Standort im Fokus

Ob sich Firmen ansiedeln oder langfristig an einem Standort bleiben, hängt maßgeblich von den passenden Rahmenbedingungen vor Ort ab – von Infrastruktur und Fachkräfteangebot bis hin zu Innovationspotenzial und Lebensqualität. Die IHK befragt alle fünf Jahre Firmen verschiedenster Branchen, wie zufrieden sie mit dem Wirtschaftsraum Oberpfalz-Kelheim sind. Wir stellen die Ergebnisse der Standortanalyse 2025 vor und haben zudem vier Betriebe befragt, was einen erfolgreichen Standort ausmacht.
Im Mittelstand entstehen Standorte selten nach Plan, sondern entwickeln sich über Jahre oder sogar Jahrhunderte. Häufig verleihen Orte Unternehmen erst ihre Identität und Authentizität, indem sie eine klare Verortung bieten. Sie sind Bezugspunkte, die Orientierung schaffen – und müssen zugleich den Anforderungen der Unternehmen entsprechen. So würde eine Einzelhändlerin nach einer Stärken-Schwächen-Analyse heute vermutlich kaum auf die Idee kommen, ein 1.800 Quadratmeter umfassendes Bekleidungshaus in einem 4.000-Einwohner- Städtchen zu errichten.
„Wir brauchen flexiblere Ladenöffnungszeiten.“
Anders ist es, wenn dieses Haus bereits auf eine 200-jährige Geschichte zurückblickt. Das bedeutet nun nicht, dass es keiner Standortpolitik bedarf, ganz im Gegenteil. Denn je passender die Umgebung, desto erfolgreicher können Unternehmen wirtschaften. Stephanie Jechnerer betreibt insgesamt fünf Einzelhandelsgeschäfte – eines davon, das Bekleidungshaus Frühauf, in ihrem Heimatort Freystadt, die anderen vier im rund 15 Kilometer entfernten Neumarkt. „Wir sind hier in Freystadt eine Einkaufsstadt“, sagt Jechnerer. Neben ihrem eigenen gibt es hier noch zwei weitere große Geschäfte in der Innenstadt, ein Café und etwas Kulinarik.

Einkaufserlebnisse schaffen

Damit die kleine Stadt als Standort erfolgreich ist, legen die Unternehmerinnen und Unternehmer vor Ort selbst Hand an – und investieren kräftig. Das Bekleidungshaus Frühauf wird gerade umgebaut und modernisiert, neben klassischer Ladeneinrichtung gibt es auch eine Espressobar. Es geht um das Einkaufserlebnis, das das städtische Umfeld zwar unterstützt, aber womöglich nicht genügend. Jechnerer betont jedenfalls: „Wenn es kein Café mehr am Ort gibt, musst man als Händler selbst etwas machen, wenn man Frequenz haben möchte.“
Sie setzt in ihrem Freystädter Geschäft auf anlassbezogene Mode – also für Hochzeiten, Feiern und andere Gelegenheiten, die gehobene Kleidung erfordern. Dazu hat sie eine große, offene Schneiderwerkstatt im Geschäft eingerichtet und bietet Personal-Shopping-Termine an. Mit großem Erfolg: Freitags und samstags ist alles ausgebucht und der Laden immer voll. Damit kompensiert sie die fehlende Laufkundschaft wie in großen Zentren und gleicht damit, wenn man so will, einen Standortnachteil strategisch clever aus. Familienfreundliche Arbeitszeiten
Auf der anderen Seite sieht Jechnerer zwei handfeste Standortvorteile in Freystadt: „Die Leute kommen zu uns, weil sie hier bis vor die Türe fahren und direkt vor dem Geschäft parken können.“ Schwieriger sei das in größeren Städten. „Außerdem habe ich weniger Probleme, Personal zu bekommen, denn wir können hier samstags um 16 Uhr Schluss machen. Das ist mir wichtig, da wir ausschließlich Frauen beschäftigen, die oft auch noch familiäre Aufgaben haben.“ Eine Arbeitszeit, die sie so vermutlich nur im ländlichen Raum anbieten könne, denn große Einkaufszentren machten hier ganz andere Vorgaben.
Auch der Innenstadt-Entwicklung im benachbarten Neumarkt stellt sie ein gutes Zeugnis aus. „Hier war das Stadtmarketing in den vergangenen Jahren sehr aktiv und hat für Grünflächen, Wasserspielplätze und Liegestühle gesorgt, die Leute auch an heißen Tagen in die Stadt ziehen und dort halten“, betont Jechnerer. Standortpolitisch hat sie vor allem zwei Anliegen: „Wir brauchen flexiblere Ladenöffnungszeiten, damit wir nicht immer eine lange Nacht ausloben müssen, nur damit wir mal ein paar Stunden länger geöffnet haben dürfen.“

