IHK Ostwürttemberg

Trauer und Verlust – Auswirkungen auf den betrieblichen Alltag

Trauer folgt und äußert sich in verschiedenen Lebenssituationen, die mit Verlust und Krise einhergehen. Die Bandbreite ist groß: Man denkt sofort an den Verlust naher Angehöriger wie Ehegatten/Lebenspartner, Eltern, Geschwister, Großeltern, Freunde und leider auch Kinder. Aber auch Trennungen oder Scheidungen gehören dazu, der Verlust des Arbeitsplatzes, Renteneintritt oder auch bei jungen Menschen der Umzug. Daneben gibt es die vorgezogene Trauer bei Schwerkranken, die über einen längeren Zeitraum begleitet werden.

Und dazu kommt: Der/die Trauernde bringt seine/ihre Trauer auch mit in die Arbeit. Ja, und was passiert dann?
- Hat Trauer am Arbeitsplatz „was zu suchen“ oder soll der Beschäftigte nicht eher funktionieren?
- Wie können sich Kollegen und Kolleginnen sowie Führungskräfte dann verhalten?
- Wie kann z. B. die Betriebsseelsorge in diesem Fall unterstützen?

Was ist Trauer?

Trauer ist eine normale Reaktion auf einen Verlust und ist ein Teil des Mensch-seins. Jeder Mensch trauert unterschiedlich, denn Trauer verläuft nicht linear, sondern vielmehr in Wellen. Sie ist abhängig von der Beziehung zu den Verstorbenen, den Todesumständen wie Kindesverlust, Suizid oder plötzlicher Tod und den eigenen Lebensumständen (Mehrfachverluste, Krankheit, fehlendes soziales Netz, Kinder usw.). Ein Verlust zieht unterschiedliche Sekundärverluste nach sich, d. h. man verliert womöglich einen Teil seines Freundeskreises, aber auch existenzielle und finanzielle Probleme können die Folge sein, wenn ein naher Angehöriger stirbt.
Oft verliert das Umfeld schon nach drei Monaten die Geduld mit dem Trauernden. Aber Trauer braucht Zeit: Mindestens ein bis drei Jahre oder länger bei Partnerverlust, bei plötzlichen Toden auch länger. Beim Tod von Kindern sind es mindestens drei bis fünf Jahre. Eine Resttrauer kann auch danach noch bleiben. Wird Trauer nicht verarbeitet, dann kann sie sich in den Folgejahren in Form von Burnout-Symptomen melden. Entscheidend ist nicht, wie lange jemand trauert, sondern führt ihn/sie die Trauer zurück ins Leben – oder behindert sie ihn/sie daran.

