So verzerrt wird Unternehmertum in Schulbüchern dargestellt
Man lernt ja angeblich fürs Leben und nicht für die Schule … In deutschen Schulbüchern spielt die Wirtschaft eine geringe und oftmals verzerrte Rolle. Unternehmerinnen und Unternehmer tauchen dort selten als Ideengeber, Innovationstreiber oder Problemlöser auf, sondern eher als Verursacher von Problemen.
Das zeigt die Analyse „Marktwirtschaft und Unternehmertum in Schulbüchern“, die Prof. Dr. Nils Goldschmidt, Romina Kron und Dr. Marco Rehm vom Zentrum für ökonomische Bildung (ZÖBIS) der Universität Siegen durchgeführt haben. Der Fokus lag dabei auf der gymnasialen Oberstufe.
Die Karikatur als Zerrbild der Realität
Schüler erhalten einseitiges und negatives Bild von Unternehmertum
Die Kernergebnisse sind ernüchternd. So werden Unternehmer häufig als profitorientierte Akteure beschrieben, deren Handeln eher Probleme erzeugt, weniger als Träger von Innovation, Beschäftigung oder gesellschaftlichem Fortschritt. Positive Wirkungen wie Wohlstandssteigerung, Wettbewerbsdynamik und individuelle Freiheit treten in den Hintergrund und unternehmerische Verantwortung wird selten in konstruktiven, zukunftsweisenden Beispielen behandelt. Auf diese Weise entsteht ein einseitiges und negatives Bild von Unternehmertum. „Der Staat wird in den Büchern oft als Retter gezeigt, der Probleme löst, die angeblich durch die Wirtschaft verursacht wurden“, fasst Goldschmidt die zentralen Ergebnisse zusammen.
„Ohne Wissen entstehen Bauch- oder Ungerechtigkeitsgefühle. Und man muss sich nicht wundern, wenn jüngere Generationen dann die extreme Linke oder Rechte gut finden, weil die scheinbar mit einfachen Rezepten irgendwas dagegen machen.“ Prof. Dr. Nils Goldschmidt
Näherinnen in Bangladesch als typisches Beispiel
Ein besonders häufiges Beispiel in den Büchern ist laut Goldschmidt die Textilindustrie in Bangladesch. „Natürlich gibt es dort massive Missstände, aber die moralische Empörung ersetzt nicht die ökonomische Analyse. In Schulbüchern wird so getan, als ginge es um Gut gegen Böse – Staat gegen Unternehmen. Es fehlt ein Grundverständnis für unternehmerisches Handeln“, so Goldschmidt. Das zeige sich auch beim Thema Außenhandel, der in den Büchern meist als Handel zwischen Staaten statt Unternehmen dargestellt werde.
Fehlende ökonomische Perspektive
Ein Kernproblem sieht Goldschmidt darin, dass Wirtschaft in vielen Bundesländern kein eigenes Fach sei, sondern eine Mischung aus Soziologie, Politik und Wirtschaft. In der Folge werde über ökonomische Phänomene wie Globalisierung oder Außenhandel nicht grundständig aus der wirtschafts-, sondern häufig vor allem aus der politikwissenschaftlichen oder soziologischen Perspektive gesprochen. So rückten im Beispiel der Näherinnen oft nur die Gerechtigkeitsfrage, aber nicht die der Wettbewerbsvorteile in den Fokus. „Man spricht also über ökonomische Dinge, aber nicht aus einer fachlichen Sicht. Das ist genauso, als würden Sie Englischunterricht ohne Grammatik machen“, meint Goldschmidt dazu.
Ein Ergebnis aus der Studie
Schulbuch-Autoren brauchen ökonomischen Hintergrund
Woher kommt diese Schieflage? Goldschmidt zufolge liegt es daran, dass die Schulbücher nur selten von Autorinnen und Autoren mit ökonomischem Hintergrund verfasst werden. Die Schulministerien der Länder gäben die Bücher zwar frei, prüften aber vor allem ob der Inhalt zum Kernlernplan passe. Goldschmidt wünscht sich stattdessen kompetente Autorenteams und ein Gremium, das nicht nur Inhalte, sondern auch die Fachlichkeit prüft. Nur so könne gewährleistet werden, dass die Inhalte fachlich sauber seien und die Schülerinnen und Schüler grundlegende Methoden wie Tabellen lesen und interpretieren sowie ökonomische Zusammenhänge auswerten lernen.
Beispielhaft: Eine Aufgabe aus einem Schulbuch
Eigenständiges Fach Wirtschaft – ein überfälliger Schritt
Ein wichtiger Schritt auf diesem Weg wäre ein eigenständiges Schulfach Wirtschaft. „Dann würden Lehrerinnen und Lehrer gezielt dafür ausgebildet und könnten Unterricht fundierter gestalten. Heute unterrichten vielfach Fachfremde – etwa Geschichts- oder Erdkundelehrer – die schlicht keine ökonomische Ausbildung haben“, sagt Goldschmidt. Überdies: Solange kein Druck aus den Schulen komme, werde sich auch in den Verlagen nichts ändern, ist Goldschmidt überzeugt.
Junge Menschen brauchen ökonomisches Verständnis, um mitentscheiden zu können
Für die junge Generation sei es entscheidend, über Wirtschaft Bescheid zu wissen, um mitreden zu können. Goldschmidt: „Wir müssen unseren Kindern die Fähigkeit geben, sich selbst ein fundiertes Urteil über ökonomische Prozesse machen zu können. Die können marktwirtschaftliche Systeme am Ende auch ablehnen, aber ihre Position muss begründet sein.“ Nur, wer Bescheid wisse, könne bei aktuellen Entwicklungen wie etwa dem Sondervermögen mitreden.
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Tanja Wessendorf
Kommunikation | Multimedia-Redakteurin