Niederrhein Wirtschaft
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Niederrheinische IHK

Da steckt Musik drin

Der Niederrhein bietet im Sommer einen Schatz an Musikfestivals. Ob Haldern Pop, Traumzeit, Eselrock oder Fantastival – in unserem Online-Magazin tauchen wir noch tiefer ein in die Welt der Konzerte.

Eselrock

Das Eselrock hat sich in Wesel zu einem kulturellen Anker entwickelt. Ehrenamtliche Musikfans holen Stars wie Aki Bosse an den Niederrhein.
Wenn im Frühjahr die Menschen zum Heubergpark ziehen, verändert sich Wesel. Das Eselrock macht aus der Stadt für ein Wochenende einen Festivalort, der eine überregionale Strahlkraft entfaltet.
Bis zu 20.000 Besucher zählen die Veranstalter pro Jahr. Rund zwei Drittel reisen von außerhalb an – aus ganz Nordrhein-Westfalen, den Niederlanden oder Bayern. „Viele entdecken Wesel überhaupt erst durch uns“, sagt Simon Bleckmann. Der 44-Jährige ist Vorsitzender des veranstaltenden Vereins. Er hat bereits die erste Ausgabe 2008 mit auf den Weg gebracht. Aus einer Idee unter Freunden ist so ein fester Bestandteil des städtischen Eventkalenders geworden.
Seitdem findet das Musikfestival mitten in der Stadt statt. Der Bahnhof ist nur wenige Minuten entfernt. Die Fußgängerzone beginnt praktisch direkt am Gelände. Diese Lage prägt auch das Publikum. Wer zum Eselrock kommt, bleibt oft länger als nur für die Konzerte. „Die Leute gehen vorher essen oder bummeln durch die Stadt“, sagt Bleckmann.
Hinter den Kulissen ist das Umsonst-und-draußen-Festival ein Kraftakt. Es lebt vom Ehrenamt. Das Kernteam besteht aus 14 Personen, dazu kommen rund 100 Helfer. „Mit den großen Festivals können wir uns nicht messen“, sagt Bleckmann. „Dafür haben wir hohe Qualität und sehr viel Leidenschaft im Team.“
Früh zeigten die Organisatoren ein Gespür für gute Künstler. 2009 spielte etwa der damals noch wenig bekannte Aki Bosse in Wesel. Jahre später folgten große Charterfolge, unter anderem mit „Schönste Zeit“. Der Kontakt blieb bestehen, 2019 kehrte Bosse erneut zurück auf die Eselrock-Bühne. „Das war für uns ein Ritterschlag“, sagt Bleckmann. Auch internationale Acts wie die britische Indie-Band The Subways standen bereits im Heubergpark auf der Bühne.
Bei der Organisation setzen die Veranstalter bewusst auf Kompetenz aus der Region. Technik, Gastronomie und viele Dienstleistungen kommen aus dem direkten Umfeld. Gleichzeitig entstehen stabile Partnerschaften mit Unternehmen aus Wesel und der Umgebung. „Das stärkt lokale Strukturen und sorgt dafür, dass ein Teil der Wertschöpfung vor Ort bleibt“, sagt Bleckmann.