Trauerkultur im Betrieb bei Verlust eines Angehörigen

Trauer ist keine Privatsache. Man kann sie nicht am Tor abgeben. Denn die meiste Zeit verbringen wir in der Arbeit. Stirbt ein Kollege oder die Angehörige einer Kollegin dann ist die Stimmung anders im Betrieb, gewohnte Routinen sind nicht mehr möglich.
Karolina Tomanek, Betriebsseelsorgerin Ostwürttemberg
Kehren Mitarbeitende nach dem Verlust eines Angehörigen zurück, dann sind sich Kolleginnen und Kollegen sowie Führungskräfte oft unsicher, wie sie der trauernden Person begegnen und ihr Halt geben können. Auch wenn es Trauernde gibt, die nicht wollen, dass Kollegen und Kolleginnen wissen, dass sie trauern bzw. nicht angesprochen werden wollen, ist Sprachlosigkeit nicht der richtige Weg. Was helfen kann:
  • Kondolieren Sie der Trauernden in persönlichen Worten – entweder schriftlich oder (besser) mündlich im geschützten Raum.
  • Meiden Sie die Trauernde nicht und grenzen Sie sie nicht aus, d. h. bildlich: Wechseln Sie nicht die Straßenseite. Benennen Sie lieber die eigene Sprachlosigkeit. Sprechen Sie die Trauernde an, führen Sie erste Gespräche, hören Sie einfach zu. Ein einfacher, ehrlicher Satz wie „Ich weiß nicht, was ich sagen soll, es tut mir leid.“ hilft. Laden Sie sie dann zu gegebener Zeit zu gemeinsamen Aktivitäten ein.
  • Fragen Sie die Trauernde, was ihr hilft, und fragen Sie sie vor der Rückkehr an den Arbeitsplatz, wie sie behandelt werden möchte. Fragen wie „Wie geht es Dir heute?“, „Was brauchst Du?“ oder „Wie können wir gute Lösungen für Dich finden?“ stabilisieren und entlasten.
  • Verwenden Sie keine Floskeln oder Ratschläge wie „Das Leben geht weiter!“, „Es war besser so!“, „Die Zeit heilt alle Wunden!“, „Jetzt leidet sie wenigstens nicht mehr.“, „Du konntest wenigstens Abschied nehmen.“, „Ich weiß, wie Du Dich fühlst. Meine Katze ist letzte Woche auch gestorben.“ bis hin zu „Du kannst ja noch andere Kinder bekommen.“
  • Und haben Sie Geduld, wenn die Trauernde nicht so leistungsfähig ist wie normal. Nicht nur die erschütternde Verlusterfahrung muss unter großer emotionaler Verausgabung verarbeitet werden, auch organisatorische Dinge rauben die Energie der Trauerden.
Strukturen und Persönlichkeit – beides ist wichtig! Und finden Sie mit dem/der Betroffenen eine gemeinsame Lösung. Sprechen Sie miteinander und entscheiden Sie nicht über seinen Kopf hinweg.

Beachten Sie bitte: Die folgenden Punkte sind lediglich Anregungen, wie man im betrieblichen Kontext mit Trauer umgehen kann. Trauer und Trauerverarbeitung sind individuell, d. h., nicht alles, was aufgeführt wird, passt für jeden Mitarbeitenden.
  • Trauernde brauchen die Erlaubnis, trauern zu dürfen, ohne Zeitdruck und Bewertung: Arbeitsrechtlich haben Sie eine allgemeine Fürsorgepflicht. Empfehlenswert sind klare Regelungen zu Sonderurlaub oder Freistellung in Betriebsvereinbarungen. Ratsam ist auch, den Mitarbeitenden für eine gewissen Zeit aus dem Bewertungssystem rauszunehmen. Fragen Sie auch, ob eine finanzielle Unterstützung notwendig ist.
  • Arbeit strukturiert und stabilisiert: Lassen Sie die Trauernden so arbeiten, wie sie es brauchen. Falls möglich, gewähren Sie Homeoffice-Tage. Auch flexible Arbeitszeiten helfen, das Pendeln zwischen Trauer und „normalem Leben“ zu bewältigen. Vorsicht im Produktionsbereich: Überprüfen Sie, ob die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in der Lage sind, die Maschine zu bedienen (Schlaflosigkeit, Medikamenteneinnahme u. a.) und betrauen Sie sie ggf. mit anderen Aufgaben.
  • Anlaufstelle im Betrieb: Seien Sie einfach da. Darüber hinaus können ausgebildete Trauerlotsen und Trauerlotsinnen im Betrieb bzw. benannte Kollegen und Kolleginnen bei der Trauerarbeit helfen. In kleinen und mittleren Unternehmen mit engeren sozialen Kontakten ist es auch das Team, das Vorbeikommen, den Trauernden Halt geben oder auch nur eine Suppe, die man vor die Tür stellt. Auch das hilft.
  • Zwischendurch und nach einem Jahr: Fragen Sie die Trauernden nach einem Jahr, wie es ihnen geht und bringen Sie eine Kleinigkeit mit. Was hilft: Notieren Sie sich den Todestag in Ihrem Kalender. Bedenken Sie auch: Ein derartigen Lebenseinschnitt kann zu Lernprozessen und der Sinnfrage führen – und sogar zu einer beruflichen Neuorientierung.

