Konjunkturelle Lage

Konjunkturbarometer der Hamburger Wirtschaft

Hamburger Wirtschaft insgesamt

Belastende Ungewissheiten

Im Frühjahr 2022 ist die Stimmung in der Hamburger Wirtschaft deutlich gedämpfter als zum Jahreswechsel: Die aktuelle Geschäftslage ist alles in allem weniger positiv als noch vor drei Monaten, bei den Geschäftserwartungen und den Exportaussichten überwiegen nun sogar die pessimistischen Stimmen. Gleichwohl bleiben die Personal- und Investitionsplanungen der von der Handelskammer befragten Unternehmen per saldo expansiv ausgerichtet.
Die Auswertung der Handelskammer-Konjunkturbefragung zum Ende des I. Quartals 2022 basiert auf insgesamt 594 Antworten Hamburger Unternehmen. Nicht zuletzt der Krieg in der Ukraine, aufkeimende Inflation sowie ein anhaltend dynamisches Corona-Infektionsgeschehen prägten den Befragungszeitraum vom 22. März bis zum 7. April 2022.
19,2 Punkte hat der Geschäftsklimaindikator der Hamburger Wirtschaft gegenüber der vorherigen Befragung (114,8 Punkte zum Ende des IV. Quartals 2021) eingebüßt. Diese starke Eintrübung des Klimas ergibt sich aus deutlich schlechteren Einschätzungen hiesiger Unternehmen sowohl hinsichtlich ihrer aktuellen als auch ihrer künftigen Geschäftslage. Mit 95,6 Punkten – gemessen auf einer Skala von 0 bis 200 Punkten – unterschreitet das Geschäftsklima zum Ende des I. Quartals 2022 zudem beachtlich den langfristigen Mittelwert (108,2 Punkte).
Nach dem konjunkturellen Einbruch (Q4 2008) infolge der Weltfinanzkrise hat sich die Hamburger Wirtschaft relativ rasch erholt. Bei 39 aufeinander folgenden Quartalsbefragungen (Q2 2010 bis Q4 2019) haben jeweils mehr Hamburger Unternehmen ihre aktuelle Geschäftslage als „gut“ denn als „schlecht“ bewertet. Eine schlagartige und massive Verschlechterung brachte die Coronapandemie (Q1 2020). Trotz allgemeiner Stimmungsaufhellungen (Q2, Q3, Q4 2020 und Q1 2021) befand sich die Hamburger Wirtschaft rund ein Jahr lang in einer Rezessionsphase. 
„Befriedigend bzw. saisonüblich“ ist die eigene Geschäftslage zum Ende des I. Quartals 2022 bei der Hälfte der an der Handelskammerbefragung teilnehmenden Hamburger Unternehmen (50,9 %). 28,8 % melden eine „gute“, 20,3 % dagegen eine „schlechte“ Lage. Daraus ergibt sich ein Saldo von +8,5. Dieser Überhang an positiven Stimmen fällt merklich geringer aus als bei der letzten Befragung (Saldo zum Ende des IV. Quartals 2021: +21,8) – dies gilt generell auch für einzelne Branchen. Besser als im Durchschnitt der Hamburger Wirtschaft ist die Lage zum Ende des I. Quartals 2022 unter anderem im Verkehrsgewerbe (Saldo: +19,2; Vorquartal: +31,4), bei unternehmensbezogenen Dienstleistern (+20,6; Vorquartal: +22,5), im Finanzsektor (+24,9; Vorquartal: +40,4), Baugewerbe (+43,4; Vorquartal: +61,0) und im Grundstücks- und Wohnungswesen (+51,4; Vorquartal: +41,7). Mehr schlechte als gute Lagebeurteilungen sind abermals in den durch COVID-19-Schutzmaßnahmen besonders betroffenen Branchen – bei personenbezogenen Dienstleistern (Saldo: -31,4; Vorquartal: -15,4) und im Gastgewerbe (-67,5; Vorquartal: -89,8) – zu verzeichnen. Ein drastischer Stimmungsumschwung vollzog sich im Verarbeitenden Gewerbe (Saldo: -5,9; Vorquartal: +32,7), einer besonders auf intakte Lieferketten angewiesenen und stark außenwirtschaftlich verflochtenen Branche.
Während der Jahresausblick 2022 für die Hamburger Wirtschaft vor drei Monaten noch verhalten optimistisch ausfiel, dominieren zum Ende des I. Quartals 2022 die pessimistischen Stimmen: Rund jedes dritte der antwortenden Hamburger Unternehmen (35,7 %) rechnet mit einer „eher ungünstigeren“, lediglich jedes fünfte (20,0 %) mit einer „eher günstigeren“ Geschäftslage in den kommenden zwölf Monaten (Saldo: -15,7; Saldo im Vorquartal: +8,2; Saldo im Vorjahresquartal: -0,2). 44,3 % der Unternehmen erwarten eine in etwa gleichbleibende Geschäftslage. Zu den Branchen mit ausgeprägt pessimistischen Geschäftserwartungen zählen das Verkehrsgewerbe (Saldo: -25,0; Vorquartal: +22,6), das Verarbeitende Gewerbe (-30,3; Vorquartal: +4,0), der Einzelhandel (-32,2; Vorquartal: -7,1), der Groß- und Außenhandel (-43,1; Vorquartal: -23,9) sowie das Baugewerbe (-52,3; Vorquartal: +6,6). Alles in allem optimistisch sehen hingegen überwiegend personenbezogene Dienstleister (Saldo: +29,5; Vorquartal: +17,3) und das Gastgewerbe (+37,5; Vorquartal: +0,4) ihrer Geschäftsentwicklung in den kommenden zwölf Monaten entgegen.
