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„Leistung braucht ein Gefühl von Sicherheit“
Erfolg beginnt im Kopf: Das hat Martina Voss-Tecklenburg in ihrer Karriere als Fußball-Nationalspielerin und Bundestrainerin erfahren. Im Interview spricht die Duisburgerin über Druck, Krisen und moderne Führung.
Frau Voss-Tecklenburg, wann haben Sie gemerkt, dass Sie Führungsstärke besitzen?
Martina Voss-Tecklenburg: Das kam schon während meiner Schulzeit zum Vorschein. Beim Fußball auf dem Pausenhof war ich eine der Wortführerinnen. Dazu kamen noch die Aufgaben als Klassensprecherin. Dieser Drang, Sachen mitzugestalten und mich für andere einzusetzen, hat mich mein ganzes Leben begleitet.
Sie standen schon mit 15 Jahren beim KBC Duisburg im Kader der Bundesliga-Mannschaft. Wie haben Sie sich als sehr junge Spielerin Respekt im Team verschafft?
Vor allem durch Leistung. Ich war in diesem Alter schon sehr gut und gehörte 1983 beim Sieg im DFB-Pokalfinale direkt zur Startelf. Das hat es einfacher gemacht. Trotzdem musste ich lernen, mich in ein Team mit erfahrenen Spielerinnen einzufügen. Ich war ehrgeizig und manchmal auch fordernd – und habe viel daraus gelernt, auch durch das Feedback meiner älteren Mitspielerinnen.
Sie waren später Kapitänin der Frauen-Nationalmannschaft. Was hat diese Rolle mit Ihnen gemacht?
Ich habe die Kapitänsbinde immer als Auszeichnung gesehen. Für mich gehört es zum Sport dazu, Verantwortung zu übernehmen. Natürlich entstehen Konflikte, wenn man Regeln durchsetzt. Ein Beispiel: Wenn jemand ohne Schienbeinschoner trainiert hat, habe ich darauf hingewiesen, dass jetzt eine Strafe von zwei D-Mark fällig ist. Das hat nicht immer für Begeisterung gesorgt. Aber genau darin liegt die Aufgabe. Wichtig ist, nicht perfekt sein zu wollen, sondern gemeinsam aus Erfahrungen zu lernen.
Wie haben sich Führungsstile im Fußball über die Jahre verändert?
Früher waren die Hierarchien deutlich steiler. Heute geht es viel mehr darum, Spielerinnen einzubeziehen und ihnen Verantwortung zu geben. Ich habe als Nationaltrainerin mit großen Talenten wie Lena Oberdorf zusammengearbeitet, da war sie gerade 17 Jahre. Mit ihr habe ich oft das Gespräch gesucht und gefragt, warum sie in bestimmten Situationen so gehandelt hat, wie sie es getan hat. Teilweise haben wir sogar Perspektiven getauscht, um gegenseitiges Verständnis zu schaffen. Ich habe gelernt, dass Führung auch bedeutet, andere Sichtweisen ernst zu nehmen.
Sie waren während ihrer Trainerkarriere auch Teamchefin bei den Oberliga-Männern des SV Straelen. Gibt es Unterschiede zum Frauenbereich?
Die Trainingsinhalte sind gleich. Aber die Art der Kommunikation unterscheidet sich. Im Männerbereich war meine Ansprache oft direkter und härter. Am Ende hängt es nicht vom Geschlecht ab, sondern davon, ob ein Trainer die nötige Kompetenz ausstrahlt und die Mannschaft weiterbringt.
Das Thema mentale Gesundheit hat im Sport stark an Bedeutung gewonnen. Wie blicken Sie darauf?
Die heutige Spielerinnen-Generation steht unter deutlich mehr Druck, vor allem durch soziale Medien und die größere Öffentlichkeit. Mentale Stabilität ist für Leistung enorm wichtig. Sie ist die Grundlage dafür, mit Druck, Erwartungen und Rückschlägen umgehen zu können. Deshalb haben Vereine und Verbände die sportpsychologische Betreuung ausgebaut. Wir sprechen über Themen wie Schlaf, Regeneration oder Stressmanagement. Und wir schaffen konkrete Angebote wie etwa Entspannungsübungen oder mentale Routinen. Entscheidend ist aber auch, eine offene Kommunikation zu fördern. Die Spielerinnen sollen sich trauen, Probleme anzusprechen.
Sie haben 2023 selbst eine schwierige Phase erlebt und über Ihren mentalen Zusammenbruch im Fernsehen geredet. Warum war Ihnen das wichtig?
Weil ich zeigen wollte, dass so etwas passieren kann – unabhängig von Erfolg oder Erfahrung. Ich habe lange nicht auf Warnsignale gehört. Wenn ich heute dazu beitragen kann, dass an-dere früher hinschauen und sich Hilfe holen, dann hat das einen echten Wert.
Viele Unternehmen buchen Sie heute als Rednerin. Was kann die Wirtschaft vom Spitzensport lernen?
Sehr viel. Leistung entsteht nur, wenn Menschen sich sicher fühlen. Mentale und körperliche Gesundheit sind die Basis für Erfolg. Unternehmen müssen Bedingungen schaffen, in denen Mitarbeiter sich wohlfühlen und offen kommunizieren können. Nur das führt zu nachhaltig guten Ergebnissen.
Text: Denis de Haas, Redaktionsbüro Ruhr
Foto: Privat
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