IHK-Neujahrsempfang 2026

IHK-Präsident Volker Hasbargen appelliert beim Neujahrsempfang der IHK Karlsruhe

„Mehr Mut für einen Kurswechsel“

Der Neujahrsempfang der IHK Karlsruhe ist immer ein Gradmesser: Wie ist die Stimmung in den Unternehmen, und wie startet die Wirtschaft zum Jahresauftakt? Bei der gestrigen Veranstaltung ging es vor allem um Mut, aber auch um klare Ansagen an die Politik: Kursrichtung Wirtschaftswende.
Mehr als 1300 Gäste aus Wirtschaft, Politik, Verwaltung, Wissenschaft, Kultur und Gesellschaft folgten den Reden in der Karlsruher Gartenhalle und tauschten sich aus. Im Mittelpunkt standen die Aussagen von IHK-Präsident Volker Hasbargen und der Keynote Speakerin Dr. Florence Gaub, ganz nach dem Motto: „Schluss mit dem täglichen Weltuntergang“.
Moderiert wurde der Vormittag von Victoria Denner-Rauh, Erste IHK-Vizepräsidentin, und Dr. Arne Rudolph, IHK-Hauptgeschäftsführer. Denner-Rauh beschrieb es so: „Die Unternehmen sind die großen und kleinen Schiffe und Frachtträger auf hoher See und wir als IHK sind der Leuchtturm für die Navigation, wenn es mal ein bisschen trüb und neblig ist“. Dr. Rudolph ergänzte: „Neben konkreten Hilfen wie Beratung und Information für Unternehmen machen wir in Gesprächen mit Politik und Verwaltung Wirtschaft greifbar.“
Zur Einstimmung gab es von Hasbargen viel Lob und Dankesworte für die Unternehmen im Exportland Baden-Württemberg und „die unfassbar gute Leistung“ aller Verantwortlichen. Nach dem Innovationsindex der EU ist Baden-Württemberg unangefochten auf Platz 1 als „innovativste Region der Europäischen Union“, so der IHK-Präsident. „Wir wollen, dass das so bleibt. Wir haben als Wirtschaft geliefert! Und das trotz vielfältiger Schwierigkeiten: unberechenbare Zollkonflikte, Engpässe bei der Versorgung mit Vorprodukten und Rohstoffen oder geopolitische Krisen mit massiven wirtschaftlichen Folgen.“
Das sei dem großen Engagement in den Betrieben zu verdanken und das drücke sich genauso im Ehrenamt aus: So unterstützten 4.568 Ehrenamtliche die IHK, von der Abnahme von Prüfungen bis zu Beratungen in Ausschüssen. Aktuell finden bis zum 9. Februar die Wahlen zur Vollversammlung statt. Rund 71.000 Mitglieder der IHK Karlsruhe suchen unter 104 Kandidatinnen und Kandidaten ihre 76 Vertreter aus. Hasbargen: „Das ist ein demokratisches Statement.“
Hasbargen rief dazu auf, sich in unsicheren Zeiten auf für das Ungewisse zu wappnen. Damit würden mögliche negative Szenarien verringert und die Chance auf eine gute Zukunft vergrößert. Dies sei beileibe kein Selbstläufer, sondern harte Arbeit. Er forderte die Politik auf, Bürokratie abzubauen, um der Wirtschaft die Möglichkeit zur Entfaltung zu geben. Allen müsse klar sein, dass man auf diesem Weg Mut brauche. „Wichtig ist“ so Hasbargen, „dass nicht bei jedem Schritt Absicherung gesucht wird. Mut ist die Abwesenheit von Sicherheit.“ Sein Appell war aktueller denn je: „Wirtschaft muss sich auf das konzentrieren können, was wichtig ist, ihre Wettbewerbsfähigkeit. Politik kann hier unterstützen, indem sie die Energieinfrastruktur gezielt ausbaut, Innovationen fördert und Dokumentations- und Berichtspflichten stark reduziert.“
