Energiewende-Barometer 2026: Kosten werden zum Standortproblem
Industriebetriebe verlagern ihre Produktion ins Ausland und Investitionen in Kernprozesse werden verschoben. Die Ergebnisse des aktuellen Energiewende-Barometers der IHK-Organisation verdeutlicht, welch große Herausforderungen die hohen Energiekosten für Unternehmen bedeuten.
„Nur wenn Dekarbonisierung und Wettbewerbsfähigkeit gemeinsam gedacht werden, kann die Transformation erfolgreich sein.“ – Peter Adrian, DIHK-Präsident
Verlässliche Rahmenbedingungen, leistungsfähige Infrastruktur und wettbewerbsfähige Energiepreise
Die deutschlandweite Umfrage, an der sich im Juni rund 3.100 Unternehmen aus allen Branchen und Regionen beteiligt haben, zeigt ein klares Stimmungsbild zur Energiewende. Unternehmen befürworten eine Klimapolitik, die Dekarbonisierung ermöglicht ohne Wettbewerbsfähigkeit einzubüßen. Vor allem für zahlreiche energieintensive Betriebe, aber auch im Handel haben sich die Wettbewerbsbedingungen erheblich verschlechtert, woraus sich ein dringender Handlungsbedarf ergibt.
„Die Unternehmen erwarten verlässliche Rahmenbedingungen, eine leistungsfähige Infrastruktur und international wettbewerbsfähige Energiepreise. Das ist die Grundvoraussetzung dafür, dass Unternehmen in Deutschland investieren, Arbeitsplätze sichern und Innovationen vorantreiben. Wenn Energie dauerhaft teurer und die Regulierung enger ist als bei unseren internationalen Wettbewerbern, verlieren wir schrittweise Wertschöpfung und industrielle Substanz.“ – Peter Adrian, DIHK-Präsident
Entsprechend verschlechtert hat sich auch der Wert des Energiewende-Barometers, das die Auswirkungen der Energiewende auf die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen beschreibt. Auf einer Skala von minus 100 („sehr negativ“) bis plus 100 („sehr positiv“) wird die Differenz zwischen negativen und positiven Auswirkungen der Energiewende auf die Unternehmen dargestellt. Nach dem Tiefstand von minus 26,9 Punkten im Jahr 2023 erholte sich der Wert und stieg bis 2025 auf minus 8,3 Punkte. Im Jahr 2026 fiel er nun wieder auf minus 11,48 Punkte und reflektiert damit die Auswirkungen der steigenden Energiekosten, globalen Krisen und deutscher Politik.
Viele Unternehmen sehen sich inzwischen an ihrer Belastungsgrenze. Dabei entwickeln sich die Energiekosten zunehmend zu einem der größten Risiken für die hiesige wirtschaftliche Entwicklung. In den vergangenen zwölf Monaten hat sich Strom für 49 Prozent der Unternehmen weiter verteuert, Wärme (Gas, Fernwärme, Heizöl) sogar für 67 Prozent der befragten Betriebe.
„Globale Krisen treffen auf weiterhin ungelöste strukturelle Herausforderungen am Wirtschaftsstandort Deutschland. Das hält die Energiekosten hoch. Die Folgen sind sinkende Wettbewerbsfähigkeit, aufgeschobene Investitionen und die Verlagerung von Produktionskapazitäten ins Ausland.“ – Peter Adrian, DIHK-Präsident
Vor allem die Branchen Industrie und Handel äußern sich mit einem Barometerwert von jeweils minus 22 Punkten negativ zur Energiewende. Besonders Industrieunternehmen sind wegen ihres hohen Energieverbrauchs unmittelbar von energiepolitischen Rahmenbedingungen abhängig. Genauso betroffen ist der Handel, der sowohl durch steigende Material-, Transport- und Logistikkosten, direkt verursacht durch die hohen Energiekosten, als auch durch die sinkende Kaufkraft vieler Verbraucherinnen und Verbraucher geschwächt ist. Gleichzeitig kommen industriepolitische Entlastungsmaßnahmen dem Handel kaum zugute.
Regional fallen die Einschätzungen zunehmend differenziert aus. In Norddeutschland, wo erneuerbare Energien inzwischen ein wichtiger Wirtschaftsfaktor und Geschäftsbereich sind, bewerten Unternehmen die Auswirkungen der Energiewende auf ihre Wettbewerbsfähigkeit vermehrt positiv. Im Westen, Süden und Osten Deutschlands fällt die Bewertung dagegen negativer aus als im Vorjahr.
Problematisch ist, dass Investitionen unter den Energiepreisen leiden, da Unternehmen durch die Entwicklung von der Substanz zehren. Laut Energiewende-Barometer verschiebt rund ein Drittel der Unternehmen Investitionen in ihre Kernprozesse, weil finanzielle Spielräume von den hohen Energiekosten eingeschränkt sind. Darunter fallen ein Viertel der Investitionen in Klimaschutzmaßnahmen und circa 16 Prozent der Investitionen in Forschung und Innovation. Besonders deutlich wird das in der Industrie, wo die Investitionszurückhaltung über alle Bereiche hinweg stärker ausfällt als in der Gesamtwirtschaft. So geben 35 Prozent der Industriebetriebe an, Investitionen in ihre Kernprozesse aufzuschieben, weil die erforderlichen Mittel durch hohe Energiekosten gebunden werden.
