Wirtschaft konkret
Nr. 7095514
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Titel - Ausgabe Juli 2026

Jobs im Wandel

Mehrere große Treiber macht das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg (IAB) bei der Transformation des Arbeitsmarktes aus. Hauptverantwortlich für das künftige Wachstum wird aber die Dekarbonisierung sein. Sichtbar ist das bereits jetzt, denn sogenannte Grüne Jobs weisen schon heute die stärksten Zuwächse auf. Auch die Personalvermittlungspraxis spiegelt dieses Forschungsergebnis wider.
Der Strukturwandel betreffe alle Branchen, „aber wer betroffen ist, leidet nicht automatisch“, weiß Dr. Florian Lehmer, Experte am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit. Aus Sicht der Forschung stehe fest: „Die Arbeitswelt wird digitaler und grüner.“ Die ökologische Transformation werde sehr breit wirken, und was strukturell in Deutschland fehle, sei ebenfalls schon länger bekannt: Es gebe zu wenig Gründungen und nicht genügend Beschäftigungsaufbau bei kleinen Betrieben – beides ursächlich in der Verunsicherung begründet, die seit 2020 ganz allgemein die Investitionsbereitschaft der deutschen Wirtschaft hemme. Der gegenwärtige Strukturkonservatismus koste noch weitere Arbeitsplätze und bremse das Wachstum.
„Die Arbeitswelt wird digitaler und grüner.“

Fast 60 Prozent mehr Grüne Jobs

Soweit der nackte Befund, doch was heißt das für die Betriebe? Diese seien in jedem Fall gut beraten, wenn sie den Transformationsprozess transparent gestalten, meint der Forscher. Heilmittel Nummer eins sei die Fort- und Weiterbildung der Beschäftigten sowie die Schaffung eines positiven Bewusstseins für lebenslanges Lernen. Denn die Jobs ändern sich – jedenfalls die meisten – und auch die Wachstumsbranchen werden andere. Binnen zehn Jahren, zwischen 2012 und 2022, ist die Beschäftigung in Grünen Berufen um fast 60 Prozent angewachsen. Green Jobs oder Grüne Berufe sind Arbeitsplätze, die direkt oder indirekt zum Umwelt- und Klimaschutz beitragen, natürliche Ressourcen schonen und den Übergang zu einer nachhaltigen Wirtschaft fördern. Dazu gehören beispielsweise Fachkräfte für Kreislauf- und Abfallwirtschaft, Bauingenieure für nachhaltiges Bauen, Fachkräfte für E-Mobilität, Windkrafttechniker, Energieberater oder Nachhaltigkeitsmanager. Dagegen verringerte sich die Anzahl der Berufe mit umwelt- und klimaschädlichen Kompetenzen, auch „Brown Skills“ genannt – die Beschäftigung stagnierte in diesen Jobs. Das IAB hat Prognosen zur Anzahl der Beschäftigten in bestimmten Branchen bis zum Jahr 2040 aufgestellt und dabei beschäftigungsabbauende und -aufbauende Branchen herausgearbeitet. Demnach werden die Bereiche Heime und Sozialwesen, IT, Erziehung und Unterricht sowie Ingenieurbüros Wachstumsbranchen sein. Rückläufig entwickelt sich die Beschäftigung laut dieser Prognose dagegen besonders in den Bereichen Bau, Verwaltung, Handel und Finanzdienstleistungen.

Performance und Präsenz gefordert

„Die Firmen rechnen genauer, achten sehr auf Performance und wollen wieder mehr Präsenz im Büro.“
Ist das heute schon spürbar? Martina Stahl-Förster, Geschäftsführerin der Günter Stahl GmbH Personal- und IT-Unternehmensberatung aus Wackersdorf, beobachtet derzeit vor allem einen Wandel bei gefragten Skills. „Die Firmen rechnen genauer, achten sehr auf Performance und wollen auch wieder mehr Präsenz im Büro“, erklärt die Branchenkennerin. Hinsichtlich des Kompetenzspektrums registriert sie zwei gegenläufige Trends: „Wir haben zum einen Auftraggeber, die sehr spezifische Fachkräfte suchen, zum Beispiel einen Leiter Finance & Controlling mit SAP-Expertise, zum anderen steigt die Flexibilität und damit die Bereitschaft, Quereinsteiger zu rekrutieren.“ Diese Anforderungen treffen auf einen Arbeitsmarkt, der von Verunsicherung geprägt ist, was zu einer geringen Wechselbereitschaft von Fachkräften führt. „Das verursacht Stillstand und wird zum Problem“, sagt Stahl-Förster. Positive Entwicklungen sieht sie im Bereich der Erneuerbaren Energien sowie der IT und Digitalisierung. Unternehmen rät Stahl-Förster, auf Fort- und Weiterbildung – insbesondere im Bereich der Künstlichen Intelligenz – zu setzen sowie die Belegschaft fit zu machen, damit sie zu den betrieblichen Rollen und Aufgaben passen. So gelinge das viel gewünschte und gesuchte Match.

Und die Automatisierungsdebatte?

Doch nicht immer sind die Mitarbeitenden von der ersten Stunde an bereit, die Veränderungen mitzugehen. So schürt die Verbreitung von KI-unterstützten Prozessen bei vielen die Sorge davor, dass ihre Jobs Rationalisierungsmaßnahmen zum Opfer fallen. Diese Bedenken sind aber nur teilweise begründet. „Der Jobfuturomat des IAB zeigt zwar an, wie hoch das Automatisierungspotenzial bestimmter Berufe ist – und das kann wie im Bereich der Steuerfachgehilfen schon mal bei 100 Prozent liegen“, erklärt Experte Lehmer. Allerdings habe sich dieses im genannten Beispielberuf zuletzt wieder verringert, einfach aufgrund der Tatsache, dass neue Aufgaben und Tätigkeitsbereiche hinzugekommen seien. Generell benötigten Betriebe, die stark in neue Technologien investieren, oftmals eher zusätzliches denn weniger Personal. „Automatisierung und der daraus resultierende Zuwachs an Produktivität wirken keineswegs immer arbeitssparend“, so Lehmer. Im Gegenteil: Betriebe mit hohem Tech-Invest wachsen überdurchschnittlich schnell, in Umsatz wie in Beschäftigtenzahlen.

Erfolgsfaktor Qualifizierung

“Qualifizierung und Ausbildung ist der Schlüssel, um den Strukturwandel zu bewältigen.”
„Die interne Qualifizierung und Ausbildung ist der Schlüssel, um den Strukturwandel zu bewältigen“, weiß auch Karen Fisher, Referentin Fachkräftesicherung bei der IHK in Regensburg. Sie verweist auf den IHK Arbeitsmarktradar Bayern, der eine wachsende Fachkräftelücke prognostiziert. Ein zentraler Grund dafür sei, dass Angebot und Nachfrage am Arbeitsmarkt oft nicht übereinstimmten. „Offene Stellen stehen Arbeitslosen oder wechselwilligen Beschäftigten gegenüber, denen häufig die passenden Qualifikationen fehlen. Gleichzeitig verschiebt sich Beschäftigung in wachstumsstarke Bereiche wie Gesundheit, Erziehung, öffentliche Verwaltung und Bau, während industrielle Branchen eher rückläufig sind“, weiß Fisher. Um diese Lücke zu schließen, gewinne die gezielte Weiterqualifizierung an Bedeutung. Unternehmen müssten Weiterbildung strategisch verankern und Beschäftigte auf neue Anforderungen vorbereiten. Klar sei auch: „Wirtschaft, Politik und Bildungsträger müssen dabei gemeinsam an einem Strang ziehen.“