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Hoffen ist keine Strategie
Weltweit verschärfen sich die Herausforderungen für Handelsströme, Lieferketten und Partnerschaften. Exportkontrollen für Hightech-Produkte, wachsender Protektionismus und neue geopolitische Blockbildungen führen zu massiven Verwerfungen im globalen Handel. Unternehmen sind gezwungen, ihre internationalen Wertschöpfungsketten unter hohem Zeit- und Anpassungsdruck neu zu denken. Was bedeutet die neue geopolitische Weltlage für die Zukunft mittelständischer Betriebe? Prof. Michael A. Witt hat einige Antworten parat.
Herr Prof. Witt, was halten Sie derzeit für das drängendste Problem mit Blick auf die geopolitischen Auswirkungen für den deutschen Mittelstand?
Prof. Michael A. Witt: Wir haben es mit einer Verkettung von Problemen zu tun. Übergeordnet ist ihnen die Tatsache, dass die Globalisierung ihre institutionellen Grundlagen verloren hat. Schon 2008 mit der Finanzkrise hat sich abgezeichnet, dass der bisherige Garant für die Einhaltung der Spielregeln – die USA – diese Rolle nicht mehr werden erfüllen können, da sie nicht einmal ihr eigenes Finanz- system im Griff hatten. Seitdem findet ein Prozess der Deglobalisierung statt, also ein Weniger an weltweiter wirtschaftlicher Interdependenz. Ablesbar ist das unter anderem an den sinkenden Direktinvestitionen, die im Verhältnis zum weltweiten BIP seit ihrem Höhepunkt 2007 um circa 75 Prozent zurück gegangen sind. Bei den Zahlen zum internationalen Handel lässt sich diese Dynamik auf den ersten Blick zwar so nicht ablesen, hier haben wir einen Seitwärtstrend. Doch hier werden die Daten auch erheblich verzerrt. Zum Beispiel werden durch Zollvermeidungsstrategien mit Zwischen- exportländern Handelsströme mehrfach erfasst, was den Handel größer erscheinen lässt, als er ist. Lassen Sie uns kurz bei den Vereinigten Staaten bleiben, wie schätzen Sie deren zukünftige Außenpolitik ein? Die Strategie des „America only“, die sie gewählt haben, um dem eigenen Niedergang im Vergleicht zu China entgegenzuwirken, halte ich nicht für zweckdienlich. Ich gehe aber stark davon aus, dass die USA eine Form dieser Politik auch unter einem Präsidenten nach Trump, auch einem möglichen demokratischen, fortsetzen werden, da bereits die Biden- Administration protektionistisch eingestellt war. Wer nun in Deutschland hofft, die USA werden schon irgendwann zu alter Stärke und Verlässlichkeit zurückkehren, der fährt in meinen Augen einen gefährlichen Kurs. Hoffen ist keine Strategie.
Was bedeutet dies nun für den deutschen Außenhandel, die mittelständischen Firmen?
Die weltweite Integration befindet sich im Rückwärtsgang, das ist nicht nur schmerzhaft, sondern wird vor allem auch teuer. Einige großen Unternehmen haben auf diese Entwicklungen bereits reagiert und ihr Geschäft segmentiert, anfangs mit China for China, jetzt zunehmend mit USA for USA und auch Europa für den Rest der Welt. Verloren gehen dabei die Synergien, die früher einen nicht unerheblichen Teil des Profits ermöglichten.
Was Sie schildern, scheint eine probate Strategie für Großunternehmen zu sein. Was kann der Mittelstand davon realistisch umsetzen?
Natürlich fällt es den mittelständischen Firmen aufgrund ihrer Ressourcenknappheit in der Regel schwerer, den Weltmarkt ähnlich zu segmentieren. Gerade kleinere Unternehmen werden sich dann vielleicht auf den Heimatmarkt, die EU, zurückziehen. Wobei dieser Markt erheblich größer sein könnte, als er momentan ist. In der EU gibt es noch erhebliches Potenzial, das die Politik schleunigst realisieren sollte, indem sie Handelshemmnisse gerade im Servicebereich endlich abbaut. Andere Strategien sind zum Teil ungleich komplizierter. Man kann zum Beispiel den geografisch riskanteren Unternehmensteil ausgliedern und an die Börse bringen und gleichzeitig den geografisch risikoärmeren Teil im Familienbesitz belassen. Aber das erfordert Ressourcen, die vielen kleineren und auch mittleren Betrieben nicht zur Verfügung stehen.
Sie sprechen von diesen Maßnahmen in der Vergangenheit. Wann haben Großunternehmen mit der Umsetzung begonnen?
Einige nach meiner Beobachtung vor mindestens fünf Jahren, also schon vor Covid. Wer also heute beginnt, ist eigentlich schon ein halbes Jahrzehnt hinten dran. Das Fazit ist leider, dass Chancen im unstrukturierten Exportgeschäft schrumpfen. Soweit die Perspektive der Wirtschaft, der Unternehmen. Die Europäer haben meines Erachtens aber auch auf politischer Ebene den Ernst der Lage noch nicht ausreichend begriffen. In Asien sagt man: „Europa ist reich, aber weltpolitisch irrelevant“, und ich fürchte, dass das stimmt. Deutschland stellt etwa noch drei Prozent der globalen Wirtschaftsleistung, allein wird es das Land also sicherlich nicht richten. Es ist Zeit, sich als Europäische Union stärker gemeinsam aufzustellen und den kleinteiligen Streit beizulegen.