Die hohen Energiepreise führen nicht nur zu sinkenden Investitionen, sondern beeinträchtigen unmittelbar auch die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen, wie mehr als 40 Prozent aller Betriebe in der Gesamtwirtschaft und zwei Drittel in der Industrie berichten. Der leichte Rückgang in der Industrie kann darauf zurückzuführen sein, dass Unternehmen ihre Produktion bereits reduziert, Teile ihrer Wertschöpfung verlagert oder ihre Geschäftstätigkeit in Deutschland ganz eingestellt haben.
Allerdings ist diese Entwicklung nicht ausschließlich auf die hohen Energiekosten zurückzuführen. Auch hierzulande sehen sich Unternehmen mit Einschränkungen ihrer wirtschaftlichen Aktivitäten konfrontiert. So geben rund 20 Prozent aller Unternehmen an, sich mit einer Verlagerung ihrer Investitionen oder Produktionskapazitäten ins Ausland zu beschäftigen, oder haben entsprechende Maßnahmen bereits angestoßen oder umgesetzt. In der Industrie liegt dieser Anteil bei rund 40 Prozent, unter großen Industrieunternehmen sogar bei 60 Prozent.
Daraus folgt, dass sich die Wettbewerbs- und Investitionsbedingungen in Deutschland, vor allem für energieintensive Unternehmen, durch hohe Energiekosten, Unsicherheit über die Entwicklung der Rahmenbedingungen sowie hohe Transformationskosten, verschlechtert haben.
Zusammengefasst beschreiben die Ergebnisse den Prozesse einer schleichenden Deindustrialisierung. Daher besteht die zentrale Herausforderung darin, die Ziele der Energiewende mit international wettbewerbsfähigen Standortbedingungen zu verbinden, um Investitionen und Wertschöpfung langfristig in Deutschland zu halten.
Die Mehrheit der Unternehmen befürwortet aktuelle politische Vorhaben, die Maßnahmen für Versorgungssicherheit, Infrastruktur, Technologieoffenheit und wettbewerbsfähige Energiekosten fördern. Darunter fallen beispielsweise Maßnahmen zur Stärkung der Energieinfrastruktur, mehr Verlässlichkeit und staatliches Engagement beim Ausbau ebenjener und die Senkung von Steuern und Abgaben auf den Strompreis. Zusätzliche regulatorische oder finanzielle Belastungen durch entsprechende Maßnahmen werden hingegen von vielen Unternehmen abgelehnt. Vor allem eine Ausweitung des Emissionshandels, sofern verbunden mit steigenden CO₂-Preisen, wird kritisch gesehen.
„Die Unternehmen stehen hinter dem Ziel der Klimaneutralität. Gleichzeitig sehen sie sich mit Energiekosten konfrontiert, die im internationalen Wettbewerb zunehmend zum Nachteil werden. Die Kosten der Energiewende drohen der Transformation selbst im Weg zu stehen. Um aus dieser Abwärtsspirale herauszukommen, braucht es neue Ansätze in der Energiepolitik: weniger staatliche Detailsteuerung, mehr Markt und wettbewerbsfähige Energiepreise.“ – Peter Adrina, DIHK-Präsident
NRW-Wirtschaft: Forderung nach wettbewerbsfähiger Energiepolitik
Der Negativtrend des Energiewende-Barometerwerts setzt sich auch auf der NRW-Landesebene fort. Insgesamt nahmen 627 Unternehmen aus NRW an der Umfrage teil und bewerteten die Energiewende kritischer als der Bundesdurchschnitt. So fiel der Wert von minus 14,8 Punkten im Jahr 2025 auf minus 18,1 Punkte im Jahr 2026.
Die IHK.NRW fordert deswegen verlässliche Rahmenbedingungen, Senkung der Stromkosten und Begrenzung der Netzentgelte sowie einen beschleunigten Ausbau der Energieinfrastruktur.
„Die Ergebnisse sind ein klares Warnsignal. Die Unternehmen stehen zum Klimaschutz, aber die Energiewende muss so gestaltet werden, dass Betriebe wettbewerbsfähig bleiben, investieren können und Arbeitsplätze in Nordrhein-Westfalen erhalten bleiben.“ – Ralf Stoffels, Präsident der IHK.NRW
Diese Forderungen folgen auf die negativen Einschätzungen von Unternehmen NRWs. So gibt fast jedes zweite Unternehmen an, die Energiewende habe negative Auswirkungen auf die eigene Wettbewerbsfähigkeit. Bei Industrieunternehmen sind es sogar 67,5 Prozent. Die Ergebnisse spiegeln die deutschlandweite Tendenz wieder: jedes dritte Unternehmen stellt Investitionen in Kernprozesse zurück, jedes vierte investiert weniger in Klimaschutz und jedes zweite Unternehmen sieht sich mit einem steigenden Strompreis konfrontiert. Diese Tendenz lässt sich auch für den MEO-Bezirk beobachten.
„Nordrhein-Westfalen ist Industrieland. Wenn Energie dauerhaft teurer bleibt als bei unseren Wettbewerbern, wird Transformation zum Standortproblem. Wir brauchen eine Energiepolitik, die Klimaschutz, Versorgungssicherheit und Wettbewerbsfähigkeit zusammenbringt.“ – Ralf Stoffels, Präsident der IHK.NRW
Downloads und weitere Information
Die kompletten Umfrageergebnisse der DIHK können hier abrufen oder als PDF-Datei an der rechten Seite unter weitere Informationen herunterladen. Des Weiteren können Sie dort auch die Pressemitteilung der DIHK sowie die Pressemitteilung der IHK.NRW einsehen.
Mit dem bundesweiten IHK-Energiewende-Barometer, fragt die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) seit 2012 regelmäßig die Einschätzung von Unternehmen zu Stand und Entwicklung der Energiewende ab.