Haldern Pop

Haldern Pop verbindet Musik, Ehrenamt und Unternehmergeist. Das Festival stärkt den Niederrhein seit Jahrzehnten.
Als Stefan Reichmann 1981 mit Freunden aus seiner Messdienergruppe in Haldern Platten auflegte, dachte noch niemand an ein Festival. Die Jugendlichen wollten vor allem laut Musik hören. Also zogen sie mit Bier, Feuerkorb und Lautsprechern vor die Tore des Dorfes. Aus den Boxen dröhnten Genesis und Patti Smith. „Auf die klassische Dorfdisco hatten wir keine Lust“, sagt Reichmann.
Aus der Messdiener-Initiative entstand das „Haldern Pop Festival“. Heute gehört es im Indie-Bereich zu den renommiertesten Veranstaltungen Europas. Rund 7.000 Besucher kommen jedes Jahr an den Niederrhein. Viele Bands standen hier auf der Bühne, bevor sie Weltkarriere machten. Muse spielten 1999 vor kleinem Publikum. Mumford & Sons traten auf, bevor das erste Album erschien. Auch Kings of Leon waren bei ihrem Haldern-Gastspiel noch eine kleine Nummer. „Wir haben sehr früh an Künstler geglaubt, die noch keiner kannte“, sagt Reichmann.
Die Idee hinter dem Festival war von Anfang an mehr als nur Musik. Reichmann und sein Team wollten auch den Ort sichtbar machen. „Haldern am Niederrhein“ stand schon auf den ersten Plakaten. „Wir legen Wert darauf, die Region mitzuerzählen“, sagt Reichmann.
Besucher aus ganz Europa laufen am Festival-Wochenende durch den Reeser Ortsteil. Sie sitzen in Cafés, kaufen beim örtlichen Bäcker ein und übernachten in den umliegenden Hotels sowie Pensionen. Die örtliche Gastronomie profitiert seit Jahren von dem Kulturereignis. „Wir holen die Leute bewusst in den Ort“, betont Reichmann. „Die Geschäfte sollen auch etwas davon haben.“
Hinter den Kulissen entstand zudem ein Netzwerk aus Wissen und Unternehmergeist. Rund 500 Ehrenamtliche sind beim Festival im Einsatz. Viele erwerben Kompetenzen, die weit über das Wochenende im Spätsommer hinausreichen: Sie bilden sich weiter auf den Gebieten Veranstaltungstechnik, Kommunikation und Organisation. Reichmann spricht von einem „spielerisch erworbenen Know-how“.
Das Organisationsmodell ist dabei ungewöhnlich. Das Festival arbeitet mit sogenannten Familien. Kleine Teams organisieren sich eigenständig. Sie koordinieren Aufgaben, lösen Probleme und halten den Betrieb am Laufen. Genau darin liegt bis heute die Besonderheit von Haldern Pop. „Wir machen dieses Festival nicht, um möglichst groß zu werden“, sagt der Mitgründer. „Wir machen es, damit Menschen zusammenkommen.“
Diese Haltung spüren auch die Künstler. Laut Reichmann nutzen viele internationale Bands Haldern inzwischen bewusst als Zwischenstopp zwischen Paris und Berlin. „Sie finden bei uns keinen anonymen Backstage-Bereich“, erklärt der Festival-Direktor, „sondern niederrheinische Gastfreundschaft. Und deswegen kommen sie auch gerne zurück.“

Traumzeit Festival

Das Festival im Landschaftspark Duisburg-Nord verbindet Musik mit Industriekulisse und wirtschaftlichen Impulsen für die Region.
XXL-Hochöfen und massive Stahlgerüste: Damit beeindruckt der Duisburger Landschaftspark. Die ehemalige Industrieanlage zählt heute zu den markantesten Kulturorten Deutschlands. Für drei Tage im Jahr wird das Gelände zur Bühne für Musik: Das Traumzeit-Festival zieht bis zu 10.000 Besucher an.
Frank Jebavy leitet das Event seit vielen Jahren. Er kennt den Reiz des Standorts genau. „Wir veranstalten ein sogenanntes Boutique-Festival“, sagt der Geschäftsführer des Landschaftsparks. „Die besondere Nähe zwischen Publikum und Bühne und die einzigartige Kulisse machen den Charakter aus.“
Das Festival startete 1997 als Jazz- und Weltmusikformat. Die Entwicklung verlief aber nicht immer geradlinig. 2012 kam es zu einer Krise: Ein Hauptsponsor hatte sich zurückgezogen. Das Festival pausierte und stand vor dem Aus. „Wir haben das Konzept komplett neu ausgerichtet und uns der Indie- und Popmusik geöffnet“, sagt Jebavy. Dieser Schritt markierte den Wendepunkt.
Seitdem steht das Festival wieder auf stabileren Füßen, ist immer nahezu ausverkauft. Mehr als 30 Bands treten pro Jahr auf. In den vergangenen Jahren spielten unter anderem Dinosaur Jr., Editors und The War on Drugs. „Für uns zählen nicht allein die großen Namen“, so Jebavy. „Wichtig bleibt, dass wir das Publikum überraschen können.“
Auch wirtschaftlich hat sich das Festival etabliert. Das Budget liegt bei jährlich rund 800.000 Euro. Etwa die Hälfte davon bleibt in Duisburg. „Das Festival stärkt den regionalen Mittelstand“, sagt Jebavy.
Gleichzeitig stehen die Veranstalter vor einer strategischen Entscheidung. Die Nachfrage steigt. Eine Erweiterung wäre möglich, erfordert jedoch Investitionen in Infrastruktur und Programm. „Unsere zentrale Aufgabe bleibt es, die Balance zwischen Wachstum und Charakter zu wahren“, sagt Jebavy. Wichtig ist ihm, dass der Schauplatz bleibt, wie er ist. Denn der Landschaftspark gehöre zu den größten Pfunden des Festivals. „Er gibt der Veranstaltung ihr Gesicht“, betont Jebavy – „jedes Jahr aufs Neue.“

