Das IHK-Magazin WIKO
Nr. 7065296
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Blick in einen vollen Tagungsraum

Energiewende forcieren

Schlimmer geht immer, wer hätte noch im Oktober letzten Jahres beim 12. Energieforum gedacht, dass wir uns wieder einmal in Deutschland mit einer geopolitischen Herausforderung auseinandersetzen müssen. Neue Konflikte und daraus resultierenden Knappheiten und eingeschränkte Verfügbarkeit von Rohstoffen und Energien bestimmen die Tagesmeldungen.
In sehr kurzen Abständen wurden uns die Abhängigkeiten vor Augen geführt: Die Zerstörung der Gasleitungen in der Ostsee, der schnelle Bau von LNG-Terminals im Norden Deutschlands und die Vereinbarung von LNG-Lieferungen aus den VAE, die aktuellen Geschehnisse am Persischen Golf, die angedrohte Schließung der Ölzufuhr zur PCK-Raffinerie in Schwedt, all dies zeigt die hohe Abhängigkeit des Wirtschaftsstandortes Deutschland von der Lieferung fossiler Energien.
Der nahezu Dauerkrisenmodus der bundesdeutschen Wirtschaft schien überwunden mit einem zaghaften Aufschwung zum Jahreswechsel. Die aktuelle Realität holt uns jedoch wieder ein. Die finanziellen Handlungsspielräume der Wirtschaft und auch der öffentlichen Hand sind zunehmend eingeengt. Der nahezu Dauerkrisenmodus seit 2020 zehrt an der Liquidität. Das hemmt notwendige oder gar wünschenswerte weil zukunftsorientierte Investments auf vielen Ebenen. Reduzierte Ertragslagen sind kein gutes Argument zur Finanzierung von Vorhaben. Oder gerade doch? Zeigen sich klar erkennbare und belastbare Zukunftschancen, dann ergeben sich für viele Marktteilnehmer Invest- und Absatzchancen! Wann, wenn nicht jetzt, müssen zukunftsweisende Entscheidungen gefällt werden mit einer belastbaren Umsetzung zur Reduzierung der Abhängigkeiten. Die Defossilisierung und der Übergang von einer fossilen Wirtschaft und Gesellschaft hin zu erneuerbaren Energien war und ist in einer breiten Diskussion. Diskussionen zur Findung des volkswirtschaftlich gangbarsten Weges ist sicherlich richtig, darf aber nicht zu einem heute so und morgen wieder anders führen. Die Wirtschaft braucht belastbare und klar definierte Rahmenbedingungen und keine Kehrtwendungen oder sonstigen fast schon disruptiven Veränderungen.

Von anderen lernen!

Ein zaghafter positiver Ausblick könnte alle Marktteilnehmer und politisch Verantwortliche ermutigen: Seit Gründung der Bundesrepublik Deutschland sind wir aus nahezu jeder Krise gestärkt hervorgegangen, mit neuen Entwicklungen, Verfahren und Innovationen gelang es dem „Ingenieuroland Deutschland“, erfolgreich wieder „durchzustarten“. Krisen waren und sind Herausforderungen, die es gilt anzunehmen, um aus dem Konjunkturtal herauszukommen. Die Frage der Energieversorgung, die Dämpfung der Preisanstiege waren und sind aktuell die zentralen Herausforderungen: Unabhängiger machen von den Verwerfungen im internationalen Weltgeschehen um die fossilen Energieträger. Im Bereich der Energieversorgung zei
gen sich offenkundige Chancen für eine Zukunftsentwicklung. Mit Blick auf unseren Nachbarn Dänemark und auch auf Japan können und sollten wir lernen: Konsequente und zielgerichtete Verabredung des Ziels mit dann folgender Umsetzung. Aus der Ölkrise in den 70er Jahren den Schluss gezogen unabhängiger zu werde. Mit den vielen Gebäudewärmepumpen, der frühzeitigen Erhebung eines Pauschalbetrages auf fossile Heizungsanlagen und dem kontinuierlichen Ausbau der erneuerbaren Energien und des Fernwärmenetzes ist Dänemark Vorreiter und nicht zuletzt großer Exporteur von Grünstrom. Mit der Umsetzung des Projektes Energieinsel Bornholm soll dann auch grüner Wasserstoff nach Deutschland geliefert werden. Derzeitiger
Schlusspunkt ist wohl das Kraftwerk in Esbjerg zur geothermischen Nutzung der Nordsee und Versorgung der Stadt Esbjerg mit Wärme. Dänemark hat aus der Ölkrise zentrale Schlussfolgerungen gezogen – und konsequent umgesetzt. Es gab keinerlei staatliche Subventionen, um aus der Krise gestärkt hervorzugehen. Und auch Japan hatte aus dem AKW-Unfall den Schluss gezogen zur Nutzung von Wasserstoff – ungefährlich, günstig herstellbar. Zudem wurde die Elektromobilität deutlich vorangebracht, die Hamburger Partnerstadt Hafenstadt Kobe setzt Wasserstoff in zahlreichen Ebenen erfolgreich ein.

Konsequente politische Ausrichtung

Wer aber in solchen Situationen wie aktuell nicht in die Zukunft investiert, in lohnende weil notwendige Geschäfte, wird mit den alten Geschäften und den alten Standards wohl eher auf der Strecke bleiben. Was wir brauchen ist ein Stück weit Mut und Zuversicht ohne einengende oder gar „bevormundende“ Regularien als Handlungsmaximen. Der dänische Pragmatismus und die japanische Konsequenz zeigen zugleich unser Dilemma auf. Die notwendigen Rahmenbedingungen werden, kaum verabschiedet, wieder kassiert oder verändert. Dänemark hat auch nicht gradgenau die Temperaturen vorgeben wollen, nicht minutengenau geplant und geregelt. Wirtschaft braucht Verlässlichkeit für Investitionen.
Investments in erneuerbare Energien sind Long-term-Investments, überdauern oft mehrere Legislaturperioden. Politisch gewollte Veränderungen sind hinderlich, zukunftsweisend zu investieren: Für den Errichter, für die Zulieferbetriebe und nicht zuletzt für die Kapitalgeber. Die Vergangenheit der Entwicklung nach Wirtschaftskrisen hatte aber gezeigt: Die Wirtschaftspartner hatten und haben Wege gefunden, aus den Krisen gestärkt hervorzugehen. Für die Umsetzung aller Investitionen – mikroökonomisch wie auch makroökonomisch, der Entscheidung der Heizungsart im Keller,
der Antriebsart beim PKW oder LKW oder großvolumige EEG-Anlagen, Speicher oder Elektrolyseure – es braucht einen verlässlichen politischen Rückhalt mit belastbaren Regularien, von der Raumplanung und den Landes- sowie Bundesgesetzen. Jeder Regierungsteil kann und muss seinen Beitrag erbringen, jetzt und morgen Zukunft zu gestalten. Die aktuellen Geschehnisse im arabischen Raum führen uns klar vor Augen, die Abhängigkeiten von fossilen Energieträgern muss so schnell wie möglich reduziert werden.
Dr.Dorothee Wetzig
Aufgabenbereich: Geschäftsbereichsleiterin
Geschäftsbereich: Existenzgründung und Unternehmensförderung, Innovation und Umwelt