Ernste Töne schlug er zur Bedrohungslage für Deutschland und Europa an. Längst Alltag seien digitale Sabotage und Desinformation sowie unbekannte Drohnen an Flughäfen und militärischen Einrichtungen. „Was wäre, wenn der Stromausfall in Berlin kein linksextremistischer Anschlag, sondern ein gezielter militärischer Angriff wäre und nicht nur ein Teil der Hauptstadt, sondern mehrere Regionen gleichzeitig betroffen hätte?“ Hasbargen rief dazu auf, in den Betrieben Notfallpläne zu entwickeln und darüber auch krisenfest zu werden.
Ein guter Übergang zu Dr. Florence Gaub, der strategischen Vordenkerin beim NATO Defense College mit Sitz in Rom. Die renommierte Analystin hat gerade das Buch „Szenario – Die Zukunft steht auf dem Spiel“ veröffentlicht, in dem sie Leser interaktiv zum Mitdenken und Mitplanen animiert. Beim Neujahrsempfang betonte Sie den Nutzen solcher Szenarien, um über die Zukunft auf eine strukturierte Art nachzudenken und knüpfte u. a. an das Beispiel Hasbargens an: „Denken Sie an den Stromausfall in Berlin. Waren es jetzt die Russen oder waren sie es nicht? Wenn sie es nicht waren, tun sie vielleicht so, als wären sie es gewesen. Umgekehrt, wenn sie es waren, wollen sie vielleicht, dass wir eben nicht denken, dass sie es waren. Außen- und Sicherheitspolitik ist ein Spiel, ein manipulatives Spiel mit ihrer Wahrnehmung.“ Dabei gehe es besonders darum, Verwirrung und Ängste zu schüren.
Die Arbeit mit ihrem Team beim Defense College sei eine Art Früherkennungssystem: Es gehe darum Signale zu deuten, etwa verändertes Verhalten, neue Technologien oder auch darum Informationen zu sammeln. „Wenn man das früh erkennt, dann gewinnt man Zeit und wenn man Zeit hat, kann man sich besser vorbereiten.“ Dann würden sie Szenarien entwickeln, was sich alles tun könnte. Wer wann wo und wie aktiv würde. Gleichzeitig müsse man in der Gegenwart aktiv sein. Dr. Florence Gaub: „Wenn Sie in Ihrer Arbeit, im Unternehmen oder zu Hause einen Zukunftsprozess anstoßen, dann muss der immer damit enden, dass Sie sich fragen: Was machen wir jetzt?“ 
Dr. Florence Gaub warnte vor gefährlichem Halbwissen, mit dem man unnötig Ängste schüren könne. Und sie riet, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen. Bei einem Besuch in Taiwan habe sie auf zivilgesellschaftlicher Ebene von Menschen und Verbänden erfahren, „die regelmäßig von alleine ohne staatliche Unterstützung den Ernstfall proben“, falls China das Land erobern würde. Dr. Florence Gaub fragte: „Was würden wir tun, wenn es zu einem Notfall käme? Statt Vorbereitung reden wir die Bundeswehr marode und wundern uns, dass wir große Angst vor Krieg haben“.
Dr. Florence Gaub machte eine klare Ansage: „Dieses Gefühl, dass man einfach immer weiter positives Wirtschaftswachstum hat und es tut nie irgendwas weh“, werde es auf absehbare Zeit nicht geben können. Innovationen kämen immer aus der Krise heraus. Ihr Appell: „Lassen Sie diese Krise nicht ungenutzt verstreichen. Ich hoffe, dass wir in 20 Jahren sagen, es war unfassbar anstrengend, aber genau da haben wir das erreicht, was wir wollten, nämlich neu definiert, wohin die Reise geht.“
Der Zukunft weit abseits der Weltuntergangsszenarien begegnen, sich bewusst vorbereiten und Klartext abseits des Wunschdenkens sprechen. Das waren einfache, effektive Hilfsmittel als Quintessenz des IHK-Neujahrsempfangs 2026 - ausreichend Gesprächsstoff für den anschließenden Austausch der Teilnehmerinnen und Teilnehmer.