Niederrhein Wirtschaft
Nr. 7154442
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„Mut zeigt sich oft in kleinen Situationen“

Mehr Mut im Beruf wünschen sich viele. Psychotherapeutin und Podcasterin Franca Cerutti erklärt, wie man trotz Hierarchien, Erwartungen und Angst mutiger entscheidet.
Wann waren Sie zuletzt beruflich besonders mutig, Frau Cerutti?
Franca Cerutti: Als ich meinen Kassen sitz abgegeben habe. Das hat mich richtig Mut gekostet. Für eine Psychotherapeutin ist so ein Sitz fast eine Art Verbeamtung. Gleichzeitig bringt er einen Versorgungsauftrag mit sich. Mir fehlte dadurch die Zeit für andere Projekte. Also habe ich mir das sichere Standbein weggesägt, um Raum für Neues zu schaffen.
Das ist eine sehr richtungsweisende Entscheidung. Wo fängt Mut im Beruf an?
Schon dabei, eine unpopuläre Meinung zu vertreten. Oder Belastung anzusprechen und Nein zu sagen. Mut zeigt sich oft in kleinen Situationen. Immer dann, wenn man fürchtet, im Team oder bei der Chefin anzuecken.
Warum fällt es vielen Menschen schwer, mutig zu sein?
Da spielen Biologie und Biografie hin ein. Evolutionspsychologisch war es für Menschen lange überlebenswichtig, den Ausschluss aus der Gruppe zu vermeiden. Hinzu kommen persönliche Glaubensmuster, die uns prägen – die man aber auch ergründen kann. Etwa: ‚Wenn ich Nein sage, gelte ich als nicht belastbar oder Störenfried.‘
Welche Rolle spielen Hierarchien?
Eine große. Deshalb sollte man abwägen, welchen Ton man anschlägt. Ich bin keine Therapeutin, die sagt: „Ein Nein ist ein ganzer Satz und damit kommst du gut durchs Berufsleben.“ Das stimmt nicht. Ein Nein hat reale Konsequenzen.
Und wenn mich gerade dieser Gedanke einschüchtert?
Dann hilft es, sich klarzumachen: Ein Nein lässt sich auch konstruktiv formulieren. Man kann Verständnis zeigen, Nein sagen und trotzdem eine Alternative an bieten. Gerade in Hierarchien kann es außerdem helfen, die andere Person gedanklich von ihrer Position zu trennen. Sie als Menschen zu betrachten statt vor allem als Chefin oder Chef.
Das setzt eine Kultur voraus, in der Widerspruch erlaubt ist.
Genau. Menschen müssen abweichende Meinungen äußern dürfen, ohne Sanktionen zu befürchten. Psychologische Sicherheit entsteht allerdings nicht durch ein Schild an der Wand, sondern durch Vorbilder. Zum Beispiel durch Vorgesetzte, die Fehler zugeben.
Wie gehe ich mit der eigenen Angst um?
Mut heißt ja, trotz Angst zu handeln. Ich stelle mir Angst und Mut wie ein Tanz paar vor. Die Angst stürmt oft zuerst auf die Tanzfläche. Dann ist es gut, wenn der Mut dazukommt und die Schrittfolge vor gibt. (lacht)
Tanzen kann man lernen. Mutig sein auch?
Auf jeden Fall. Ein Konzept, das ich gerne vermittle, ist die „innere Oma“ oder der „innere Opa“. Gemeint ist der Mensch, der wir in ferner Zukunft sein wollen: die weiseste und gelassenste Version unserer selbst, die bessere und fürsorglichere Entscheidungen trifft. So zu denken, kann man lernen.
Wie kann die „innere Oma“ im Arbeitskontext helfen?
Sie kann eine hilfreiche innere Instanz sein. Wenn im Job alles auf einen ein prasselt, hilft sie, Abstand zu gewinnen. Dann stellt sich nicht nur die Frage: Was muss ich jetzt leisten? Sondern auch: Wo rauf möchte ich später zurückblicken? Auf permanente Erschöpfung? Oder da rauf, dass ich gut für mich eingestanden bin?
Wenn mir dieser Blick in die ferne Zukunft schwerfällt: Gibt es ein Werkzeug, das schneller greift?
Ein verwandter Gedanke ist die 10-10- 10-Regel. Ich frage mich: Was bedeutet das in zehn Minuten, zehn Monaten und zehn Jahren? In zehn Minuten ist es viel leicht unbequem. In zehn Monaten kann es bedeuten, dass ich mich klarer positi oniert oder eine Grenze gezogen habe. In zehn Jahren spielt der Moment vielleicht keine Rolle mehr. Vielleicht bin ich aber auch meinen beruflichen Zielen näherge kommen, weil ich diese eine Entscheidung getroffen habe.
Interview: Patrick Torma
Foto: Immo-Fuchs