Wirtschaft in Ostwürttemberg
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Gymnasium trifft Berufsausbildung

Abitur plus: Lehre und Abi erfolgreich vereint

Seit zehn Jahren können interessierte Schüler des St.-Jakobus-Gymnasiums in Abtsgmünd neben dem regulären Unterricht eine komplette Lehre zum Zerspanungsmechaniker bei der Firma Kessler & Co. absolvieren. Diese Ausbildung, die mit der Gesellenprüfung vor der IHK Ostwürttemberg abschließt, erfolgt in den vier Jahrgangsstufen 8 bis 11. In der zwölften Klasse legen die Schüler dann das Abitur ab (G8). Circa 10 bis 15 Prozent eines Jahrgangs nehmen an dieser anspruchsvollen, praktischen Zusatzausbildung teil.
Die IHK Stuttgart und das Regierungspräsidium Stuttgart machten bei der Konzeption dieser Ausbildung zur Bedingung, dass alle Inhalte des Ausbildungsplans ohne Abstriche vermittelt und eingeübt werden. Durch Abgleich des theoretischen Stoffes der Lehre mit dem der Schule konnten aber Überschneidungen und Doppelungen vermieden werden.
Der so definierte Ausbildungsplan reduziert den Umfang des praktischen und theoretischen Unterrichts während der vierjährigen Ausbildungszeit auf 2.100 Stunden, die außerschulisch geleistet und nachgewiesen werden müssen; die Schüler „opfern“ hierfür einen Großteil der Schulferien, viele Samstage und schulfreie Nachmittage.
Die messbaren Ergebnisse sind hervorragend:
  • Die Noten bei den IHK-Prüfungen sind durchweg überdurchschnittlich und bewegen sich im oberen Viertel der Noten aller Auszubildenden.
  • Die Leistungen in der Schule sind in diesen vier Jahren nicht nur nicht abgefallen, sondern haben sich, ganz im Gegenteil, gegenüber der Vergleichsgruppe im Gymnasium nachweislich verbessert.
© Kessler & Co GmbH & Co. KG
Die außergewöhnlich erfolgreiche Realisierung des Projekts beruht auch auf der guten Schulpartnerschaft zwischen der Lehrwerkstätte der Firma Kessler & Co. und dem St.-Jakobus-Gymnasium, der engagierten Mitwirkung der Lehrkräfte der Technischen Schule Aalen sowie der finanziellen Förderung durch die Dr.-Albert-Grimminger-Schulstiftung.

Kritik am Projekt

Am Anfang gab es natürlich große Bedenken und Skepsis gegenüber dem Projekt sowie viele Diskussionen mit besorgten Eltern, die eine Überlastung ihrer Kinder befürchteten. Die Bedenken der Eltern zielten auf vermutete nachlassende Leistungen und Noten in der Schule, auf Vernachlässigung von Musik, Sport und Freundeskreis usw.

Wissenschaftliche Begleitung

Um gefühlte Bedenken und Erwartungen zu überprüfen, gelang es uns 2021, den Leiter des Instituts für Erziehungswissenschaft an der Universität Stuttgart, Herrn Professor Dr. Bernd Zinn, für das Projekt zu interessieren. Professor Zinn war bereit, eine wissenschaftliche Studie über einen Zeitraum von vier Jahren durchzuführen, die belastbare Ergebnisse zeitigen würde.
Diese wissenschaftliche Studie endete im August 2025 mit einem Abschlussbericht - die ursprünglichen Bedenken wurden in dieser wissenschaftlichen Studie völlig widerlegt:
  • Die Teilnehmer von „Abitur plus“ fühlen sich keinesfalls überfordert.
  • Die schulischen Interessen wurden mit größerer Intensität weiterverfolgt.
  • „Das Stressniveau in den Klassen 9 und 10 liegt signifikant niedriger als in der Vergleichsgruppe.“
  • Bei den Teilnehmern ist eine auffällig positive Persönlichkeitsentwicklung festzustellen, geprägt durch den Mut, Schwierigkeiten zu überwinden, und den Stolz auf das Erreichte.

Persönlicher Gewinn der Teilnehmer

Außer den umfangreichen praktischen Fähigkeiten, die durch den Gesellenbrief ausgewiesen werden, lernen die Schüler die Regeln eines Fabrikbetriebes kennen, erfahren den Umgang mit Mitarbeitern in unterschiedlichen Situationen und erhalten Einblick in die Organisation, Abläufe und Konflikte einer Fabrik.
Wesentlicher ist jedoch die Einübung von Disziplin, Fleiß und Ausdauer. Die Schüler werden durch unvermeidbare Rückschläge resilienter, aber auch selbstbewusster und tatkräftiger.

Was bedeutet das?

Betrachtet man die Ergebnisse und Wirkung dieser Initiative, ergeben sich weitreichende Erkenntnisse:
In einer Phase, in der unsere Gesellschaft, insbesondere die Elternschaft und Bildungspolitiker, der angeblichen Überforderung unserer Jugend durch ständige Reduzierung der Anforderungen begegnet (das achtjährige Gymnasium (G8) wird wieder auf das neunjährige (G9) umgestellt!), und in der Leistungswettbewerb an den Schulen seit Jahrzehnten kontinuierlich reduziert wird und deutlich schlechter werdende Leistungen mit immer besseren Noten belohnt werden, zeigt unser Projekt, dass die Ursache unserer Bildungsmalaise nicht in der Überforderung sondern in der Unterforderung unserer Jugend liegt.
Da aber der Erfolg unserer Volkswirtschaft und Gesellschaft in Deutschland sich im internationalen Wettbewerb entscheidet, muss uns bewusst sein, dass mit dem seit gut einer Generation anhaltenden Niedergang der Bildung die Zukunft unseres Landes verspielt wird.
Industrie- und Handelskammer Ostwürttemberg
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