Standorttreue hat Vorteile

Genauso wie Stephanie Jechnerer denkt auch Dr. Wolfgang Rygol nicht daran, den Unternehmensstandort im 2.300 Einwohner zählenden Painten zu verlassen. „Das wäre schlichtweg unmöglich, denn unser Steinbruch ist ja hier“, sagt der 72-jährige Geschäftsführer der RYGOL Baustoffwerk GmbH & Co. KG. Seit 1947 sei die Rohstoffbasis des Betriebs in der Hand der Familie. 150 Hektar Vorranggebiet für den Abbau habe die Regionalplanung vor langer Zeit ausgewiesen, berichtet Rygol, der in München aufgewachsen und 1986 nach Painten gekommen ist.
An Painten schätzt er die Einstellung der Leute. „Sie sind motiviert und können wahnsinnig anpacken“, sagt der Geschäftsführer. Früher habe es in Painten überhaupt keine Fluktuation gegeben. „Du fängst beim Rygol an und gehst beim Rygol in Rente.“ Das habe sich teilweise geändert, obwohl die Mitarbeitenden immer noch sehr loyal seien. Painten wachse kontinuierlich und entwickle sich weiter. Seit etlichen Jahren gebe es Glasfaserverkabelung, zwei Kindergärten, eine Grundschule inklusive Mittags- betreuung. Das ziehe neue Bürgerinnen und Bürger an – und damit potenzielle Arbeitskräfte.

Anbindung bedeutend

Rygol habe daran einen Anteil und investiere jedes Jahr zwei Millionen Euro, beispielsweise in neue Lagerhallen, E-Lkws oder Kraftwärmekopplungsverfahren. „Uns muss keiner sagen, dass wir Energie sparen sollen, egal wie hoch der Strompreis ist“, so Rygol. Mit der eigenen Stromerzeugung über Photovoltaik mache er sich teilweise unabhängig davon. Die Abluftwärme der gasbetriebenen Kraft-Wärmekopplung trocknet die Kalksteinbrechsande und erzeugt dabei weitere 1,5 Millionen kWh Strom. Mit der Abwärme der Druckluftkompressoren werden im Winter die Betriebsgebäude beheizt.
“Uns muss keiner sagen, dass wir Energie sparen sollen, egal wie hoch der Strompreis ist.”
Standorttechnisch bedeutsam ist für Rygol die Anbindung an die Autobahn A3 und die A93 – vom Firmensitz einmal zehn bzw. 25 Kilometer entfernt. „Das passt“, sagt er. „Sie können ja auch nicht einfach hingehen und irgendwo einen Steinbruch aufmachen. Und wenn ich mit Kollegen in der Bundesrepublik spreche, beneiden mich viele um meine großen Lagerstätten-Ressourcen.“

