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Geopolitische Risiken managen
Geopolitische Entwicklungen sind heute längst Teil des unternehmerischen Alltags. Zölle, Exportkontrollen oder Eingriffe in Lieferketten verändern die Rahmenbedingungen für internationale Geschäfte oft innerhalb kürzester Zeit. Das macht Planung, Finanzierung und Umsetzung schwieriger. Wie Unternehmen dem am besten begegnen können, erläutern Expertinnen und Experten und veranschaulicht das Beispiel eines Global Players.
Die Welt dreht sich immer schneller und mit ihr die Dynamik im Exportgeschäft. „Das zeigt sich auch in unseren Umfragen“, sagt Dr. Volker Treier, Außenwirtschaftschef und Mitglied der Hauptgeschäftsführung der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) in Berlin. 69 Prozent der international aktiven Betriebe berichteten inzwischen von zusätzlichen Handelshemmnissen – so viele wie nie zuvor. Die jüngsten Spannungen im Nahen Osten hätten außerdem deutlich gemacht, wie schnell sich geopolitische Krisen auf Lieferketten, Energiepreise oder Transportwege auswirken können. „Resilienz ist vor diesem Hintergrund heute ein entscheidender Wettbewerbsvorteil“, so Treier. Die größte Herausforderung sei die wachsende Unsicherheit ganz generell.
Resilienz ist heute ein entscheidender Wettbewerbsvorteil.Dr. Volker Treier, Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK)
Geopolitische Konflikte, Handelsbeschränkungen und Exportkontrollen erschweren Investitionen und eine langfristige Planung. Besonders deutlich wird das bei kritischen Rohstoffen. Exportbeschränkungen zeigen, wie verwundbar Betriebe werden können, wenn sie von einzelnen Lieferländern abhängig sind.
Immer das Einzelgeschäft betrachten
Mit einer passenden Finanzierung, abgestimmt auf die aktuelle politische Lage, reduziert sich das Risiko. Andrea Lutz ist Geschäftsführerin der S-International Nordbayern GmbH & Co. KG mit Sitz in Nürnberg. Sie hat angesichts der Geschwindigkeit, mit der sich die Rahmenbedingungen derzeit verändern können, vor allem einen Rat an Unternehmen, die ihre Exportgeschäfte im Hinblick auf Transport-, Währungs-, Bonitäts- und Konvertierungsrisiken absichern wollen: „Reden, reden, reden, denn es kann sich alles täglich ändern. Wichtig ist ein maßgeschneidertes Finanzierungskonzept. Es bieten sich immer abgestimmte individuelle Lösungen und Konzepte.“ Ihr Unternehmen dient dabei als Beratungs- und Realisierungsorganisation des internationalen Handels für die Kunden von 25 Sparkassen in Franken, der Oberpfalz und Niederbayern. Aus ihrer Beratungserfahrung weiß sie, dass kein Geschäft wie das andere ist. Generelle Ratschläge über das enge Kontakthalten hinaus seien schwierig, eine Empfehlung sei aber, international übliche Regelungen zu treffen.
Keine allgemeine Finanzierungsverteuerung
„Die Risiken, die wir gemeinsam mit den Unternehmen identifizieren, fließen in die Kalkulation ein, wir sehen dann den künftigen Cashflow und wo gegebenenfalls Lücken entstehen“, erklärt die Finanzexpertin den Prozess. Nach wie vor seien das Dokumentenakkreditiv, Bankgarantien und hermesgedeckte Exportgarantien die häufigsten und wichtigsten Instrumente der kurzfristigen Export- finanzierung. 95 Prozent der Kunden arbeiteten damit. Grundsätzlich ließe sich aber das, was augenblicklich das größte Handelshemmnis sei – die geopolitische Unberechenbarkeit – nicht absichern, deshalb gebe es durchaus in bestimmten Handelsbeziehungen Rückgänge, aber „die Unternehmen stehen alle Gewehr bei Fuß. Sobald sich das wieder beruhigt, geht es auch dort wieder aufwärts“, so Lutz. Auch DIHK-Experte Treier betont, dass der Blick nicht nur auf die Risiken gerichtet sein sollte: „Die Welt bietet weit mehr Wachstumsperspektiven als nur die großen Märkte USA und China. Viele Länder suchen eine engere wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Europa. Neue Möglichkeiten in Lateinamerika eröffnet das Mercosur-Abkommen.“ Weitere Abkommen mit Indien, Australien oder Indonesien sollten zügig umgesetzt werden. Als wichtigste Einzelmaßnahme nennt er die Optimierung der Lieferketten. Diversifizierung bedeute hier nicht nur mehr Resilienz, sondern eröffne auch neue Wachstumschancen.
