IHK-Konjunkturumfrage

"Leichte Belebung, jedoch strukturell fragil"

Mannheim, 16. Oktober 2026. Im Herbst zeigen sich in der Wirtschaft der Region einige positive Signale. “Es deutet sich eine leichte konjunkturelle Belebung an, getrieben durch starke Exporte und schuldenfinanzierte staatliche Investitionen. Das Fundament bleibt jedoch strukturell fragil”, kommentiert Manfred Schnabel, Präsident der Industrie- und Handelskammer (IHK) Rhein-Neckar, die Herbst-Konjunkturumfrage der IHK. An ihr haben sich vom 14. September bis 2. Oktober 297 Unternehmen aus allen Wirtschaftszweigen beteiligt. Die Gründe für die leichte Belebung: Vor allem das Auslandsgeschäft gewinnt deutlich an Dynamik und die Geschäftserwartungen in der Industrie drehen ins Plus. Die Dienstleister bleiben der Stabilitätsanker der Region. Gleichzeitig indes kommen die privaten Investitionen und der private Konsum weiterhin nicht in Schwung. Besonders der Einzelhandel steht daher unter erheblichem Druck.
Der Konjunkturklimaindex, der Lage und Erwartungen zusammenfasst, erreicht 103 Punkte (+7 Punkte im Vergleich zum Frühsommer) und überschreitet damit wieder die wichtige 100-Punkte-Schwelle, die tendenziell Wachstum erwarten lässt. “Insgesamt deutet sich eine punktuelle Aufhellung an, eine breite und selbsttragende Erholung ist aber nicht erkennbar”, so Schnabel. Die Ergebnisse zeigen insgesamt ein gespaltenes Bild: Zwar blicken exportorientierte Unternehmen und Dienstleister zuversichtlicher nach vorne, doch die schwache Nachfrage im Inland bremsen eine dynamische Entwicklung aus. “Viele Betriebe kämpfen weiterhin mit hohen Kosten, fehlender Planungssicherheit und einer nur zurückhaltenden Nachfrage. Für mehr Wachstumsdynamik muss die Politik endlich die angekündigten strukturellen Reformen umsetzen, die die Rahmenbedingungen deutlich verbessern. Das heißt: spürbar geringere Kosten bei Sozialabgaben und Energie sowie ein konsequenter Rückbau von Regulatorik und damit weniger Bürokratie”, fordert Schnabel. 
Über alle Branchen ist die Geschäftslage fast unverändert geblieben (-1 Punkt). Allerdings fällt die Entwicklung sektoral höchst unterschiedlich aus: In der Industrie wird die Geschäftslage etwas besser bewertet als noch im Frühsommer. Der Saldo steigt von einem Punkt im Mai auf aktuell vier Punkte. Bei den Dienstleistern liegt der Lagesaldo mit +23 Punkten deutlich im positiven Bereich. Im Handel bleibt die Lage dagegen angespannt: Im Einzelhandel beträgt der Saldo -15 Punkte, im Großhandel -10 Punkte.
Die Geschäftsaussichten für die kommenden zwölf Monate machen insgesamt einen deutlichen Sprung um 15 Punkte, bleiben aber in Summe immer noch im leicht negativen Bereich (-2 Punkte). In der Industrie steigt der Erwartungssaldo von -11 auf +9 Punkte. Bei den Dienstleistern verbessert er sich von -15 auf +6 Punkte. Im Einzelhandel bleiben die Erwartungen mit -40 Punkten ausgesprochen pessimistisch, obwohl eine leichte Verbesserung vorhanden ist (+3 Punkte). Auch im Großhandel überwiegen trotz einer Verbesserung von -27 auf -15 Punkte weiterhin die negativen Stimmen.
Die schwache Inlandsnachfrage stellt für die Unternehmen weiterhin das größte Risiko dar (58 %, -1 PP). Danach folgen die Arbeitskosten mit 52 Prozent (-1 PP) und die Energiepreise mit 48 Prozent (-11 PP). Der Fachkräftemangel wird von 41 Prozent der Unternehmen genannt (+6 PP), geopolitische Spannungen von 37 Prozent (-6 PP) und die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen von 35 Prozent (+4 PP). “Es passt ins Bild der leichten Aufhellung, dass die Risikoeinschätzungen insgesamt etwas abnehmen. Im Vergleich zur vergangenen Umfrage gewichten die Unternehmen den Fachkräftemangel und vor allem die Wirtschaftspolitik aber wieder negativer”, sagt der IHK-Präsident. Gleichzeitig falle auf, dass die Risiken überwiegend inländischer Art seien. “Dies zeigt erneut, welche großen Probleme unser Standort hat, aber auch, dass wir es in der Hand haben, diese Risiken abzubauen”, so Schnabel.
Die Exporterwartungen der Industrie verbessern sich kräftig. Der Saldo der Ausfuhrpläne steigt von -9 Punkten im Mai auf aktuell +17 Punkte. Auch die Auslandsumsätze drehen von -26 auf +12 Punkte, die Auftragseingänge aus dem Ausland von -27 auf +14 Punkte. Die Erwartungen verbessern sich in der Eurozone von -7 auf +4 Punkte, für Nordamerika von -8 auf +8 Punkte und für die asiatischen Märkte von -4 auf +2 Punkte. “Das Auslandsgeschäft entwickelt sich wieder zum Hoffnungsträger. Offene Märkte, faire Wettbewerbsbedingungen und verlässliche Handelsregeln bleiben daher für die international eng vernetzte Wirtschaft unserer Region unverzichtbar”, betont der IHK-Präsident.
Die Investitionsabsichten der Unternehmen legen im Vergleich zum Frühsommer in allen Wirtschaftsbereichen zu. Der gesamtwirtschaftliche Investitionssaldo steigt um neun Punkte auf aktuell +8 Punkte. Bei den Dienstleistern erreicht der Investitionssaldo +18 Punkte. In der Industrie verbessert er sich moderat von -12 auf -5 Punkte. Im Handel ist die Entwicklung uneinheitlich: Im Einzelhandel steigt der Saldo von -27 auf +2 Punkte, im Großhandel von -26 auf -13 Punkte. Wichtigstes Investitionsmotiv bleibt mit 64 Prozent der Ersatzbedarf. 47 Prozent planen Investitionen in Digitalisierungsprozesse, 28 Prozent in Innovationen und 23 Prozent in Kapazitätserweiterungen.
Die Beschäftigungspläne der Unternehmen bleiben tendenziell rückläufig. Der Beschäftigungssaldo verschlechtert sich leicht von -7 Punkten im Mai auf aktuell -8 Punkte. In der Industrie liegt er bei -13 Punkten, im Großhandel bei -18 Punkten und im Einzelhandel bei -33 Punkten. Im Dienstleistungsgewerbe steigt der Saldo dagegen von -3 auf +3 Punkte. “Insgesamt ist weiterhin von einer rückläufigen Beschäftigungsentwicklung in der Region auszugehen. Gleichzeitig bleibt der Fachkräftemangel eine strukturelle Herausforderung, wie das gestiegene Risiko an dieser Stelle zeigt”, so Schnabel.