Die vierteljährlichen Handelskammer-Konjunkturbefragungen beinhalten seit 2010 eine Frage mit acht vorgegebenen Antwortkategorien zu den größten Geschäftsrisiken in den kommenden zwölf Monaten (Mehrfachnennungen möglich). Zum Ende des I. Quartals 2022 sind Energie- und Rohstoffpreise erstmals die Top-Benennung im Ranking der größten Geschäftsrisiken, benannt von sieben von zehn der auf diese Frage antwortenden Hamburger Unternehmen (69,7 %). Im Vorquartal und insbesondere im Vorjahresquartal lagen die entsprechenden Werte (45,3 % bzw. 24,6 %) noch deutlich niedriger. Der Fachkräftemangel zählt für fast sechs von zehn Unternehmen (58,8 %) zu den größten Risiken bei ihrer wirtschaftlichen Entwicklung in den kommenden zwölf Monaten (Vorquartal: 61,3 %; Vorjahresquartal: 33,7 %). Ähnlich viele Unternehmen (57,6 %) führen ungünstige wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen an (Vorquartal: 49,8 %; Vorjahresquartal: 62,1 %). Jeweils annähernd vier von zehn Unternehmen (43,3 % bzw. 38,4 %) rechnen die Punkte Inlandsnachfrage (Vorquartal: 40,2 %; Vorjahresquartal: 58,3 %) und Arbeitskosten (Vorquartal: 37,1 %; Vorjahresquartal: 26,4 %) zu ihren größten Geschäftsrisiken. Die Aspekte Auslandsnachfrage (27,6 %; Vorquartal: 24,2 %; Vorjahresquartal: 27,3 %) sowie vor allem Finanzierungsschwierigkeiten (8,4 %; Vorquartal: 6,6 %; Vorjahresquartal: 7,8 %) und Wechselkursrisiken (6,6 %; Vorquartal: 5,2 %; Vorjahresquartal: 7,3 %) sind – bezogen auf die gesamte Hamburger Wirtschaft – derzeit weniger relevant.
Trotz der gedämpften Stimmung zum Ende des I. Quartals 2022 deuten die Personalplanungen insgesamt auf Zuwächse hin, annähernd in dem Ausmaß wie bei der Befragung vor drei Monaten: 21,4 % der Unternehmen streben aktuell eine höhere, 11,6 % eine geringere Beschäftigtenzahl in den kommenden zwölf Monaten an (Saldo: +9,8; Vorquartal: +11,4; Vorjahresquartal: -10,7). Eine in etwa gleichbleibende Beschäftigtenzahl sehen zwei Drittel (67,0 %) der Unternehmen vor.
Ein wenig zurückhaltender, aber insgesamt expansiv ausgerichtet bleiben die Investitionsvorhaben im Inland. Erhöhungen ihrer Investitionsausgaben planen 31,7 %, Verringerungen 16,1 % der Unternehmen (Saldo: +15,6; Vorquartal: +16,9; Vorjahresquartal: +1,4). In etwa gleichbleibende inländische Investitionsausgaben in den kommenden zwölf Monaten beabsichtigen 52,2 % der Unternehmen. 
Ersatzbedarf ist für die meisten Unternehmen eines ihrer Hauptmotive für Investitionen im Inland (benannt von 56,8 % der investierenden Unternehmen; Wert im Vorquartal: 58,2 %:). Jeweils rund drei von zehn Unternehmen führen die Beweggründe Rationalisierung (31,6 %; Vorquartal: 30,1 %), Produktinnovation (31,0 %; Vorquartal: 34,0 %), Kapazitätsausweitung (30,4 %; Vorquartal: 29,5 %) sowie Umweltschutz (30,1 %; Vorquartal: 25,6 %) an. Während zwischen Mitte 2009 und Mitte 2018 im Durchschnitt knapp jedes zehnte Unternehmen Umweltschutzmaßnahmen zu seinen Hauptmotiven für Investitionen im Inland zählte, ist in der Folgezeit ein deutlicher Bedeutungszuwachs zu verzeichnen, mit einem neuen Höchstwert zum Ende des I. Quartals 2022.
Die Exportaussichten der Hamburger Wirtschaft haben sich im Vergleich zum Jahreswechsel drastisch verschlechtert, per saldo überwiegen nun zum Ende des I. Quartals 2022 die pessimistischen Einschätzungen: Während von den außenwirtschaftlich aktiven Unternehmen 12,8 % mit höheren Exporten in den kommenden zwölf Monaten rechnen, erwarten 30,7 % geringere Exporte (Saldo: -17,9; Vorquartal: +23,1; Vorjahresquartal: +14,0). Diese schlagartige Stimmungsumkehr ist sowohl im Verarbeitenden Gewerbe (aktueller Saldo: -14,7; Vorquartal: +26,5) als auch bei Dienstleistern (aktueller Saldo: -18,6; Vorquartal: +13,9) zu erkennen. Die Mehrheit der international engagierten Unternehmen gehen von in etwa gleichbleibenden Exporten in den kommenden zwölf Monaten aus (insgesamt 56,5 %; ähnliche Werte im Verarbeitenden Gewerbe und bei Dienstleistern: 56,9 % bzw. 58,6 %).

