Wirtschaft konkret
Nr. 6981170
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Titel - Ausgabe März 2026

Wo Wissen und Ideen fließen

Damit Wissenschaft und Wirtschaft wirksam zusammenarbeiten können, müssen bestimmte Voraussetzungen gegeben sein. Prof. Dr. Susanne Leist, Vizepräsidentin für Digitalisierung, Transfer und Netzwerke an der Universität Regensburg und Prof. Dr. Ralf Wagner, Wissenschaftliche Leitung des UR Science Outreach, sprechen darüber, wie die Hochschule den Wissenstransfer stärken will und wo politische Weichenstellungen nötig sind.
Die Universität Regensburg hat den Bereich „Transfer" in den letzten Jahren neugestaltet. Wo lag dabei der Fokus?
Prof. Dr. Susanne Leist: Vor dem Hintergrund des Bayerischen Hochschulinnovationsgesetzes (BayHIG) hat die Universität Regensburg Maßnahmen ergriffen, um den Wissenstransfer zu stärken. Die 2025 gegründete Zentrale Einrichtung „UR Science Outreach“ überführt das bisherige Verwaltungsreferat FUTUR in eine neue organisatorische Struktur, die dem Thema Outreach mehr Sichtbarkeit verleihen und die Leistungsfähigkeit erhöhen soll. Die Zentrale Einrichtung ist dreigegliedert: Das Knowledge & Innovation Center fokussiert sich auf Wirtschaftskooperationen und wissenschaftsbasierte Dienstleistungen. Das Invention Center ist zuständig für Erfinderberatung und Intellectual Property Management und das Entrepreneurship Center bietet Gründungsberatung und -förderung. In absehbarer Zeit sollen die Center erweitert werden.
Was zeichnet einen erfolgreichen Forschungstransfer aus?
Prof. Dr. Susanne Leist: Forschungstransfer sollte langfristig und im wechselseitigen Austausch angelegt sein. Dieser entsteht dort, wo Wissenschaft auf Bedarfe und Erfahrungen aus Wirtschaft, Gesellschaft oder Politik trifft. Die Bedeutung des wechselseitigen Austauschs zeigen auch unsere Clusteraktivitäten. Kooperationen zwischen der Universität Regensburg, OTH und regionalen Partnern stärken das Gründungs- und Innovationsökosystem. Gleichzeitig machen Formate wie Nacht.Schafft.Wissen, „Uni goes Downtown“ oder „Spotlight on Teaching“ Forschung erlebbar und fördern Dialog.
Gibt es Projekte, die Ihnen besonders positiv im Gedächtnis geblieben sind?
Prof. Dr. Susanne Leist: Seit zwei Jahrzehnten fördert das bundesweite Online-Mentoring-Programm CyberMentor Schülerinnen und bringt sie mit Mentorinnen aus Wissenschaft und Wirtschaft zusammen. Ziel des Programmes ist es, Mädchen für MINT-Fächer zu begeistern und den Anteil von Frauen in technischen und naturwissenschaftlichen Berufen zu erhöhen. Konzipiert wurde CyberMentor von Prof. Dr. Heidrun Stöger von der Universität Regensburg und Prof. Drs. Albert Ziegler von der FAU Erlangen-Nürnberg. Ein weiteres Beispiel ist die Ausgründung der GeneArt AG aus der Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Ralf Wagner. Die Firma aus dem Bereich der Lebenswissenschaften schaffte 2006 den Sprung an die Deutsche Börse und wurde 2010 an den US-Konzern Life Technologies Inc. – heute Thermofischer – veräußert. Gerade in den frühen Jahren profitierte die GeneArt, die heute noch am Standort Regensburg ansässig ist, von der Nähe zur Universität und öffentlichen Förderungen. Ein aktuelles Beispiel ist das Start-up „Complioty“, eine Ausgründung unter Leitung von Prof. Dr. Stefan Schönig von der Universität Regensburg. Das Start-up bietet Compliance-as-a-Service und automatisiert Sicherheitsanalysen und Konformitätsnachweise. Complioty wird vom BMBFTR gefördert und wurde mehrfach ausgezeichnet.
Welche Rolle spielen solche Ausgründungen für eine Region?
Prof. Dr. Ralf Wagner: Ausgründungen binden hochspezialisiertes Know-how. Die Voraussetzungen dafür haben die Stadt Regensburg und das Land Bayern beispielsweise mit dem BioPark Regensburg, der TechBase und dem Gewerbepark geschaffen, wo sich Ausgründungen universitätsnah ansiedeln können. Derart gebundenes Know-how zieht Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus dem In- und Ausland an und unterstützt damit die Wettbewerbsfähigkeit der neuen Firmen, schafft Arbeitsplätze und generiert Steuereinnahmen.
Wie beurteilen Sie das Ökosystem in der Region?
Prof. Dr. Ralf Wagner: Wir verfügen in der Oberpfalz mit der Universität Regensburg, dem Universitätsklinikum, unseren Projektpartnern im GründungsHUB Ostbayern und den außeruniversitären Forschungseinrichtungen wie beispielsweise das Leibnitz Institut für Immuntherapie und die Fraunhofer Arbeitsgruppen über ein hervorragendes Forschungsumfeld, das in den letzten Jahren bereits zahlreiche Ausgründungen hervorgebracht hat. Gemeinsam mit den Mittelständlern in der Region ergibt sich ein fruchtbares Ökosystem. Initiativen wie die Digitale Gründerinitiative Oberpfalz (DGO) und der GründungsHUB Ostbayern unterstützen die Vernetzung. Jedoch sind weitere finanzielle Mittel nötig. Andere Regionen profitieren von Spenden in Millionenhöhe. So konnte beispielsweise das mit der TU München (TUM) verzahnte Innovationszentrum „UnternehmerTUM“ gegründet werden, das jährlich mehr als 100 Ausgründungen hervorbringt.
Welche Rahmenbedingungen hemmen den Forschungstransfer?
Prof. Dr. Susanne Leist: Bürokratische und administrative Anforderungen sind eine Herausforderung. Berichtspflichten, komplexe Förderregularien, aufwendige Vertrags- und Prüfprozesse sowie rechtliche Vorgaben binden erhebliche personelle Ressourcen. Forschende müssen zunehmend administrative Aufgaben übernehmen. Daneben erschweren fragmentierte Zuständigkeiten, fehlende Standardisierung sowie lange Entscheidungswege die Zusammenarbeit mit externen Partnern.
Welche Veränderungen braucht es, um die Zusammenarbeit künftig zu fördern?
Prof. Dr. Ralf Wagner: Es braucht eine administrative Entlastung, klare Prozesse und unterstützende Strukturen, die den Aufwand für bürokratische Anforderungen reduzieren und Freiräume für Austausch und Kooperation schaffen. Daneben ist eine angemessene Grundausstattung nötig, um entsprechende professionelle Strukturen aufbauen zu können. Mit Blick auf Gründungen lohnt an dieser Stelle auch ein Blick ins angelsächsische Ausland, wo von Business Angels oder Chancenkapitalgebern bereitgestelltes Eigenkapital steuerlich begünstigt wird. Gerade DeepTech-Firmen sind in der Vor- und Nachgründungsphase in erheblichem Umfang von Eigenkapital abhängig.