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Wein vom Niederrhein
Der Weinanbau am Niederrhein blickt auf eine 2.000-jährige Tradition zurück. Schon die Römer haben in Xanten und der Umgebung Weinreben gepflanzt. Heute gibt es wieder Wein aus der Region. Dank Gianluca Antoniazzi.
Wenn Gianluca Antoniazzi von seinem Weinberg spricht, löst das erst mal Erstaunen aus. Denn der Niederrhein ist flach, wie schon der Name verrät. „Immerhin hat unser Weinberg zehn Prozent Steigung an der höchsten Stelle“, lacht Antoniazzi. Überhaupt wären flache Anbaugebiete nichts Außergewöhnliches. Das, was man sich üblicherweise unter einem Weinberg vorstellt, sind Landschaften wie an der Mosel oder am Mittelrhein. Die meisten Weinanbauflächen sind aber eben.
Aber wie kam Antoniazzi auf die Idee, am Niederrhein, konkret in Geldern- Pont, Wein anzubauen? Kartoffeln, Gemüse, Getreide oder Viehwirtschaft prägen üblicherweise die Region. „Die Durchschnittstemperatur von 11,5 Grad hier ist wunderbar für den Weinanbau“, sagt er. Das Thema begleitet Antoniazzi durch den Gastronomie- Betrieb seiner Eltern in Geldern schon sehr lange. Nach einem kurzen Schlenker als Bauingenieur studierte er Oenologie, also die Wissenschaft vom Wein. Stationen bei Winzern im Ahrtal, in Italien und Neuseeland folgten. 2020 eröffnete er den Weinhandel Viniazzi in Geldern. Italienische Weine und solche von befreundeten Winzern sowie Feinkost machen das Sortiment aus. Events zu beiden Themen fanden schnell begeisterte Gäste. So sorgt der Weinhandel für eine solide wirtschaftliche Basis.
Das Beste aus zwei Welten
Antoniazzis Traum war aber der eigene Weinanbau in Geldern. Weine mit Charakter sollten es werden. Denn nach seinen weltweiten Exkursionen dachte er: „Wein müsste am Niederrhein auf unserem guten Boden und mit dem milden Klima sehr gut funktionieren.“ Jedoch stand zunächst die deutsche Bürokratie im Weg. Noch bis 2016 galt ein Gesetz, das Weinbau nur in den 13 vom Deutschen Weininstitut festgelegten Anbaugebieten ermöglichte. Der Niederrhein gehört nicht dazu. Das hat Antoniazzi nicht von seinen Plänen abgehalten. Sobald es möglich wurde, startete er mit dem eigenen Weinbau. Einzige Einschränkung: Er kann traditionelle Rebsorten wie zum Beispiel einen Riesling zwar anbauen, aber nicht so nennen. Der Name ist auf bestimmte Weingebiete festgelegt. „Ich möchte in meinen Weinen das Beste der Welten zusammenbringen: meine italienischen Wurzeln und die niederrheinische Heimat.“
Die ersten Reben konnte er 2022 pflanzen. Die Sorten Muscaris, Johanniter, Riesel, Cabaret Noir und Satin Noir sind sogenannte PIWI-Reben. Das sind pilzresistente Sorten, die durch die Kreuzung von heimischen mit amerikanischen oder asiatischen Wildreben entstehen. „Diese Weine können geschmacklich absolut mit anderen deutschen Winzerweinen mithalten. Dazu liefern sie beständige Ernten.“ Antoniazzi baut seine Weine nach biologischen Prinzipien an, hat sich wegen des Aufwands jedoch zurzeit noch gegen eine Zertifizierung entschieden. 2024 kam auf einer weiteren Fläche in Sonsbeck die Sorte Pinotin hinzu. Die ersten Weine kamen 2023 auf den Markt. 2024 gab es im Mai neuen Wein – und der war bis November schon komplett ausverkauft.
Weinhandel als Standbein
„Der große Erfolg hat uns riesig gefreut“, sagt Antoniazzi. Auch die lokale Gastronomie und Hotellerie meldeten Interesse. „Wir hatten in unserem ersten Jahr nur rund 6.000 Flaschen und konnten diesen Bedarf noch nicht decken“, sagt der Weinbauer. Im Jahr 2026 hofft er auf etwa 16.000 Flaschen seiner – wie er sagt – „ehrlichen und nachhaltigen Weine“. Bei allem Erfolg bleibt Antoniazzi auf dem Teppich der wirtschaftlichen Realität. „Der Weinanbau ist aufwendig, wenn man wie wir auf sehr gute Qualität aus ist“, sagt er. „Wir können nur bestehen, weil die ganze Familie meine Begeisterung teilt und voll hinter diesem Projekt steht.“ Der Weinhandel ist als solides Standbein für den Betrieb daher weiterhin unerlässlich, „und wir bieten gerne den gesamten Kosmos der Weine, die uns gut gefallen und hinter denen ebenfalls engagierte Winzer stehen“, sagt er.
Der Weinanbau insgesamt ist kein einfaches Geschäft, weiß Antoniazzi. „Es gibt häufig keine Nachfolger für die Betriebe. Die Konsumenten achten in Deutschland extrem auf den Preis. Das hat die Erzeugerpreise massiv unter Druck gesetzt.“ Sein Rezept dagegen: konsequent gute Qualität, viel Herzblut und die Hoffnung, dass sich Geschmack und Charakter durchsetzen. So wie Antoniazzi denken einige junge Weinbauern in NRW. Bis 2023 hat sich ihre Zahl von vier auf immerhin dreißig erhöht, berichtet das Landwirtschaftsministerium NRW. Auch hier gilt: Wer ein stimmiges und wirtschaftlich solides Konzept hat, kann auch außerhalb tradierter Branchenlogik Erfolg haben. Beim Weinhof Viniazzi sprechen die Vorbestellungen für den neuen Jahrgang jedenfalls dafür.
Text: Susanne Hartmann
Foto: Viniazzi
Foto: Viniazzi
