Das IHK-Magazin WIKO
Nr. 6949328
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Frau lächelt in die Kamera vor Häuserwand

Voller Energie

Viola Bortsch, Geschäftsführerin der Stadtwerke Ludwigslust-Grabow GmbH, haben wir zur Zukunft der Energieversorgung in diesem Versorgungsgebiet befragt. Sie ist Mitglied der Vollversammlung der IHK zu Schwerin sowie im IHK-Regionalausschuss Ludwigslust-Parchim und engagiert sich als Mentorin für Frauen.
Was bedeutet der zum Ende des letzten Jahres geschlossene Wärmeliefer- und Infrastrukturvertrag mit der ALBA für die regionale Energieversorgung im Landkreis Ludwigslust-Parchim?
Die Stadtwerke Ludwigslust-Grabow haben einen wichtigen Schritt zur Sicherstellung der regionalen Wärmeversorgung unternommen. Die Entscheidung, mit einer Müllverbrennungsanlage zusammenzuarbeiten, ist Teil unseres Engagements für die Daseinsvorsorge in unserer Region. Die Kooperation ermöglicht die von konventionellem Erdgas unabhängige Wärmeversorgung in Ludwigslust. Dies steht im Einklang mit dem bundesweiten Ziel, bis 2045 den Ausstieg aus Gas zu vollziehen und unseren CO₂-Ausstoß signifikant zu reduzieren. Das Projekt steht im Zeichen einer starken Partnerschaft: Auf dem Gelände der Thermischen Abfall Verwertung (TAV) errichtet ALBA Nord in enger Abstimmung mit den Stadtwerken einen Wärmetauscher, über den künftig die von der TAV ausgekoppelte Wärme direkt an das Fernwärmenetz der Stadtwerke Ludwigslust-Grabow geliefert wird. Nach aktueller Planung steht die erneuerbare Wärmeenergie den Bürgern und Industriebetrieben in Ludwigslust ab dem 01.03.2028 zur Verfügung. Insgesamt ermöglicht das Projekt eine Einsparung von rund 10.400 Tonnen CO₂ pro Jahr.
Wie stellt sich nach über einem Jahr die Bilanz mit dynamischen Stromtarifen für die Stadtwerke dar? Wird dieses Versorgungsangebot von Ihren Kunden angenommen und welche Vorteile bietet es für den Netzbetrieb?
Wir haben das Jahr offensiv mit der Einführung des dynamischen Tarifes genutzt. Zum einen hat Deutschland die höchsten Strompreise der Welt. Die vielen kleinen Netzbetreiber und die hohe Anzahl der Marktakteure beleben zwar den Markt, bergen allerdings auch territoriale Unterschiede. Zum Zweiten verteuert Greenwashing, durch den Kauf von Herkunftsnachweisen, die Preise.