Lokale Fähigkeiten in allen vier Weltblöcken
Weshalb das so ist, zeigt der Blick auf das Beispiel der Neutraublinger Krones AG. Dr. Josef Plank betont als Leiter der Konzernstrategie den großen Vorteil, den es biete, in allen Weltregionen aufgestellt zu sein. „Wir sehen, wie sich eine multipolare Weltordnung etabliert, im Wesentlichen mit den Blöcken USA, China/Russland, Europa/ Kanada/Südkorea und dem globalen Süden. Unsere Strategie zielt daher darauf ab, in jeder dieser Regionen lokale Fähigkeiten, Lieferanten- und Servicenetzwerke aufzubauen, um nahe am Kunden zu sein und unsere Resilienz zu stärken.“ In allen vier Blöcken werde weiterhin Handel betrieben werden, deshalb wolle man überall präsent sein.
Wir sehen, wie sich eine multipolare Weltordnung etabliert.Dr. Josef Plank, KRONES AG
Diese Resilienz koste, aber das sei der Preis, um in der Zukunft dabei sein zu können. „Das Stärken unserer Resilienz hilft uns gleichzeitig dabei, frühzeitig Trends zu identifizieren und Wettbewerbsvorteile aufzubauen“, so Plank. Geopolitik werde oft nur als Risiko gedacht, die Chancen würden dagegen in der Diskussion häufig übersehen. Um die Risiken zu managen, nutzt Krones ein System mit Frühwarnindikatoren und leitet daraus mögliche Szenarien und diesbezügliche Maßnahmen ab.
Beschaffung breiter aufstellen
Für den Mittelstand geht es oftmals zunächst ganz konkret und praktisch darum, den Zugang zu Rohstoffen und Vorprodukten zu sichern. Edda Wolf, Bereichsleiterin Rohstoffe bei Germany Trade & Invest (GTAI), hat hier eine klare Meinung: „Wer kritische Materialien weiterhin rein nach dem billigsten Preis einkauft, geht erhebliche Risiken ein.“ Die GTAI-Expertin rät mittelständischen Unternehmen zu einem grundlegenden Kurswechsel: „Das bedeutet, im Einkauf von einer reinen Kostenoptimierung zu einer Resilienz-Strategie zu wechseln.“ Um diesen Wandel erfolgreich zu gestalten, empfiehlt Wolf die Etablierung der sogenannten 4D-Strategie – Discover, Diversify, Defend, Develop.
Wer kritische Materialien weiterhin rein nach dem billigsten Preis einkauft, geht erhebliche Risiken ein.Edda Wolf, Germany Trade & Invest (GTAI)
Im Zentrum steht für sie zunächst absolute Transparenz, denn viele Firmen wissen laut der Expertin „erstaunlich wenig über ihre tatsächlichen Rohstoffabhängigkeiten“. Wolf betont, dass Betriebe kritische Materialien mittels einer klaren Risikomatrix priorisieren und von anfälligem Single-Sourcing konsequent auf ein robustes Multi-Sourcing umschalten sollten.
Neue Allianzen schmieden
Um die finanziellen Folgen dieser Umorientierung besser tragen zu können, empfiehlt die Expertin neue Kooperationsformen: „Ein einzelner Mittelständler hat oft weder die Marktmacht noch die finanziellen Ressourcen, um neue Rohstoffquellen aufzubauen oder in Bergbauprojekte zu investieren – im Verbund sieht das anders aus.“ Rohstoffallianzen seien ein strategischer Schlüssel, um Nachfragemengen zu bündeln, gemeinsame Lieferanten- Audits zu finanzieren oder hochpreisige Pufferlager gemeinschaftlich zu betreiben. „Die Gewinner der nächsten zehn Jahre werden nicht diejenigen sein, die Rohstoffe am billigsten einkaufen, sondern diejenigen, die auch in Krisenzeiten zuverlässig Zugang zu Rohstoffen haben und so lieferfähig bleiben.“ Den strategischen Wert neuer Allianzen betont auch DIHK-Experte Treier: „Partnerschaften mit Ländern wie Kanada, Australien, Chile oder Brasilien können dazu beitragen, kritische Abhängigkeiten zu verringern und den Zugang zu wichtigen Rohstoffen zu sichern.“ Wirtschaftliche Sicherheit bedeute aus Sicht der Unternehmen nicht weniger Internationalisierung, sondern eine klügere Internationalisierung.