Kleine Halle, großer Sport
Wenn in Gummersbach der Ball durch die Luft fliegt, passt ein die Halle längst nicht mehr jeder, der dabei sein will. eZu klein für den eigenen Erfolg – genau das ist aktuell das größte Problem des VfL Gummersbach.
Zu wenig Plätze für die Fans
Handball ist inzwischen weit mehr als eine Nischensportart. Die Spiele der deutschen Nationalmannschaft sind im TV wahre Quoten-Garanten, und die Vereine spielen in den großen Hallen der Republik. Die Schwalbe-Arena in Gummersbach fasst exakt 4.132 Plätze. Eine Zahl, die das Dilemma des VfL Gummersbach gut beschreibt. „Wir haben zu wenige Plätze, um alle zufriedenzustellen, die den VfL Gummersbach live sehen wollen“, sagt Christoph Schindler, 2017 erst Sportdirektor, seit 2018 Geschäftsführer im Oberbergischen.
Weniger Tickets, weniger Einnahmen
Kleine Halle, großer Sport: Dieser Gegensatz beschreibt die ökonomische Herausforderung des Clubs. Denn: Weniger Tickets bedeuten natürlich auch weniger Einnahmen. Daraus resultiert, dass die großen Clubs im Land (Kiel, Flensburg, Berlin, Magdeburg) mit ihren deutlich größeren Hallen auch einen deutlich größeren Etat haben. Doch für die Gummersbacher sind diese Umstände kein Grund, den Kopf in den Sand zu stecken. Sie sind eher Ansporn. „Wir müssen das Geld, was wir zur Verfügung haben, eben besser ausgeben als andere“, so Schindler.
Wie geht das, sportlich und wirtschaftlich einen Verein nach oben zu führen, der am Abgrund stand? In Gummersbach scheinen sie einen Weg gefunden zu haben, die großen Vereine fahren nur ungern in die Handball-Provinz. Mehr als 40 Spiele in Folge waren zuletzt ausverkauft. Der Verein hat die begehrten Plätze zur Qualifikation für die Champions League nur knapp verpasst. Sollte der Sprung in Europas Königsklasse in naher Zukunft gelingen, würde das die wirtschaftlichen Aussichten des Vereins deutlich verbessern. Schindler: „In der Champions League verdient man Geld. Im kleineren Wettbewerb, der European League, zahlt man drauf!“
„Der VfL gehört nach Gummersbach.“
Solche Einnahmequellen wären ein Segen für den Verein. Denn die Schwalbe-Arena wird zunächst die Heimat des VfL bleiben. „Die Hoffnung, dass die Arena massiv ausgebaut wird, gibt es nicht. Dafür sind Lage und Statik der Arena nicht gedacht“, so Schindler. „Und ob irgendwann mal eine neue Halle in oder um Gummersbach herum ein Thema sein wird, weiß ich jetzt nicht.“ In der Vergangenheit gab es immer wieder mal Gerüchte, der Verein könnte das Oberbergische verlassen und in eine Großstadt mit einer größeren Halle ziehen. „Das ist kein Thema für uns“, wiegelt Schindler direkt ab. „Der VfL gehört nach Gummersbach.“ Vorstellbar sei es aber, einzelne Highlight-Spiele in anderen, deutlich größeren Arenen auszutragen.
Seit Schindler als Sportdirektor begonnen hat, wurde der Etat fast verdreifacht. Seine goldene Regel lautet: Umfeld und Verhältnisse aufeinander abstimmen, das Verhältnis optimieren: „Wir haben gesunde wirtschaftliche Bedingungen. Wir betreiben Schuldenabbau bei gleichzeitiger Umsatzerhöhung“, so Schindler. „Wir haben einen guten B2B-Bereich, enge Kooperation mit Wirtschaftsunternehmen hier aus der Region. Mehr als 400 Unternehmen sind das insgesamt.“ Können weitere Sponsoren dazukommen? Schindler: „Werbeflächen haben wir noch. Bei VIP-Karten wird’s schwieriger – aber sicher nicht unmöglich.“
Weggang von Julian Köster schmerzt
Nationalspieler Julian Köster im Trikot des VfL Gummersbach
Zur neuen Saison steht dem VfL aber erst einmal eine sportliche Herausforderung bevor. Mit Julian Köster bricht eine echte Identifikationsfigur weg. Der Nationalspieler wechselt zum Rekordmeister THW Kiel – der Verein mit dem größten Etat in der Liga. „Julian steht als Spieler sinnbildlich für die Entwicklung der letzten Jahre. Er war das Gesicht des VfL. Er wird uns extrem fehlen“, so Schindler. Wie kompensiert man so einen Ausfall? „Es geht dann nicht darum, den neuen Julian Köster zu finden, sondern das, was mit ihm fehlt, auf mehrere Schultern zu verteilen.“ Mit Miro Schluroff, Tom Kiesler und Mathis Häseler bleiben dem Verein aber drei Nationalspieler erhalten, die mit dem DHB-Team im Januar dieses Jahres Vize-Europameister geworden sind.
Zudem sind die ersten Neuzugänge bereits getätigt. Internationales Aufsehen konnte Schindler mit der Verpflichtung des spanischen Star-Spielers Alex Dujshebaev erzielen. Der rechte Rückraumspieler gilt als einer der Weltbesten auf seiner Position. „Das wäre vor einigen Jahren noch undenkbar gewesen, einen solchen Spieler zu uns zu holen. Da wären wir sportlich viel zu uninteressant gewesen“, so Schindler. Zudem kommt der hochtalentierte Schwede Nikola Roganovic, den auch mehrere Top-Clubs aus ganz Europa haben wollten.
Neue sportliche und wirtschaftlichte Perspektiven
Neue sportliche, neue wirtschaftliche Perspektiven sollen dazukommen. In den nächsten Wochen soll es gute Nachrichten über neue große Partnerschaften geben. In die Karten schauen lassen wollte Schindler sich aber nicht. In die Schlagzeilen wird es der VfL aber vermutlich weiter schaffen. Wie schon im März, als der Aufschwung der Oberbergischen der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ einen Artikel im Sportteil wert war. Und vielleicht gelingt ja der Sprung in die begehrte Champions League. Dann werden sie in Gummersbach zwar weiter nur 4.132 Karten pro Spiel verkaufen können. Aber der Etat wird sich weiter vergrößern. Und dann sind die alten Zeiten, in denen der VfL Gummersbach auf der Handball-Weltkarte ein großer leuchtender Punkt war, vielleicht gar nicht mehr so weit weg.
Kontakt
Michael Sallmann
Leiter der Geschäftsstelle Oberberg