„Woher kann unser Land die Kraft nehmen?“

Wirtschaftsweise Prof. Dr. Veronika Grimm beschwört beim Neujahrsempfang 2026 der IHK Köln die Dringlichkeit für Reformen. IHK-Präsidentin Dr. Nicole Grünwald: „Das Wichtigste in diesem Land ist nicht die Harmonie innerhalb der Koalition – das Wichtigste ist der Erhalt von Wirtschaft und Wohlstand!“
Köln – Rund 300 Gäste, das festliche Ambiente der Kölner Flora und eine Wirtschaftsweise, die der Politik ins Gewissen redete: Der Neujahrsempfang 2026 der IHK Köln war ein würdiger Auftakt ins neue Jahr.
Festrednerin war Prof. Dr. Veronika Grimm, Professorin für Energiesysteme und Marktdesign an der Technischen Universität Nürnberg. Seit 2020 ist sie als Mitglied des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung eine der fünf „Wirtschaftsweisen“. Zudem ist sie Mitglied der Wissenschaftlichen Leitung des Energie Campus Nürnberg (EnCN), Vorstand des Zentrums Wasserstoff.Bayern (H2.B) und Direktorin des Laboratory for Experimental Research Nürnberg (LERN).
In ihrer Rede kritisierte Grimm, dass sich die ganze Welt verändere – nur Deutschland auf der Stelle trete: „Teile der Koalition wiegen sich – fälschlicherweise – in Sicherheit und verweisen darauf, dass wir ein reiches Land seien. Sie setzen auf mehr Staat und schuldenfinanziertes Wachstum, der andere Teil der Koalition auf weniger Staat und eine Rückkehr zur Ordnungspolitik.“ Es gebe zu viele Kompromisse, ein klarer Kurs sei nicht zu erkennen.
Mit Blick auf die globalen Umbrüche sagte die Wirtschaftsweise: „Wohin genau sich die Weltordnung entwickelt, ist noch unklar. Aber sicher ist: Wenn Deutschland und Europa eine bipolare Weltordnung der Einflusssphären verhindern oder zumindest mitgestalten wollen, dann müssen wir uns behaupten. Nicht durch Appelle, sondern durch wirtschaftliche Stärke und das Schmieden belastbarer Allianzen.“
Deutschland leide unter einem großen Reformstau. „Die entscheidende Frage für Deutschland ist nicht, ob Veränderungen notwendig sind, sondern woher unser Land die Kraft nehmen kann, sie gemeinsam zu tragen“, erklärte sie den rund 300 Gästen. „Trauen wir das den Menschen in unserem Land wieder zu, so können Reformen tragen – und Fortschritt wieder verbinden.“
IHK-Präsidentin Dr. Nicole Grünewald thematisierte in ihrer Begrüßung den großen Unterschied zwischen Politik und Wirtschaft beim Umgang mit Problemen. „Es gibt Gründe für die Wirtschaftskrise, die De-Industrialisierung und den massiven Arbeitsplatzabbau, vor allem in der Industrie. Nichts davon ist gottgegeben. Diese Entwicklung ist das Ergebnis einer fehlgeleiteten Wirtschaftspolitik, die dringend korrigiert werden muss.“ Doch statt Reformen umzusetzen, warte die Politik weiter ab. Unternehmer könnten sich eine solche Einstellung nicht leisten: „Unternehmertum bedeutet, Probleme lösen zu wollen und Probleme lösen zu können. Alle, die eine Firma führen, wissen, dass man nicht lange zuschauen und abwarten darf, wenn es Probleme gibt, sondern sie schnellstmöglich identifizieren, klar benennen und dann abstellen muss.“
Sie kritisierte, dass die Politik immer mehr Vertrauen und Glaubwürdigkeit verspiele. Hauptgrund sei, dass gegenseitige Abhängigkeiten Entscheidungen bestimmten. „Abhängigkeiten führen auch dazu, dass mittlerweile die Harmonie in einer Koalition wichtiger ist als die beste Politik und Problemlösungen für unser Land“, so Grünewald. „Stabile Regierungen sind wichtig, aber kein Selbstzweck. Lassen Sie mich deshalb in aller Deutlichkeit sagen: Das Wichtigste in diesem Land ist nicht die Harmonie innerhalb der Koalition – das Wichtigste ist der Erhalt von Wirtschaft und Wohlstand!“
Der Regierungsneustart in Berlin sei zum Fehlstart geworden, weil Wahlversprechen bisher schneller gebrochen als umgesetzt worden seien. Grünewalds Aufruf an die Siegerinnen und Sieger der Kommunalwahlen im Herbst 2025: „Halten Sie Ihre Versprechen. Entscheiden Sie pragmatisch, nicht ideologisch. Lösen Sie die Probleme, die jeder von uns sehen kann. Und sehen Sie uns als Partner an Ihrer Seite, nicht als Gegenspieler. Denn wir wollen am Ende alle doch dasselbe: eine funktionierende Wirtschaft und ein funktionierendes Land.“
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