4 min
Lesezeit
Klimakraftstoff aus Duisburg
Greenlyte Carbon Technologies
Klimakraftstoff aus Duisburg
Greenlyte „saugt“ klimaschädliches CO₂ aus der Luft. In Containern entsteht mithilfe von Solarstrom die Basis für synthetische Kraftstoffe.
Von außen wirken die grünen Container unscheinbar. Darin steckt jedoch eine Technik, die helfen soll, die Wirtschaft klimafreundlicher zu machen. Auch dort, wo der Abschied von Kohle, Öl und Gas schwerfällt.
Besonders knifflig ist das in der Luftfahrt. Bis 2050 will die Branche nach eigener Aussage den Traum vom klimaneutralen Fliegen realisieren. Synthetische – sprich künstlich hergestellte – Treibstoffe den CO₂-Ausstoß im Luftverkehr verringern. Vorausgesetzt, sie werden umweltfreundlich erzeugt. Noch passiert das zu selten. Ein Grund ist der höhere Preis: Eine Tonne nachhaltiger Kraftstoff kostet rund dreimal so viel wie eine Tonne herkömmliches Kerosin.
Das will Greenlyte Carbon Technologies – kurz Greenlyte – ändern. Seit November 2025 betreibt das Start-up eine Pilotanlage in Duisburg. Sie steht neben dem Zentrum für Brennstoffzellen-Technik. „Dort stellen wir die Grundbausteine her, um synthetische Kraftstoffe für Flugzeuge oder Schiffe günstiger zu machen“, erklärt CEO Florian Hildebrand. Im Wesentlichen sind das Kohlendioxid (CO₂) und Wasserstoff. Was es dafür braucht: Luft, Licht, Wasser – und natürlich jede Menge Technik.
15 Jahre Forschung
Die Idee entstammt der Forschung von Mitbegründer Dr. Peter Matthias Behr an der Universität Duisburg-Essen. 15 Jahre untersuchte er, wie sich CO₂ aus der Atmosphäre filtern lässt. Daran forschen auch andere. Denn: Zu viel konzentriertes CO₂ heizt die Erde auf. Bisherige Filterverfahren erfordern sehr viel Energie. Und dann steht noch kein Wasserstoff zur Verfügung. Von synthetischem Flugkraftstoff ganz zu schweigen.
Damit sich diese wirtschaftliche Kette überhaupt lohnt, muss der eingesetzte Strom effizient genutzt werden und preiswert sein. „Der günstigste Strom kommt direkt aus der Solarzelle oder dem Windrad“, sagt Florian Hildebrand. Die Erzeugung von grünem Strom ist jedoch vom Wetter abhängig.
Alles in einem Rutsch
Deshalb hat Dr. Peter Matthias Behr eine Lösung entwickelt, die alles „in einem Rutsch“ ermöglicht. Das spart Energie. Außerdem filtert die Duisburger Anlage auch dann noch, wenn sich die Sonne gerade nicht blicken lässt.
Ausgangspunkt ist eine Art „Staubsauger“. Er löst das CO₂ aus der Luft und bindet es zu einem Salz. Der Sauger kommt ohne Beutel aus. Er reinigt sich quasi selbst. Dadurch kann er Tag und Nacht arbeiten.
Der nächste Schritt ist die Elektrolyse. Sie kann lastflexibel laufen, sobald genügend Solarstrom verfügbar ist. Dann wird das CO₂ aus dem gebundenen Salz elektrochemisch wieder freigesetzt. Zusätzlich entsteht Wasserstoff. Beide Rohstoffe können zu synthetischen Kraftstoffen weiterverarbeitet werden.
Die Nachfrage danach wächst. Schon heute ist es in der EU gesetzlich vorgesehen, dass Kerosin nachhaltige Kraftstoffanteile beigemischt werden müssen. Aktuell sind es zwei Prozent. Die Anforderungen sollen steigen. Deshalb plant die Fluggesellschaft Eurowings eine Zusammenarbeit mit Greenlyte.
Potenzial für viele Branchen
Weitere Nutzungen sind denkbar. Grüner Treibstoff, vor Ort produziert, könnte Länder wie Deutschland unabhängiger von Öl- und Gaslieferungen machen. Dabei geht es weniger ums Auto, wie Hildebrand betont: „Um die Straßen zu dekarbonisieren, ist die Elektromobilität der vielversprechendere Weg.“
Stattdessen könnten Notfallgeneratoren von Krankenhäusern oder Datenzentren sicher und sauber betrieben werden. Neuerdings kooperiert auch der Panzerhersteller Rheinmetall mit Greenlyte. Nicht unbedingt die naheliegendste Partnerschaft, wenn man an Klimaschutz denkt. „Die Welt um uns herum hat sich geändert. Man muss das Thema Nachhaltigkeit aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten“, so Hildebrand.
CO₂ kommt wiederum in der Chemie, bei der Herstellung von Arzneien oder Lebensmitteln zum Einsatz. Wenn sich CO₂ günstig und effektiv aus der Luft gewinnen ließe, könnte man es einfacher in der Erde speichern. Oder im Beton verarbeiten. So ließe sich der Schadstoff langfristig binden.
Konkurrenz gewünscht
Experten schätzen, dass wir künftig mindestens zehn Gigatonnen CO₂ aus der Luft filtern müssen, um wirklich klimaneutral zu leben. Jedes Jahr. 100 Megatonnen will Greenlyte bis 2050 „übernehmen“. Das ist eine Zahl mit acht Nullen. Und doch entspräche sie nur einem Prozent der erforderlichen Menge. Konkurrenz fürchtet Florian Hildebrand nicht: „Wir brauchen jeden Mitbewerber, der halbwegs Größe erreicht.“
Die Anlage in Duisburg schafft rund 40 Tonnen pro Jahr. Damit holt sie so viel CO₂ aus der Luft, wie vier Menschen in Deutschland im selben Zeitraum verursachen. Aus einem Teil erzeugt die Anlage fünf Tonnen synthetischen Kraftstoff – konkret synthetisches Erdgas.
2027 will das Essener Start-up mit einer Anlage in Marl die nächste Stufe zünden. „Mit ihr stoßen wir in den wirtschaftlichen Maßstab vor“, so Florian Hildebrand. Von dort will Greenlyte den Markt mit serienreifen Anlagen erobern. Mit einer Technologie, die in unscheinbaren Containern in Duisburg großgeworden ist.
Text: Patrick Torma
Foto: Bernd Thissen/Land NRW/Greenlyte Carbon Technologies
Foto: Bernd Thissen/Land NRW/Greenlyte Carbon Technologies
