Wirtschaft konkret
Nr. 7095518
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Titel - Ausgabe Juli 2026

Erheblich besser als gedacht

Wie steht es um die Transformationsfähigkeit der bayerischen Firmen? Welche Rolle spielen Beschäftigte und Unternehmenskultur? Gibt es allgemein gültige Gelingensfaktoren und Handlungsempfehlungen? Katharina Hochfeld, Leiterin des Center for Responsible Research and Innovation am Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) in Berlin, kennt die Antworten.
Frau Hochfeld, wie ist es um die Transformationsfähigkeit der deutschen Wirtschaft bestellt?
Katharina Hochfeld: Tatsächlich besser, als viele denken. Das Narrativ, dass sich unsere Unternehmen überhaupt nicht mehr verändern können, ist schlichtweg falsch – wir sehen es nämlich in den Zahlen in der Zuspitzung nicht. So sind die Firmen im Gegenteil zum Beispiel richtig gut darin, Innovationsprozesse aufzusetzen, haben eine gute Kundenorientierung und verstehen es, ihre Mitarbeitenden einzubinden. Gleichwohl gibt es Herausforderungen, doch hier gilt es, fokussiert zu prüfen, wo genau der Handlungsbedarf liegt.
Wo gibt es ungeachtet dieser positiven Ergebnisse noch Defizite?
40 Prozent der Unternehmen sagen uns, dass sie keine klare Vision haben, kein Ziel, zu dem die Veränderungen führen sollen. Das führt zu Problemen bei der Akzeptanz innerhalb der Belegschaft. Es muss klar werden, warum wir das alles machen, wie die bessere Zukunft aussehen soll. Gibt es diese übergeordnete Vision nicht, dann gehen die Mitarbeitenden auch nicht mit.
Warum geben sich die Firmen denn keine klaren Visionen?
Dahinter steckt vielleicht die Sorge, dass man später an einmal ausgegebenen Zielen gemessen wird, die man möglicherweise nicht erreichen konnte. Besser wäre an dieser Stelle dennoch, mit einer Vision zu arbeiten, auch wenn man später den Kurs vielleicht korrigieren muss oder merkt, dass man zu ehrgeizig vorgegangen ist.
Wo können Firmen aktiv werden, um ihre Transformationsfähigkeit zu stärken?
in wichtiges Feld ist KI, darüber wird ohnehin viel geredet, und daneben das Thema Innovationsökosysteme. Die Probleme werden größer, daher brauchen Firmen heute ein Netzwerk, Partner, mit denen sie gemeinsam Lösungen finden können. Das sind Forschungseinrichtungen, Start-ups oder Dienstleister. Doch nur knapp die Hälfte der Unternehmen hat aktuell überhaupt solche Partnerschaften. Hier sollten sich insbesondere auch die kleineren Firmen mehr öffnen, da sie von Netzwerken noch stärker profitieren können als die großen – und sie gleichzeitig seltener unterhalten.
Gibt es darüber hinaus allgemein gültige Erfolgsfaktoren?
Wir haben in unserer Forschungsarbeit insgesamt 31 verschiedene Erfolgsfaktoren gefunden und geclustert. Zu den wichtigsten zählen etwa der Führungsstil oder ein richtiges Maß an Fluktuation. Grundsätzlich gilt, wie eingangs schon erwähnt, die deutschen Unternehmen sind hier in vielen Bereichen gut, haben mehrheitlich eine Organisationskultur etabliert, die Mitarbeitende aktiv dabei unterstützt, ihre eigenen Ideen einzubringen, und Neuem gegenüber offen ist.
Wie wichtig ist die Organisationskultur generell in diesem Zusammenhang?
Sehr wichtig, denn das Arbeitsklima hat großen Einfluss auf Motivation und Innovationsfähigkeit. In einem Umfeld der psychischen Sicherheit, in dem es ok ist, über Fehler zu sprechen, erlebe ich viel Selbstbestimmung und Selbstkompetenz. Führungskräfte haben also derzeit vor allem die Aufgabe, ein Klima zu schaffen, in dem Menschen keine Angst haben, Dinge auszuprobieren. Dazu dürfen und sollen sie die eigene Unsicherheit ebenfalls thematisieren, erklären, dass auch sie keine Lösung für alles haben, aber den Rahmen setzen und mit dem Team gemeinsam daran arbeiten, dass es klappt.
Was raten Sie Firmen, die einen Startpunkt für mehr Transformationsfähigkeit suchen?
Beginnen Sie mit einer datenbasierten Bestandsaufnahme: Wo läuft es gut? Wo sind die Herausforderungen? Erstellen Sie ein möglichst evidenzbasiertes Stärken- und Schwächenprofil. Definieren Sie klare Meilensteine und agieren Sie iterativ, stellen Sie alles regelmäßig auf den Prüfstand. Als anwendungsorientierte Forscherin plädiere ich zudem unbedingt dafür, dass die Firmen die Daten, die sie haben, auch nutzen. Denn häufig wird zwar allerhand erhoben, zur Evaluation genutzt wird es aber häufig eher nicht.
  • Offenheit für Neues ist da: 76 Prozent berichten von Offenheit gegenüber Neuerungen
  • Trend- und Marktsignale werden aktiv gesucht: Rund 70 Prozent recherchieren systematisch relevante Informationen und Trends
  • Lernen ist verankert: 83 Prozent fördern regelmäßige Weiterbildung und Befähigung
  • Daten werden genutzt: 88 Prozent verwenden vorhandene Daten eher bis sehr stark für Geschäftsentscheidungen
  • Top-Management zieht an einem Strang: Nur sechs Prozent sagen, strategische Entscheidungen würden nicht geschlossen getragen

Top 5 der einflussreichsten Faktoren für Transformationsfähigkeit

  1. Innovationskultur: Offene Einstellung gegenüber Neuerungen und Innovationen
  2. Innovationsfähigkeit: Fähigkeiten, Innovationen zu generieren, zu implementieren und zu strukturieren
  3. Zugang: Zugang zu KI, qualitativ hochwertigen digitalen Tools und strategisch eingesetzten IT-Systemen
  4. Verantwortungsübernahme: Persönliche Verantwortungsübernahme für Transformation durch Führungskräfte, abgestimmtes Vorgehen im Management-Team
  5. Wissen: Wissen zu Auswirkung von Digitalisierung und zu neuen Technologien
Quelle: Fraunhofer Transformationsindex 2025