Wirtschaft konkret
Nr. 6847042
5 min Lesezeit
Viktoria Guido in einer Fabrikhalle mit Begleitpersonen
Region - Ausgabe Januar 2026

Mentoring schafft geschützten Raum

Die IHK unterstützt ausgewählte junge Unternehmen durch ein exklusives Mentorenprogramm. Erfahrene Geschäftsführerinnen und Geschäftsführer aus dem IHK-Netzwerk stellen ihr Wissen und ihre Kontakte zur Verfügung, um Gründende zu begleiten und ein starkes Fundament für nachhaltigen Erfolg zu schaffen. Wir haben die Juristin und Ingenieurin Viktoria Guido gefragt, warum sie Mentorin bei der IHK wurde und welche Tipps sie für Start-ups hat.
Frau Guido, was hat Sie persönlich motiviert, sich als Mentorin zu engagieren?
Viktoria Guido: Das Mentoring begleitet mich tatsächlich schon seit meinem Studium. Damals habe ich an der ETH Zürich Erstsemestlerinnen im Maschinenbau unterstützt – heute engagiere ich mich an der OTH Regensburg im Bayern-Mentoring für MINT-Studentinnen und inzwischen auch über die IHK für Gründerinnen und Gründer. Gerade als junge Ingenieurin, Juristin und Unternehmerin in der Mobilitätsbranche sehe ich sehr klar, wie selten weibliche Führungskräfte in diesen nach wie vor stark männer- dominierten Bereichen sind – häufig bin ich die einzige Frau im Raum, oft auch die jüngste. Viele Frauen stoßen weiterhin auf strukturelle Hürden, unausgesprochene Erwartungen oder veraltete Rollenbilder, die den Einstieg und die beruf- liche Weiterentwicklung erschweren. Und genau hier setzt Mentoring für mich an: Es schafft einen geschützten Raum, in dem jede Frage gestellt werden darf und unvoreingenommene Unterstützung möglich wird. Gleichzeitig ist Mentoring weit mehr für mich als das Weitergeben von Erfahrungen oder das Sichtbarmachen von Karrierewegen. Es ist immer auch ein gegenseitiger Lernprozess. Jeder Austausch eröffnet neue Perspektiven, stellt Gewohntes infrage und bringt frische Denkweisen mit – und genau das macht Mentoring für mich persönlich so bereichernd.
Welche Erfahrung aus Ihrer eigenen Unternehmerlaufbahn geben Sie gerne an Gründende weiter?
Eine der wichtigsten Erkenntnisse für mich ist: Kontinuierliches Lernen ist absolut entscheidend. Gerade Frauen müssen in vielen Branchen noch immer stärker beweisen, was sie können. Fundiertes Wissen und fachliche Kompetenzen bilden die Grundlage für unternehmerische Unabhängigkeit. Dafür braucht es nicht zwingend ein bestimmtes Studium – viel wichtiger ist die Bereitschaft, sich Wissen aktiv anzueignen und sich ständig weiterzuentwickeln. Ob es um ein tiefes Verständnis der eigenen Fertigungsprozesse geht, um einen klaren Blick auf Markt und Wettbewerb oder um die Erfahrung, selbst an der Maschine gestanden zu haben – dieses Know-how ist unbezahlbar. Wenn ich Kundinnen und Kunden nicht aus dem Stand erklären kann, wie unser Fertigungsverfahren funktioniert, vermittle ich weder Kompetenz noch Verlässlichkeit. Und Vertrauen ist gerade für junge Unternehmen ein entscheidender Erfolgsfaktor. Deshalb sollte man nie damit aufhören, Wissen auszubauen: durch Weiterbildungen, Fachliteratur, Austausch in der Branche, durch das eigene Netzwerk – und nicht zuletzt durch Mentoring. Denn gerade im Dialog mit anderen entstehen oft die Impulse, die einen wirklich weiterbringen.
Welche typischen Herausforderungen sehen Sie bei jungen Firmen?
Eine der größten Herausforderungen für junge – wie auch für etablierte – Unternehmen in Deutschland ist nach wie vor die Bürokratie. Während Gründungen in vielen anderen Ländern deutlich unkom- plizierter, schneller und kostengünstiger möglich sind, werden Gründerinnen und Gründer hier sehr früh mit komplexen Vorschriften und administrativen Hürden konfrontiert. Das bindet wertvolle Zeit und Ressourcen – und macht bereits in der Anfangsphase häufig den Einsatz externer Expertinnen und Experten notwendig. Statt sich auf das eigentliche Kerngeschäft zu konzentrieren, müssen junge Firmen zunächst ein Dickicht an Formalitäten durchdringen. Für viele Frauen kommt eine zusätzliche Ebene an Herausforderungen hinzu. Meist müssen Gründerinnen härter um Glaubwürdigkeit kämpfen – unabhängig davon, wie fundiert ihr Fachwissen ist. Genau an diesem Punkt können Instrumente wie Mentoring wirkungsvoll unterstützen.
Wann und warum lohnt es sich aus Ihrer Sicht, ein Mentoringprogramm in Anspruch zu nehmen?
Aus meiner Sicht: jederzeit. Wissen, Fähigkeiten und Erfahrungen sind die stärkste Form von Unabhängigkeit – gerade im eigenen Unternehmen. Ein Mentoringprogramm eröffnet die Chance, die eigene Perspektive zu erweitern, Ideen zu hinterfragen und sich ganz bewusst weiterzuentwickeln. Man erhält nicht nur kritisches Feedback und neue Impulse, sondern profitiert auch vom Erfahrungsschatz anderer. Mentoring fördert Reflexion, stärkt die Entscheidungssicherheit und beschleunigt sowohl die persönliche als auch die berufliche Entwicklung.
Was hat aus Ihrer Sicht den größten Unterschied in Ihrer eigenen Entwicklung als Unternehmerin gemacht – und wie können Mentees davon profitieren?
Den größten Einfluss auf meine Entwicklung hatte meine breite Ausbildung und die Vielfalt meiner beruflichen Stationen. Bevor ich in unser Familienunternehmen eingestiegen bin, hatte ich in unterschiedlichen Branchen, Funktionen und Unternehmensgrößen wertvolle Erfahrungen gesammelt – von dynamischen Start-ups bis hin zu internationalen Konzernen. Diese Kombination aus technischem, juristischem und unternehmerischem Know-how hat für mich eine Wissensbasis geschaffen, die es mir ermöglicht, mich in einem männlich dominierten Umfeld souverän zu bewegen – unabhängig davon, ob es um technische Details, strategische Weichenstellungen oder rechtliche Fragestellungen geht. Gerade als Frau in einer Branche, die nach wie vor stark von Männern geprägt ist, war es entscheidend, mir dieses breite Fundament bewusst zu erarbeiten. Und genau davon können Mentees profitieren: Indem sie jede Lernchance nutzen, unterschiedliche Perspektiven einholen und sich Schritt für Schritt ein eigenes, stabiles Fundament aufbauen. Mentoring unterstützt dabei, denn persönliche Weiterentwicklung ist kein einmaliger Schritt, sondern ein kontinuierlicher Prozess. Und dieser Weg wird leichter, wenn man ihn nicht allein gehen muss