Trauerkultur im Betrieb bei Verlust einer Kollegin oder eines Kollegen

Stirbt ein Kollege oder eine Kollegin, dann sollte der Betrieb nach einem fertigen Krisenplan handeln und vorbereitetes Material griffbereit haben („Erste-Hilfe-Trauer-Checkliste“):
  • Kondolieren Sie den Angehörigen – am besten sollte das zunächst der oder die direkte Vorgesetzte mit persönlichen Worten tun.
  • In Absprache mit den Angehörigen kann eine Traueranzeige geschaltet und ein Nachruf verfasst werden. Verfassen Sie diese persönlich und am besten gemeinsam mit dem Team in einer Gruppenarbeit. Verwenden Sie bitte keine Mustertexte oder alte Anzeigen.
  • Übergeben Sie den Angehörigen die persönlichen Dinge des/der Verstorbenen bzw. auch die letzten Dinge, die der/die Verstorbene angefasst hat.
  • Nehmen Sie ggf. an der Beerdigung teil.
  • Eine Abschiedsfeier in einem geschützten Raum hilft den Kollegen und Kolleginnen, Abschied zu nehmen. Dabei kann das Team auch eine Gedenkecke einrichten mit einem Kondolenzbuch, einem Erinnerungsalbum oder einer Erinnerungsbox, wie auch einem Bild des/der Verstorbenen und Kerzen (ggf. auch LED). Vermeiden Sie Trauerkarten, die den/die Trauernden immerfort an den Tod erinnern.
  • Holen Sie sich auch Hilfe von außen. Die Betriebsseelsorge, Trauerbegleiter und -begleiterinnen und ggf. die Notfallseelsorge unterstützen Teams und Einzelpersonen.
Und: Man darf auch lachen, wenn man an die Person denkt!
Karolina Tomanek, Betriebsseelsorgerin Ostwürttemberg

Unterstützungsangebote für Betriebe und Buchempfehlungen

Die Notfallseelsorge und Kriseninterventionsteams werden über die Rettungsleitstellen im Akutfall alarmiert.
Die Betriebsseelsorge bietet eine bedeutende Unterstützung, unabhängig von Religionszugehörigkeit und Konfession. Ansprechpartnerin in Ostwürttemberg:
Karolina Tomanek, Tel: 07361 59020, E-Mail: Karolina.Tomanek@drs.de, Homepage: https://betriebsseelsorge.de/arbeitsstelle/aalen
Kontaktstellen Trauerbegleitung finden Sie auf der Seite „Lebenskrise: Seelsorge für Menschen in Not – Notfallseelsorge“ im Trauerflyer „Übersicht über Angebote und Trauerbegleitung“.

▪ Sutor, Petra (2026): Trauer am Arbeitsplatz: Sprachlosigkeit überwinden: Fürsorgepflicht wahrnehmen: Trauerkultur entwickeln, Ostfildern.
▪ Paul, Chris (2021): Ich lebe mit meiner Trauer: Das Kaleidoskop des Trauerns für Trauernde, München.
▪ Paul, Chris (2021): Wir leben mit deiner Trauer: Das Kaleidoskop des Trauerns für Freunde und Angehörige von Trauernden, München.
▪ Kachler, Roland (2017): Meine Trauer wird dich finden: Ein neuer Ansatz in der Trauerarbeit, Freiburg.
▪ Schroeter-Rupieper, Mechthild (2020): Für immer anders: Das Hausbuch für Familien in Zeiten der Trauer und des Abschieds, Ostfildern.
Anlass für diese Veröffentlichung war eine gemeinsame Online-Veranstaltung der IHK Ostwürttemberg und des Baden-Württembergischen Industrie- und Handelskammertags (BWIHK). Dabei tauschten sich Interessierte aus ganz Deutschland im Juli 2026 mit den Referentinnen Karolina Tomanek, Betriebsseelsorgerin für Ostwürttemberg, und Ingrid Beck, Trauerbegleiterin der Landpastoral Schönenberg in Ellwangen, über die Bedeutung von Trauer im beruflichen Umfeld aus. Im Mittelpunkt standen die Herausforderungen für Betroffene sowie Möglichkeiten, eine unterstützende und menschliche Unternehmenskultur zu fördern.