Fantastival

Das Fantastival in Dinslaken kombiniert ein Aktienmodell mit Ehrenamt und regionaler Wertschöpfung.
Die Konzertbesucher sitzen unter alten Kastanien. Nur wenige Meter entfernt stehen die Stars auf der Bühne. Das Fantastival in Dinslaken zeichnet sich aus durch Nähe. Nicht nur zu den Künstlern. Das Publikum selbst ist Festival-Macher. „Unser wunderschönes Burgtheater wurde als Spielstätte kaum genutzt, das wollte die Bevölkerung nicht akzeptieren“, sagt Lea Eickhoff. Sie ist Geschäftsführerin der Freilicht AG, die das Event organisiert.
Los ging es 1996. Damals gründeten die Bürger eine Kultur-Aktiengesellschaft. 436 Menschen investierten, 150.000 Mark Startkapital kamen zusammen. „Es ist nicht irgendjemand, der hier ein Festival macht – es sind im Grunde die Bürger selbst“, betont Eickhoff.
Genau darin liegt ein entscheidender wirtschaftlicher Faktor. „Die breite Verankerung sorgt für Akzeptanz und Stabilität zugleich“, sagt Eickhoff. Rund 90 Ehrenamtliche organisieren das Festival gemeinsam mit einem kleinen hauptamtlichen Team. Dienstleister aus den Bereichen Veranstaltungstechnik, Sicherheit und Logistik sind eingebunden. Gastronomie und Hotellerie profitieren von den rund zehn Festivaltagen. Ein Paradebeispiel für regionale Wertschöpfung.
Die Veranstalter haben auch schon international bekannte Künstler an den Niederrhein geholten. Stars wie Tom Jones, Mando Diao und Anastacia sind schon in Dinslaken aufgetreten. „Das hat das Festival noch einmal auf ein neues Niveau gehoben“, sagt Eickhoff. Aber auch die Konzerte mit deutschen Künstlern wie Stoppok oder Gregor Meyle kommen an.
In Dinslaken spüren sie dennoch einen wirtschaftlichen Druck. Die Gagen der Künstler sind in den vergangenen Jahren spürbar gestiegen. Das führt zu höheren Ticketpreisen. Sollte sich die Lage weiter verschärfen, ist laut Eickhoff auch eine Neuausrichtung des Programms denkbar. Die Grundlage bliebe jedoch dieselbe. „Dieses Zusammenspiel aus Ehrenamt, Aktionären und dieser besonderen Spielstätte“, betont Eickhoff, „das ist es, was das Fantastival ausmacht.“
Alle Texte: Denis de Haas und Tobias Appelt, Redaktionsbüro Ruhr