Kostenerhöhungen

Angesichts aufkeimender Inflation haben wir im Rahmen der Handelskammer-Konjunkturbefragung zum Ende des I. Quartals 2022 hiesige Unternehmen gefragt, von welchen Kostenerhöhungen sie besonders betroffen sind (Mehrfachnennungen möglich): Knapp drei Viertel (73,4 %) benennen höhere Einkaufspreise für Energie (u. a. Strom, Kraftstoff), 61,6 % höhere Einkaufspreise für bezogene Waren (u. a. Rohstoffe, Vorprodukte), 58,4 % höhere Arbeitskosten, 47,1 % höhere Einkaufspreise für erhaltene Dienstleistungen und lediglich 6,2 % Fremdkapitalkosten sowie 5,0 % sonstige Kostenerhöhungen. Summa summarum sind die meisten Hamburger Unternehmen von mehreren Kostenerhöhungen besonders betroffen – lediglich 4,6 % der Unternehmen verspüren zum Ende des I. Quartals 2022 keine nennenswerten Kostenerhöhungen.
Vor dem Hintergrund der umfassenden Kostenerhöhungen bei Unternehmen ist aufschlussreich, wie diese auf anfallende Kostenerhöhungen reagieren. Ein Drittel der antwortenden Unternehmen (32,3%) haben Kostenerhöhungen bereits an ihre Kundschaft weitergegeben, mehr als ein Drittel (38,1 %) beabsichtigen dies. Ein Fünftel der Unternehmen (20,4 %) geben an, dass Kostenerhöhungen derzeit nicht geplant bzw. möglich sind, zum Beispiel wegen langfristiger Verträge oder fehlender Kundenakzeptanz. Bei 1,4 % der Unternehmen ist noch nicht klar, ob und wie Kostenerhöhungen an ihre Kundschaft weitergegeben werden – bei 7,8 % sind bislang keine nennenswerten Kosten- oder Preissteigerungen zu verzeichnen.

Einzelne Wirtschaftszweige

Zum Ende des I. Quartals 2022 weisen die Geschäftsklimaindikatoren (Mittelwerte aus aktueller und künftiger Geschäftslage) für einzelne Wirtschaftszweige folgende Werte aus: Ähnlich wie die Stimmung in der Hamburger Wirtschaft insgesamt (aktuell 95,6 Punkte; Wert im Vorquartal: 114,8 Punkte) fällt das Geschäftsklima in der Medien- und IT-Wirtschaft (94,8 Punkte; Vorquartal: 115,1 Punkte), im Verkehrsgewerbe (94,5 Punkte; Vorquartal: 126,9 Punkte) sowie bei überwiegend personenbezogenen Dienstleistern (94,3 Punkte; Vorquartal: 99,6 Punkte) aus. Überdurchschnittliche Geschäftsklimawerte sind aktuell für überwiegend unternehmensbezogene Dienstleister (104,0 Punkte; Vorquartal: 117,1 Punkte) sowie den Finanzsektor (116,4 Punkte; Vorquartal: 134,2 Punkte) zu verzeichnen. Schlechter als in der Hamburger Wirtschaft insgesamt ist gegenwärtig das Geschäftsklima im Einzelhandel (83,7 Punkte; Vorquartal: 107,2 Punkte), im Baugewerbe (82,8 Punkte; Vorquartal: 131,0 Punkte), im Verarbeitenden Gewerbe (81,0 Punkte; Vorquartal: 117,5 Punkte), im Groß- und Außenhandel (76,6 Punkte; Vorquartal: 94,4 Punkte) sowie im Gastgewerbe (66,8 Punkte; Vorquartal: 32,1 Punkte).  

