Ausbildungsbilanz 2026: Ausbildungsmarkt unter doppeltem Druck

Mannheim, 14. September 2026. Die IHK hat heute ihre Ausbildungsbilanz 2026 vorgestellt. IHK-Präsident Manfred Schnabel:
Wir verzeichnen mit 3.124 neuen Ausbildungsverträgen zum 1. September einen deutlichen Rückgang im Vergleich zum Vorjahr (-10 Prozent). Die Erklärung: Der Ausbildungsmarkt erfährt gleichzeitig von zwei Seiten Druck. Auf der einen Seite gibt es gravierende Passungsprobleme zwischen Bewerbungen und den angebotenen Stellen. Hinzu kommt die insgesamt schrumpfende Zahl potenzieller Bewerber aufgrund des demografischen Wandels. Auf der anderen Seite führt die mehrjährige wirtschaftliche Stagnation dazu, dass Unternehmen Kapazitäten verlagern oder abbauen und im gleichen Umfang auch ihre Personal- und damit Ausbildungskapazitäten nach unten anpassen. Zudem verliert der Ausbildungsmarkt durch Betriebsschließungen Ausbildungsbetriebe.
Ein großes Plus der dualen Ausbildung ist, dass sich das Angebot an Ausbildungsplätzen am mittel- bis langfristigen Bedarf der Unternehmen orientiert. Das sorgt für beste Beschäftigungschancen nach erfolgreichem Abschluss. Angesichts der fortdauernden Probleme am Standort führt das nun aber zu einer Reduktion des Angebots. Diese Entwicklung wird sich erst wieder drehen, wenn die Unternehmen in der Breite wieder mit besseren Erwartungen in die Zukunft blicken. Die Politik ist gefordert, die die Rahmenbedingungen für wirtschaftliches Handeln rasch und deutlich verbessern muss.
Der Rückgang bei den kaufmännischen Berufen (-272 auf 2.010; -11,9 Prozent) fiel dabei deutlicher aus als bei den gewerblich-technischen Berufen (-76 auf 1.114; -6,4 Prozent). Die kaufmännischen Berufe stehen auch wegen des verstärkten Einsatzes von KI unter Druck. Viele administrativen Tätigkeiten dürfte in Zukunft mit Hilfe von KI erledigt werden. So gingen die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverhältnisse für Kaufleute für Büromanagement um 26 Prozent zurück.
Betrachtet man die Zahl der neuen Ausbildungsverträge nach Teilregionen, reicht die Spanne von minus acht Prozent in Heidelberg und minus neun Prozent in Mannheim über minus elf Prozent im Rhein-Neckar-Kreis bis zu -14 Prozent im Neckar-Odenwald-Kreis. Hier schlagen sich sowohl die schlechten Erwartungen von Industriebetrieben nieder als auch die demografische Entwicklung, die bereits zu einer deutlichen quantitativen Reduktion von potenziellen Bewerbern führt.
Dass der Ausbildungsmarkt vor großen Herausforderungen steht, zeigen auch die Zahlen der regionalen Agenturen für Arbeit. Nachdem jahrelang – mit Ausnahme des ersten Pandemiejahres – die Zahl der bei den Agenturen gemeldeten unbesetzten Stellen stets die der gemeldeten unversorgten Bewerber überstieg, hat sich das Verhältnis 2026 umgekehrt. Auffällig dabei: Die Zahl der zum Ausbildungsstart noch offenen Stellen ist gleichzeitig mit 1.340 weiterhin hoch. Das zeigt zweierlei: Wer bei Berufswunsch und regional flexibel ist, kann auch im schon begonnen Ausbildungsjahr noch einen Ausbildungsvertrag abschließen. Bis Ende September ist noch viel Musik drin. Gleichzeitig ist die steigende Zahl der unversorgten Bewerber bei vielen offenen Stellen ein Hinweis auf die nach wie vor großen Passungsprobleme.
Diesen Befund bestätigt auch unsere Ausbildungsumfrage aus dem Mai 2026. 47 Prozent der Ausbildungsbetriebe gaben an, nicht alle angebotenen Ausbildungsplätze besetzen zu können. Das ist lediglich ein Prozentpunkt weniger als im Vorjahr. Als Hauptgrund (67 Prozent) wird angeführt, dass es keine geeigneten Bewerbungen gibt. Von gar keinen Bewerbungen berichten 23 Prozent.
92 Prozent der Befragten stellen Mängel bei den Schulabgängern fest (+8 PP). Als größte Mängel werden Belastbarkeit (56 Prozent), mentale Leistungsfähigkeit (45 Prozent) und Disziplin (42 Prozent) genannt. Die aktuelle PISA-Studie ist Spiegelbild dieses Befundes unserer Mitgliedsunternehmen, siehe die niedrigsten Werte bei Naturwissenschaften, Lesen und Mathematik seit Start der ersten PISA-Studie im Jahr 2000. Unser Land hat ein massives Bildungsproblem. Besonders problematisch aus Sicht der Wirtschaft sind die fehlenden Basiskompetenzen. Ohne sie ist eine Ausbildung kaum möglich.
Die Unternehmen reagieren auf die Mängel der Bewerber kreativ. So gibt mehr als ein Drittel in der Umfrage an, ein eigenes Nachhilfeangebot im Unternehmen zu organisieren. Mehr als jedes zehnte Unternehmen setzt auf ehrenamtliche Mentoren oder Paten. Dieses Engagement ist vorbildlich. Besser wäre es indes, wenn Schulabgänger die nötige Berufs- und Ausbildungsreife mitbringen würden. Ausbildungsbetriebe sollten keine Reparaturwerkstätten für ein defizitäres Bildungssystem sein müssen.
Außerdem fordern wir Richtung Politik: noch in der Schule eine bessere Berufsorientierung und eine bessere Zusammenarbeit von Schulen, Berufsberatung und Unternehmen. Um den Einstieg in Ausbildung zu erleichtern, sollte unter anderem die Sprachförderung ausgebaut werden und in Regionen mit angespannten Wohnungsmärkten Azubi-Wohnheime eingerichtet werden. Um die Zukunftsfähigkeit der dualen Ausbildung zu sichern, brauchen wir zudem flächendeckend moderne, digital ausgestattete Berufsschulen und Lehrkräfte, die KI- und Digitalisierungsinhalte vermitteln können. Im Dreiländereck auch wichtig: eine länderübergreifende Beschulung an Berufsschulen sollte möglich sein.
Mannheim, 14. September 2026