Weitsichtige Flächenplanung

Auch bei der W. Markgraf GmbH & Co. KG spielte das Thema Fläche eine größere Rolle bei der Standortauswahl. Auf 65.000 Quadratmetern entwickelt die Bauunternehmung im oberpfälzischen Kemnath aktuell einen zusätzlichen Standort im neuen Gewerbegebiet West III, wo die Stadt weitsichtig große Flächen ausgewiesen hat. Seit 2023 laufen dort die Bauarbeiten für ein neues Ausbildungs- sowie Logistikzentrum.
Zuerst entstand das Logistik- und Mobilitätszentrum des Unternehmens mit Hauptsitz in Bayreuth, das mittlerweile fertiggestellt ist. Auf dem Gelände in der Hammergrabenstraße baut Markgraf derzeit das unternehmenseigene Trainings- und Ausbildungszentrum, das im Herbst 2026 fertig sein soll. Insgesamt hat die Bauunternehmung mehr als 40 Millionen Euro in den neuen Standort in Kemnath investiert – obwohl auch sie lieber am Stammsitz in Immenreuth erweitert hätte.
“Retrospektiv muss ich sagen, dass es trotz Bürokratie möglich ist, schnell Projekte umzusetzen, wenn die richtigen Partner beteiligt sind.”
„Das aber scheiterte zweimal vor dem Bayerischen Verwaltungsgerichtshof“, erklärt Geschäftsführer Liborius Gräßmann. Die Flächen waren gekauft, die Pläne standen, doch ein Anwohner war nicht einverstanden und gewann zwei Mal in München. „Wir hätten vermutlich einen dritten Anlauf genommen“, so Gräßmann, „wäre nicht die Fläche in Kemnath entstanden, die in absoluter räumlicher Nähe zu unserem Standort in Immenreuth, der immer die Herzkammer war, liegt.“ Hintergrund seien vor allem die Belange der Mitarbeitenden gewesen, die nun nur wenige Kilometer mehr oder weniger fahren müssten, denn die Standorte liegen nur genau fünf Kilometer voneinander entfernt.
So wurden nun Betriebsteile abgegrenzt, der Standort in Immenreuth werde ertüchtigt, der Stahlbau und das Fertigteilwerk dort belassen. „Retrospektiv muss ich sagen, dass es trotz Bürokratie möglich ist, schnell Projekte umzusetzen, wenn die richtigen Partner beteiligt sind und man keine Feigenblattdiskussionen führt“, sagt Gräßmann. Die grundlegenden Themen begännen bei den Unternehmen selbst, die rechtzeitig die richtigen strategischen Weichen stellen müssten.

Mehr Entscheidungsspielraum

Das würde sicherlich auch Leonhard Resch, Geschäftsführer der Brauerei Kneitinger GmbH & Co. KG in Regensburg unterschreiben. Kneitinger baut sein Geschäft auf 500 Jahren Tradition – „als städtische Regensburger Brauerei“, wie er betont. Deshalb komme bei der aktuellen Standortsuche für eine komplett neue Brauerei auch nur das Regensburger Stadtgebiet in Frage. „Es ist nicht so, dass wir den Pfeil werfen und sagen: Ah, Regensburg, das ist aber schön, da gehen wir hin. Sondern wir sind einfach von unserer Identität her eine Regensburger Stadtbrauerei. Kneitinger ist Regensburg.“ Einzige Standortbedingung außer dem „R“ auf dem Nummernschild: gute Infrastruktur in Sachen Verkehr und Versorgung.
“Es geht darum, ein Kulturgut zu erhalten.”
Die jüngste Investition der Brauerei am Regensburger Galgenberg verändert den dort seit bald zwei Jahrhunderten ansässigen Kneitinger Keller gemäß den Erfordernissen der Zeit. Insgesamt macht sich Resch für eine Reduzierung der Auflagen stark und verlangt genauso wie die Freystädter Einzelhändlerin Jechnerer von der Politik mehr unternehmerischen Entscheidungsspielraum. In den vielen Vorgaben sieht er vor allem Preistreiber für die Bauphase und die Endprodukte. Und noch eines ist dem Kneitinger-Geschäftsführer wichtig: „Es geht darum, ein Kulturgut zu erhalten.“