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Perfektionistinnen der zweiten Reihe
Sie steuern tonnenschwere Züge durch das Nadelöhr Regensburg oder inszenieren unvergessliche Augenblicke in den größten Locations der Stadt. Elena Engl und Ella Rückerl haben in ihren Ausbildungsberufen Großes geschafft: Beide sind nicht nur die Besten der IHK in Regensburg, sondern auch Bayerns und Deutschlands Beste in ihrem Fach. Ein Porträt über zwei junge Frauen, die den Nervenkitzel suchen – und darüber, warum der direkte Weg nicht immer der Beste ist.
Berlin im Dezember. Die große Bühne der nationalen Bestenehrung der DIHK. Ein Moment, für den es keine Generalprobe gibt. Als Elena Engl dort auf der Bühne steht, im Scheinwerferlicht, und als Deutschlands beste „Eisenbahnerin in der Zugverkehrssteuerung“ geehrt wird, ist das Gefühl vor allem eines: unwirklich. Ihr Herz hämmert, die Hände sind feucht. Ähnlich erging es Ella Rückerl. Auch sie stand auf dem Podest in der Bundeshauptstadt – wie zuvor auch schon als Beste der Region Oberpfalz-Kelheim und Bayern, jetzt also auch im Bund. Sie ist die beste Veranstaltungskauffrau Deutschlands. „Bin ich hier wirklich richtig?“, schoss es ihr durch den Kopf. Dass zwei junge Frauen aus dem IHK-Bezirk gleichzeitig diesen „Grand Slam“ der dualen Ausbildung – Kammerbeste, Landesbeste und Bundesbeste – hinlegen, ist durchaus etwas Besonderes. Doch wer sich mit den beiden unterhält, spürt sofort: Zufall ist das nicht. Es ist das Ergebnis von Ehrgeiz, Leidenschaft und dem Mut, sich gegen den Strom zu entscheiden.
Die Fluglotsin der Schienen
Elena Engls Arbeitsplatz ist das Gegenteil der Berliner Glitzerbühne. Sie arbeitet im Stellwerk am Regensburger Hauptbahnhof, dem nervösen Herzkreislaufsystem des ostbayerischen Bahnverkehrs. Hier, im „Drucktastenstellwerk“, wie es im Fachjargon heißt, entscheidet sie über Stillstand oder Fahrt. Ihre Werkzeuge sind – zumindest noch – keine modernen Touchscreens, sondern bewährte, elektromechanische Start- und Zieltasten. Zwei Tasten, die gedrückt werden müssen, um Weichen und Signale für tonnenschwere Züge zu stellen. „Ich erkläre meinen Beruf oft wie den eines Fluglotsen, nur eben für Züge“, sagt Engl. Sie ist der „Fahrdienstleiter“, auch wenn die Berufsbezeichnung inzwischen sperriger geworden ist. Ihre Aufgabe ist es, die Züge wie in einem gigantischen Logik-Puzzle sicher durch den Bahnhof zu fädeln. Sie entscheidet, welcher Zug zuerst einfährt, wer warten muss und welches Gleis frei ist. Ein Job, der hundertprozentige Konzentration verlangt. Ein Fehler hat hier keine Konsequenzen für eine Excel-Tabelle, sondern für die Sicherheit von Menschen.
Elena Engl ist die deutschlandweit beste Eisenbahnerin in der Zugverkehrssteuerung. Peter Adrian, Präsident des DIHK, übergab ihr die Urkunde.
Dass Elena Engl heute mit einer solchen Selbstverständlichkeit über Fahrstraßen und Signalbilder spricht, war nicht vorgezeichnet. Ihr Lebenslauf hat den sprichwörtlichen Knick, der oft erst den Charakter formt. Nach der Schule lernte sie zunächst Orthopädietechnikerin. Ein solides Handwerk, menschennah, technisch. Sie zog die Ausbildung durch, hielt den Abschluss in Händen – und spürte doch: Das ist es nicht. Sie wollte etwas anderes, etwas, wo sie größere Räder drehen kann. Der Wechsel zur Bahn war ein Sprung ins kalte Wasser. Von der Werkstatt in den Schichtdienst, von der Prothese zur Lokomotive. Die Ausbildung zur Eisenbahnerin war ein Neustart, der sich auszahlte. Dass sie am Ende als Bundesbeste dastand, hatte sie selbst am wenigsten auf dem Schirm. „Man plant niemals damit, dass man Deutschlands Beste wird. Man hofft einfach, dass es gut läuft“, erzählt sie bescheiden. Doch als die Nachricht kam, war da dieser tiefe Stolz. Der Stolz, die richtige Abzweigung im Leben genommen zu haben.
