojekte und 1,3 Milliarden Euro für Innovationsförderung. Das Land verbindet eine starke industrielle Basis mit exzellenter Forschung, innovativen Produktionsprozessen und einer engen Verzahnung von Industrie, Politik und Wissenschaft. Unternehmen wie Thales, Dassault Systèmes, Safran oder Naval Group zählen zu den prägenden Akteuren der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie und setzen technologisch wie innovativ Maßstäbe.
Mittelfristig stellt sich Frankreichs Verteidigungsbranche auf eine neue Art der Kriegsführung ein: Laut dem Institut National des Affaires Stratégiques sollen Frankreichs Armeefähigkeiten bis 2040 zu einem wesentlichen Teil robotisiert sein. Auch die militärische Absicherung des Weltraums rückt in den Fokus. Dafür stellt die Regierung zwischen 2026 und 2030 rund 10,2 Milliarden Euro bereit, unter anderem für den autonomen Zugang zum All sowie europäische Satelliten- und Weltraumfrühwarnsysteme. Diese Investitionen in neue Technologiefelder eröffnen Kooperationsmöglichkeiten auch für branchenfremde Unternehmen.
Einstiegspunkte für den baden-württembergischen Mittelstand
Baden-Württemberg zählt zu den führenden Forschungs- und Wirtschaftsstandorten Europas. Insbesondere in den Bereichen Maschinenbau, IT-Sicherheit, Sensorik, Robotik, Mobilität, Fertigung und Automatisierung verfügt das Land über herausragende Kompetenzen, aus denen sich vielfältige Kooperationspotenziale mit Frankreich ableiten lassen.
  • Maschinenbauer sind durch jahrzehntelange Zulieferung an die Automobilindustrie auf Präzisionsfertigung und hochwertige Werkstoffe spezialisiert und besitzen damit Fähigkeiten, die sich unmittelbar auf Komponenten für Drohnen, Robotik oder die von Frankreich vorangetriebene Weltraumtechnik übertragen lassen.
  • Elektronik- und Sensorikspezialisten können bei Frankreichs Investitionen in Drohnenabwehr und Aufklärungssysteme andocken, etwa mit Lösungen für Sensorik sowie Mess- und Prüftechnik.
  • IT-Unternehmen und Softwareentwickler treffen auf den französischen Bedarf an KI-gestützten Plattformen sowie an Cybersicherheitslösungen für vernetzte Systeme.
„In der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie steht die enge Zusammenarbeit mit befreundeten Staaten, insbesondere mit den europäischen Partnern, im Mittelpunkt. Frankreich nimmt dabei eine zentrale Rolle ein – mit den industriellen Schwerpunkten in den Regionen rund um Toulouse und Bordeaux. Vor diesem Hintergrund gilt es, Kontakte in Frankreich ebenso wie innerhalb der baden-württembergischen Delegation zu knüpfen und gezielt Chancen in der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie zu identifizieren. Gleichzeitig wird der Blick darauf gerichtet, wie sich Innovationen aus diesen Industrien auf weitere Branchen übertragen und dort wirksam nutzen lassen." - Marian Kern, Manager Internationalisierung bei BW_i
Quelle: Baden - Württemberg International
Stand: Juli 2026