Blick in die Sektoren

Mit Blick auf die einzelnen Wirtschaftssektoren fällt auf, dass sich die Lage im verarbeitenden Gewerbe etwas aufhellt. Der Lagesaldo steigt von +1 auf +4 Punkte. Die Geschäftserwartungen verbessern sich deutlich von -11 auf +9 Punkte. Treiber hierfür ist eindeutig das Auslandsgeschäft: Der Saldo der Auslandsumsätze verbessert sich von -26 auf +12 Punkte. Dagegen verschlechtert sich der Saldo der Inlandsumsätze von -16 auf -20 Punkte. “Diese gegenläufige Entwicklung zeigt wie unter dem Brennglas, dass der Standort ein Problem hat und es hier an Dynamik mangelt”, so Schnabel. So sinkt auch die Kapazitätsauslastung auf 76 Prozent (- 3 PP) und bleibt damit unter dem langjährigen Durchschnitt von 82 Prozent.
Die Einzelhändler schätzen ihre Lage weiterhin als schlecht ein, wenngleich sich der Lagesaldo von -19 auf -15 Punkte leicht verbessert. Bei den Erwartungen für die kommenden zwölf Monate bleibt die Branche besonders pessimistisch. Der Saldo steigt nur geringfügig von -43 auf -40 Punkte. Die Investitionsabsichten drehen von -27 auf +2 Punkte, während sich der Beschäftigungssaldo von -19 auf -33 Punkte verschlechtert. “Der private Konsum bleibt unsere zentrale Wachstumsbremse. Der Verlust von Kaufkraft durch deutlich gestiegene Energiepreise und höhere Belastungen durch Sozialbeiträge und steigende Zinsen sowie die Unsicherheit über den eigenen Arbeitsplatz verunsichern viele Verbraucher und führen dazu, dass sie sich mit größeren Anschaffungen zurückhalten”, so Schnabel.
Die Großhändler bewerten ihre Geschäftslage schlechter als noch im Frühsommer. Der Lagesaldo sinkt von -5 auf -10 Punkte. Die Erwartungen verbessern sich dagegen deutlich von -27 auf -15 Punkte, da der Großhandel zeitversetzt von den Exporterfolgen der Industrie profitieren wird. Sie bleiben jedoch im negativen Bereich. Auch die Investitions- und Beschäftigungspläne fallen mit -13 beziehungsweise -18 Punkten weiterhin negativ aus.
Im Vergleich mit den anderen Sektoren beurteilen die Dienstleister ihre Lage weiterhin mit Abstand am günstigsten. Der Lagesaldo stagniert nahezu auf vergleichsweise hohem Niveau (+23 Punkte, + 1 Punkt). Noch deutlicher hellen sich die Erwartungen auf: Der Saldo verbessert sich von -15 auf +6 Punkte. Auch Investitions- und Beschäftigungspläne liegen mit +18 beziehungsweise +3 Punkten im positiven Bereich. Besonders günstig ist die Lage bei den unternehmensbezogenen Dienstleistern und im Finanzgewerbe, die von der Digitalisierung, von Transformationsprojekten in den Unternehmen sowie von der verbesserten Stimmung in der Industrie profitieren. Bei den personenbezogenen Dienstleistungen verbessert sich die Stimmung, während Hotel- und Gastgewerbe trotz einer stabileren Nachfrage vorsichtig bleiben.