6. Juli 2026
IHK: Zahl der Neugründungen in Ostwestfalen auf höchstem Stand seit 2010
Die Gründungsdynamik in Ostwestfalen hat im zurückliegenden Jahr deutlich zugelegt. 2025 wurden in der Region 11.955 Gewerbe angemeldet – ein Plus von 9,5 Prozent zum Vorjahr und der höchste Wert seit dem Jahr 2010. Gleichzeitig sank die Zahl der Gewerbeabmeldungen auf 7.943.
Gemeinsamer Blick in den Gründungsreport (von rechts): IHK-Hauptgeschäftsführerin Petra Pigerl-Radtke, Kathrin Teschke (Referentin für Existenzgründung bei der IHK) sowie das Gründerpaar Christina und Björn Schindler.
Der positive Gründungssaldo stieg damit auf 4.012 Netto-Gründungen. Das geht aus dem neuen Gründungsreport Ostwestfalen 2026 der Industrie- und Handelskammer Ostwestfalen zu Bielefeld (IHK) hervor.
„Angesichts des weiterhin anspruchsvollen wirtschaftlichen Umfelds ist diese Entwicklung ein starkes Signal für die Stabilität und Attraktivität des Gründungs- und Wirtschaftsstandorts Ostwestfalen“, sagt IHK-Hauptgeschäftsführerin Petra Pigerl-Radtke. „Firmengründungen sind ein wichtiger Indikator für die wirtschaftliche Dynamik und Innovationskraft einer Region. Umso erfreulicher ist, dass Ostwestfalen bei den Neugründungen wieder deutlich zulegt.“
Zu der positiven Entwicklung tragen alle Teilregionen Ostwestfalens bei. Die stärksten Zuwächse im Vergleich zum Vorjahr verzeichnen die Kreise Herford (+51,3 Prozent), Paderborn (+7,9 Prozent) und Höxter (+7,8 Prozent). Steigende Gründungszahlen weisen zudem die Kreise Minden-Lübbecke (+5,5 Prozent), Gütersloh (+2,1 Prozent) sowie die Stadt Bielefeld (+1,5 Prozent) auf.
„Der deutliche Anstieg geht vor allem auf Nebenerwerbsgründungen zurück“, erläutert Kathrin Teschke, Referentin für Existenzgründung bei der IHK. „Viele Menschen nutzen die Möglichkeit, ihre Geschäftsidee zunächst mit überschaubarem Risiko neben dem Beruf zu erproben.
Gerade in wirtschaftlich unsicheren Zeiten bietet diese Form der Selbstständigkeit einen niedrigschwelligen Einstieg ins Unternehmertum und ermöglicht den Aufbau eines zweiten Standbeins.“ Die Zahl der Nebenerwerbsgründungen sei zum Vorjahr um 31,2 Prozent gestiegen. „Erstmals seit 2021 übertrifft sie damit wieder die Zahl der Haupterwerbsgründungen. Besonders stark ausgeprägt ist dieser Trend bei jungen Menschen: Den größten Beitrag zum Anstieg der Nebenerwerbsgründungen leisten die 25- bis 34-Jährigen. Bei den unter 25-Jährigen steigt der Anteil der Nebenerwerbsgründungen mit rund 40 Prozent am stärksten“, erläutert Teschke.
Nach Angaben der IHK lohnt sich dabei ein differenzierter Blick auf die Entwicklung des Gründungsgeschehens. Während die Nebenerwerbsgründungen vor allem im Kleingewerbe zunehmen, legen die stärker auf Wachstum, Investitionen und Beschäftigung ausgerichteten Handelsregister-Unternehmen sowohl im Haupt- als auch im Nebenerwerb um jeweils rund zehn Prozent zu. „Gerade dieser Befund ist für den Wirtschaftsstandort besonders wichtig“, sagt Teschke. „Die Zahlen zeigen, dass nicht nur mehr Menschen gründen. Auch die wirtschaftliche Substanz des Gründungsgeschehens bleibt hoch.“
Rund zwei Drittel der Gründenden machten sich im Jahr 2025 weiterhin im Dienstleistungssektor selbstständig. Den größten Anteil innerhalb dieses Sektors bilden unternehmensbezogene Dienstleistungen (21,8 Prozent). Mit 25,6 Prozent entfällt ein weiterer relevanter Teil des Gründungsgeschehens auf den Handel. Digitale Geschäftsmodelle gewinnen weiter an Bedeutung.
Der Gründungsreport zeigt zudem, dass Frauen noch immer deutlich seltener gründen als Männer. Ihr Anteil liegt bei 29,3 Prozent. Gleichzeitig entscheiden sich Frauen häufiger für eine Selbstständigkeit im Nebenerwerb. „Die Förderung von Gründerinnen und Gründern ist eine wichtige Zukunftsaufgabe“, betont IHK-Hauptgeschäftsführerin Pigerl-Radtke. „Innovative Gründungen schaffen Wertschöpfung, Wachstum sowie neue Arbeits- und Ausbildungsplätze und tragen entscheidend zur Zukunftsfähigkeit unserer Region bei. Deshalb brauchen Gründerinnen und Gründer gute Rahmenbedingungen, starke Netzwerke und möglichst einfache Gründungsprozesse.“ Vor diesem Hintergrund begrüßt die IHK auch die angekündigten Maßnahmen für unbürokratischere und schnelle Gewerbeanmeldungen.
Ergänzt wird der Report im Posterformat, das die wichtigsten Kennzahlen und Entwicklungen des regionalen Gründungsgeschehens übersichtlich zusammenfasst, durch einen Podcast mit Gründerinnen und Gründern. Exemplarisch steht dafür das Gründerpaar Christina und Björn Schindler, das mit seiner German Horse Tech GmbH in Vlotho aus einem eigenen Problem im Reitsportalltag eine innovative Lösung für die Pferdegesundheit entwickelt hat. Ihr Beispiel zeigt, dass in Ostwestfalen neben innovativen Dienstleistungen und digitalen Geschäftsmodellen auch anspruchsvolle Produktinnovationen entstehen.
Die Geschäftsidee entwickelte sich aus eigener Betroffenheit: Das eigene Pferd litt an Asthma. Nach Angaben der Gründer leiden rund 80 Prozent aller Pferde an Atemwegserkrankungen. Viele Pferdehalter setzen deshalb auf eine möglichst staubarme Fütterung. Dafür wird häufig Heu bedampft, was jedoch aufwendig und energieintensiv ist. Deshalb suchten der Ingenieur und seine Frau – zuletzt im Vertriebsaußendienst eines Pferdesportausrüsters tätig – nach einer praktikableren Lösung. In nur zehn Monaten brachten sie einen kompakten Heuentstauber zur Marktreife und sicherten ihn durch ein Patent ab. Produziert werden die Geräte mit einem Maschinenbauer aus Paderborn.
Bereits kurz nach der Gründung präsentierte das Paar im März 2025 seine Entwicklung auf der Pferdesportmesse Equitana. „Dort haben wir die Bestätigung erhalten, dass es einen Markt für unser Gerät gibt“, sagen die Gründer. Aktuell arbeiten sie an einer größeren Variante für Betreiber gewerblicher Pferdebetriebe. Unterstützt wurden und werden sie durch die Gründungsberatung und den Mentoringservice der IHK Ostwestfalen sowie das Gründungsstipendium NRW. Überzeugt von ihrer Geschäftsidee haben beide inzwischen ihre bisherigen Berufe aufgegeben und den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt.
Der Gründungsreport 2026 kann bei Maike Bleck per Mail an m.bleck@ostwestfalen.ihk.de bestellt sowie online abgerufen werden.