Aktuelle HWWI-Konjunkturprognose für Deutschland

Unsichere Aussichten für die deutsche Wirtschaft
  • Krieg in der Ukraine und Inflationsprobleme verschleppen Erholungsprozess
  • Rezessionsgefahr bei anhaltendem Krieg in der Ukraine
Die Rahmenbedingungen für die deutsche Wirtschaft haben sich durch den Krieg in der Ukraine erheblich verschlechtert. Der nach Lockerung des Corona-Lockdowns erwartete Erholungsprozess wird dadurch verschleppt. Bei anhaltendem Krieg in der Ukraine besteht die Gefahr einer tieferen Rezession.
Da das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) nach den jüngsten Problemen – 5. Corona-Welle, durch den Krieg in der Ukraine noch verschärfte Lieferketten- und Inflationsprobleme – voraussichtlich im ersten Quartal wie schon im letzten Quartal des vergangenen Jahres gesunken ist, wäre definitionsgemäß der Tatbestand einer Rezession als Rückgang des BIP in zwei aufeinanderfolgenden Quartalen bereits erfüllt.
Die Prognose des HWWI von Anfang März, zu Beginn des Ukraine-Krieges, unterstellte lediglich vorübergehende Störungen bei den Energie- und anderen Rohstofflieferungen bzw. deren Preisen durch den Ukraine-Krieg; für diesen Fall wurde ein Wirtschaftswachstum von 2 % und eine Inflationsrate von knapp 4 % für dieses Jahr sowie 3 % Wirtschaftswachstum und 2 % Inflation für 2023 geschätzt. Mit Fortdauer des Ukraine-Kriegs und zunehmendem Umfang gegenseitiger Sanktionen wird die gesamtwirtschaftliche Produktion entsprechend geringer ausfallen.
Aktuell lässt sich für die kommenden Monate die Wirtschaftsentwicklung kaum vorhersehen, zumal bei einem etwaigen Öl- und Gasembargo. Die nochmals kräftige Verteuerung von Energie, aber auch von anderen Rohstoffen, dürfte angesichts der geopolitischen Verwerfungen zumindest auf mittlere Sicht den Inflationsdruck auf allen Stufen erhöhen.

50 Jahre Handelskammer-Konjunkturbefragungen

Seit 1971 geben Mitgliedsunternehmen der Handelskammer Hamburg regelmäßig Auskunft zur wirtschaftlichen Lage und den Perspektiven. Ihrem Engagement ist im Jubiläumsjahr 2021 die Ausstellung "50 Jahre Konjunkturbefragungen" gewidmet: Werfen Sie mit uns einen Blick zurück auf Booms und Krisen, Aufschwung und Rezession – und auf die Stellschrauben der Politik im Kampf gegen Arbeitslosigkeit und Inflation: www.hk24.de/konjunkturgeschichte.
Weitere Konjunkturdaten und umfangreiche Statistiken der Handelskammer unter www.hk24.de/konjunktur beziehungsweise www.hk24.de/zahlen. Unser 2020 aktualisiertes Standortportrait “Wirtschaftsstandort Hamburg – Metropole der Zukunft” finden Sie hier.
Das Online-Prognosetool Handelskammer-Fachkräftemonitor Hamburg finden Sie unter www.fkm-hamburg.de.

Konjunkturbeobachtung von DIHK und Handwerkskammer

Seit Herbst 1977 führt der DIHK zweimal jährlich eine Konjunkturumfrage bei den 79 Industrie- und Handelskammern (IHKs) in Deutschland durch. Die aktuellen Umfragen und Prognosen sowie Auswertungen aus den letzten Jahren veröffentlicht der DIHK auf seiner Website. Weitere Informationen zum Thema “ Konjunktur und Wachstum" finden Sie ebenfalls auf der DIHK-Website.
Die Handwerkskammer befragt zweimal jährlich Handwerksbetriebe zur aktuellen wirtschaftlichen Lage. Die Ergebnisse werden in den Konjunkturberichten der Handwerkskammer Hamburg veröffentlicht. Darüber hinaus fließen die Daten in die Konjunkturberichterstattung auf Bundesebene ein, deren Ergebnis vom Zentralverband des Deutschen Handwerks veröffentlicht wird.