Die Regisseurin der Emotionen
Szenenwechsel. Raus aus dem Stellwerk, rein in die Welt der großen Emotionen. Ella Rückerl hat ihre Ausbildung bei der „Regensburg Events GmbH“ absolviert – jenem Unternehmen, das unter anderem das Jahnstadion oder das Marinaforum bespielt. Ihr Arbeitsplatz ist dort, wo andere feiern, tagen oder mitfiebern. Als Veranstaltungskauffrau ist sie keine bloße Verwalterin – sie ist die Architektin von Gänsehaut-Momenten. Auch bei Ella war der Weg zum „Super-Azubi“ nicht linear. Mit dem Abitur in der Tasche schien der Weg an die Universität eigentlich vorgezeichnet. Doch ein Nebenjob im Verkauf weckte in ihr eine Erkenntnis: Theorie ist gut, aber das echte Leben spielt in der Praxis. „Ich wollte nicht direkt studieren, ich wollte anpacken“, erinnert sie sich. Die Entscheidung für eine Ausbildung stieß im Umfeld zunächst auf Verwunderung – Abitur und dann „nur“ eine Lehre? Doch Rückerl vertraute ihrem Instinkt.
Ella Rückerl ist die bundesweit beste Veranstaltungskauffrau. DIHK-Präsident Peter Adrian überreichte ihr die Urkunde.
Bei Regensburg Events lernte sie, was es heißt, Verantwortung für das Glück und den Erfolg anderer zu übernehmen. In dieser Branche ist Perfektion kein Ziel, sondern Voraussetzung. „Es ist oft so, dass man hinten das Chaos managen muss, damit es vorne für den Gast perfekt aussieht“, beschreibt sie ihren Berufsalltag mit leuchtenden Augen. Es ist dieser besondere Kick, das Adrenalin, wenn eine Veranstaltung beginnt: Funktioniert die Technik? Passt das Licht? Ist das Catering bereit? Wenn im Hintergrund die Welt unterzugehen droht, muss Ella Rückerl der Fels in der Brandung sein. Für die Gäste darf die Anstrengung nie sichtbar werden. Sie sollen nur die Magie des Moments spüren. „Wenn der Plan aufgeht und man sieht, dass die Leute glücklich sind, das ist der schönste Lohn“, sagt sie. Es ist eine emotionale Achterbahnfahrt, die süchtig macht – dieser „gute Stress“, wie sie es nennt. Dass sie nun als Beste in Bund und Land ausgezeichnet wurde, sieht Rückerl als Bestätigung ihres Mutes. Es ist der Beweis, dass eine duale Ausbildung keine Sackgasse, sondern eine Startrampe ist. Den Hunger nach noch mehr Wissen stillt sie inzwischen trotzdem: Sie hat ein BWL-Studium an die Ausbildung angeschlossen, um die operative Leidenschaft mit strategischem Wissen zu untermauern.
Verantwortung als gemeinsamer Nenner
Betrachtet man die Geschichten der beiden Bundesbesten, fallen starke Parallelen auf. Beide üben Berufe aus, die im Hintergrund stattfinden, aber essenziell für das Gelingen sind. Ohne Fahrdienstleiter steht der Zug, ohne Veranstaltungskauffrau bleibt die Bühne dunkel. Beide Berufe verlangen eine hohe Frustrationstoleranz und die Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen, wenn es brennt. „Es gibt Situationen, auf die kann man sich nicht vorbereiten“, sagt Elena Engl über Störungen im Betriebsablauf. Dann hilft kein Lehrbuch, dann hilft nur ein kühler Kopf. Ähnlich sieht es Ella Rückerl: „Man muss akzeptieren, dass man manche Dinge nicht in der Hand hat, und dann das Beste daraus machen.“ Diese Resilienz, diese mentale Stärke, lernt man nicht in Vorlesungen. Man lernt sie in der Praxis, im Schichtdienst, wenn am Wochenende alle Freunde frei haben und man selbst die Stellung hält.
Die IHK kann stolz auf Botschafterinnen wie Elena und Ella sein. Sie zeigen, dass die Region nicht nur wirtschaftlich stark ist, sondern auch in der Ausbildungsqualität bundesweit Maßstäbe setzt. Elena Engl und Ella Rückerl haben bewiesen, dass Exzellenz keine Frage des Geschlechts oder des geraden Lebenslaufs ist. Es ist eine Frage der Haltung. Für die Zukunft haben beide klare Pläne. Elena Engl bleibt der Bahn erhalten, die Sicherheit im Schienenverkehr ist ihre Passion geworden. Ella Rückerl sieht ihre Zukunft ebenfalls in der Eventbranche. Wo genau sie in zehn Jahren stehen werden, wissen beide noch nicht. Aber eines haben sie bereits jetzt bewiesen: Wenn sie etwas anpacken, dann machen sie es nicht nur gut. Sie machen es besser als alle anderen.