Der Markt um die Erzeugung hat zudem eine andere Dynamik erreicht, sodass wir uns diesen Herausforderungen in Anlehnung an die Kundenbedürfnisse stellen müssen. Deshalb sehen wir die Einführung des dynamischen Tarifs, den die Stadtwerke gemäß dem Energiewirtschaftsgesetz ab dem 01.01.2025 anbieten mussten, als den richtigen Schritt an. Wenn Verbraucher die günstigen Preise zu bestimmten Zeiten nutzen, können sie nicht nur ihre Energiekosten optimieren, sondern auch die Belastung des Stromnetzes zu Spitzenzeiten verringern. Besonders innovatives Kundenklientel, das eigene Energieversorgungsanlagen, Ladestationen für Elektrofahrzeuge sowie moderne Heiztechnologien (z.B. Wärmepumpen) nutzt, zeigt großes Interesse. Im gewerblichen Bereich, wo Energiekosten eine bedeutende Rolle spielen, kann der dynamische Tarif signifikante Einsparungen ermöglichen. Dies geschieht durch optimierte Nutzung von Maschinen und Ressourcen.
Der Landkreis Ludwigslust-Parchim soll nicht nur Vorreiter der Energiewende sein, sondern ein attraktiver Standort für Investitionen, Lebensqualität und nachhaltigem Wachstum. Welche Rahmenbedingungen fordern Sie von der zukünftigen Politik auf Bundes- und Landesebene ein, insbesondere auch in Bezug auf das Industriepolitische Konzepte in MV?
Die Zukunft des Landkreises Ludwigslust-Parchim ist eng mit dem Erfolg der Energiewende, der Schaffung eines robusten Investitionsklimas und der Förderung der Lebensqualität verbunden. Indem wir gemeinsam mit der Politik und anderen Stakeholdern an der Umsetzung der Rahmenbedingungen für erneuerbare Energien sowie Netz- und Infrastrukturausbau, arbeiten, können wir nachhaltiges Wachstum und Wohlstand in unserer Region fördern. Um Ludwigslust-Parchim als Investitionsstandort zu stärken, fordern wir von der zukünftigen Politik auf Bundes- und Landesebene folgende Rahmenbedingungen:
Sicherung der stabilen und resilienten Daseinsversorgung - Bezahlbarkeit und Finanzierbarkeit sicherstellen.
  • Eine verlässliche, kosteneffiziente und umweltfreundliche Energieversorgung ist entscheidend. Für die Medien Strom, Gas, Wasser und Wärme sind die zentralen Herausforderungen zur Durchführung der Transformation zur Klimaneutralität identifiziert. Die Anforderungen an Investitionen und Transformation der Infrastruktur sind bei allen Medien gleich hoch. Ohne weiterführende Anpassungen des Ordnungsrahmens wird es nur schwer gelingen, Transformation, Bezahlbarkeit und Finanzierbarkeit in Einklang zu bringen.
  • Förderung von Innovationen: Wir bitten um die Etablierung von Förderprogrammen für innovative, nachhaltige Technologien und Digitalisierung. Diese
    sollten sowohl Forschung und Entwicklung unterstützen als auch die Implementierung in der Industrie vorantreiben.
  • Klare Rahmenbedingungen für Netzbetreiber - Massive regulatorische und finanzielle Unsicherheit bei Infrastrukturentwicklung: Eine gut ausgebaute Infrastruktur ist essenziell. Wir fordern Investitionen in Verkehrs- und Kommunikationssysteme, um die Erreichbarkeit unserer Region zu verbessern.
  • Es ist es entscheidend, frühzeitig belastbare Finanzierungsstrategien zu entwickeln, zu verbessern und alternative Finanzierungsformen aktiv zu prüfen. Auch wir sehen die hohen Investitionsvolumina für Strom-, Gas- und Wärmenetze bis weit in die 2030er Jahre, welche zunehmend die Finanzierungsfähigkeit vieler kommunaler Unternehmen überfordert.
  • Lebensqualität und nachhaltiges Wachstum: Der Erhalt und die Verbesserung der Lebensqualität sind für die Ansiedlung neuer Unternehmen sowie „Startups“ wichtig.
  • Grüner Wohnraum: Mit einhergehenden Klimaveränderungen sollte die Politik Initiativen ergreifen, um Wohnraum zu schaffen, der ökologischen Standards entspricht und gleichzeitig den Bedürfnissen der Bevölkerung gerecht wird.
  • Bildung und Fachkräfte: Wir müssen dringend das Bildungssystem stärken und gezielte Weiterbildungsangebote schaffen, um qualifizierte Fachkräfte zu gewinnen und zu halten. Dies gelingt aber nicht nur mit der Schaffung eines Praxislerntages, wenn dieser allein in die Hände der Unternehmen gelegt wird, ohne Wertausgleich.
  • Und zum Schluss sollte das industriepolitische Konzept für Mecklenburg-Vorpommern klare Ziele verfolgen. Wir benötigen Anreize für Unternehmen, sich in verschiedenen Branchen anzusiedeln, um die Abhängigkeit von einzelnen Industriezweigen zu reduzieren.
Für die Umsetzung der Investitionen braucht es Rückhalt - durch öffentliche Sicherheitsleistungen und gezielte Förderprogramme. Fühlen Sie sich als Energieversorger hierbei ausreichend unterstützt?
Als Versorgungsunternehmen erkennen wir die grundlegende Unterstützung durch den Landkreis, die Städte und den Bund an. Die bereitgestellten Mittel und Rahmenbedingungen für die praktische Umsetzung unserer Projekte reichen nicht aus. Besonders in Anbetracht der aktuellen Herausforderungen benötigen wir einen stärkeren finanziellen Rückhalt, um die angestrebten Investitionen in Wärmeversorgung und Strominfrastruktur erfolgreich realisieren zu können. Zu den spezifischen Bereichen:

1.
Öffentliche Sicherheitsleistungen: Die anstehenden Investitionen erfordern gezielte Förderungen.

2.
Verlässliche Förderstrukturen: Die Schaffung klarer Rahmenbedingungen und Unterstützungsmöglichkeiten, um Projekte effizient umsetzen zu können.

3.
Klar definierte Finanzierungsverantwortung: Eine transparente Aufteilung der Verantwortlichkeiten hilft uns, Risiken besser zu managen und unsere Aufgaben effektiv zu erfüllen. Die Energie- und Wärmewende ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Städte und Stadtwerke leisten ihren Beitrag, können die finanziellen Risiken jedoch nicht allein tragen. Vor diesem Hintergrund begrüßen wir den Start des sogenannten Deutschlandfonds.
Zum Abschluss noch ein Blick auf das aktuelle Weltgeschehen. Rücken nicht gerade die geopolitischen Verwerfungen mehr Unabhängigkeit bei Energie und Rohstoffen und mehr Resilienz in der Versorgung in den Vordergrund und damit auch der eingeschlagene Weg und das Geschäftsmodell der Stadtwerke?
Wir sehen die Notwendigkeit, unsere Versorgungsstrukturen resilienter zu gestalten, um auf unvorhergesehene Entwicklungen reagieren zu können. Wir setzen auf Kooperationen mit lokalen und regionalen Partnern, um die Versorgungssicherheit zu erhöhen. In einer zunehmend digitalen Welt müssen wir sicherstellen, dass unsere Systeme robust und geschützt sind, um unseren Kunden und Partnern Vertrauen bieten zu können.
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