Konjunkturelle Lage

Konjunkturbarometer der Hamburger Wirtschaft

Hamburger Wirtschaft insgesamt

Wirtschaft im Abschwung

Ausgeprägte Geschäftsrisiken trüben weiterhin die Geschäftserwartungen und Exportaussichten in der Hamburger Wirtschaft. Das zeigen die Ergebnisse der aktuellen Handelskammer-Konjunkturbefragung im Herbst 2022. Demnach stufen hiesige Unternehmen ihre aktuelle Geschäftslage per saldo (noch) als gut ein. Ein eher ausgewogenes Bild ergibt sich bei den Investitions- und Personalplanungen.
Insgesamt 510 Antworten von Hamburger Unternehmen resultierten aus der Handelskammer-Konjunkturbefragung zum Ende des dritten Quartals 2022, die vom 27. September bis zum 13. Oktober 2022 lief. Mediale Aufmerksamkeit richtete sich in diesem Zeitraum nicht zuletzt auf die Themen Inflation und Krieg in der Ukraine sowie auf die anhaltende Diskussion über geplante Maßnahmen der Bunderegierung zur Entlastung von Unternehmen in Zeiten außergewöhnlich hoher Energiepreise.
Zum vierten Mal in Folge fällt das Geschäftsklima in der Hamburger Wirtschaft schlechter aus als in den Vorquartalen. Der Wert, gemessen auf einer Skala von 0 bis 200 Punkten, erreicht zum Ende des dritten Quartals 76,3 Punkte. Zum Vergleich: Bei der Befragung im Sommer waren es 89,3 Punkte, und im Frühjahr und im Winter lag der Wert bei 95,6 bzw. 114,8 Punkte. Damit liegt der aktuelle Geschäftsklimaindikator abermals unter dem langfristigen Mittelwert von 108 Punkte seit der Erhebung ab dem Jahr 1997.
Die beiden in das Geschäftsklima einfließenden Indikatoren – aktuelle und erwartete Geschäftslage – weichen zum Ende des dritten Quartals 2022 ähnlich stark voneinander ab wie schon in der Befragung vor drei Monaten. Die insgesamt positiven Beurteilungen der aktuellen Geschäftslage (Saldo +10,1) stehen sehr deutlich pessimistischen Bewertungen der künftigen Geschäftslage (Saldo -47,2) gegenüber.
Die eigene aktuelle Geschäftslage fällt für die Hälfte (50,7 %) der an der Handelskammer-Konjunkturbefragung teilnehmenden Hamburger Unternehmen „befriedigend bzw. saisonüblich“ aus. 29,7 % stufen ihre aktuelle Lage als „gut“, 19,6 % als „schlecht“ ein. Somit überwiegen zwar die positiven Stimmen (Saldo +10,1), die Lage wird jedoch als schlechter angegeben als bei der Befragung im Vorquartal (Saldo: +18,7) und im Vorjahresquartal (Saldo +20,6). Besonders ausgeprägt sind die positiven Beurteilungen im Grundstücks- und Wohnungswesen (Saldo: +28,2), bei den überwiegend unternehmensbezogenen Dienstleistungen (Saldo: +28,3), im Gastgewerbe (Saldo: +32,8), bei den Public-Relations- und Unternehmensberatungen (Saldo +43,0) und im Baugewerbe (Saldo: +52,8). Von einer schlechten aktuellen Geschäftslage sprechen Vertreter der Branchen überwiegend personenbezogenen Dienstleistungen (Saldo -15,3), der Einzelhandel (Saldo -17,8) und der Groß- und Außenhandel (Saldo -20,9).
Was die Geschäftserwartungen für die kommenden zwölf Monate anbelangt, rechnet knapp die Mehrheit der Unternehmen (51,5 %) mit einer „eher ungünstigeren“ Geschäftslage. 44,2 % gehen von einer fast gleichbleibenden Lage aus und 4,3 % erwarten eine „eher günstigere“ Geschäftslage für ihr Unternehmen. Daraus ergibt sich ein Saldo von -47,2. Damit haben sich die Geschäftserwartungen im Vergleich zur Befragung vor drei Monaten (Saldo -32,8) noch weiter eingetrübt. Bei der Befragung im Vorjahresquartal blickten Hamburger Unternehmen noch recht optimistisch in die Zukunft (Saldo +13,3). Besonders düster sind die Geschäftserwartungen zum Ende des dritten Quartals 2022 in der Medienwirtschaft (Saldo -54,4), im Baugewerbe (Saldo -59,3) und im Verkehrssektor (Saldo -66,5). Auffällig ist, dass bei allen auswertbaren Branchen die pessimistische Geschäftserwartung die kommenden zwölf Monate betreffend überwiegt.
Zum Ende des dritten Quartals 2022 ist unklar, inwieweit Unternehmen die von der Bundesregierung angekündigte, aber noch nicht konkretisierte Gaspreisbremse bei ihren Erwartungen antizipiert haben. Die Energie- und Rohstoffpreise gehören also weiterhin zu der Top-Benennung im Ranking der größten Geschäftsrisiken in den kommenden zwölf Monaten (Mehrfachnennungen möglich). Dieser Faktor erreicht einen Betroffenheitsgrad von 72,3 %, der in den vergangenen zwölf Jahren von keinem anderen Geschäftsrisiko erreicht wurde. Die wachsende Sorge zeigt sich im Ergebnis der vorherigen Befragungen. Da lag der Wert für das Geschäftsrisiko „Energie- und Rohstoffpreise“ bei 69,4 % (Vorquartal) bzw. 44,9 % (Vorjahresquartal).
Ein annähernd ebenso bedeutsames Risiko stellt der Fachkräftemangel dar: 61,7 % der Unternehmen zählt ihn zu den größten Risiken bei ihrer wirtschaftlichen Entwicklung in den kommenden zwölf Monaten (Vorquartal 67,8 %; Vorjahresquartal 59,0 %). Es folgen die Faktoren
  • ungünstige wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen (49,1 %; Vorquartal 52,5 %; Vorjahresquartal 49,2 %)
  • nachlassende Inlandsnachfrage (54,2; Vorquartal 47,3 %; Vorjahresquartal 39,3 %)
  • Arbeitskosten (44,2; Vorquartal 45,9 %; Vorjahresquartal 38,2 %)
  • Auslandsnachfrage (24,0 %; Vorquartal 19,1 %; Vorjahresquartal 23,5 %),
  • Finanzierungsschwierigkeiten (15,0 % und damit deutlich mehr Benennungen als im Vorquartal 9,9 %; Vorjahresquartal 6,8 %)
  • Wechselkursrisiken (9,0 %; Vorquartal 7,8 %; Vorjahresquartal 5,5 %).
Die Stimmung in der Hamburger Wirtschaft wirkt sich zum Ende des dritten Quartals 2022 dämpfend auf die Personal- und Investitionsplanungen der kommenden zwölf Monate. Demnach kalkulieren rund zwei Drittel der Unternehmen (67,7 %) mit einer in etwa gleichbleibenden Anzahl an Beschäftigten. 17,1 % der Antwortgebenden sehen einen höheren, 15,2 % einen geringeren Personalbestand vor (Saldo +1,9; Vorquartal +4,6; Vorjahresquartal +6,7).
Bei den Ausgaben für Investitionen im Inland in den kommenden zwölf Monaten beabsichtigen 27,0 % geringere Ausgaben und 25,2 % höhere (Saldo -1,8; Vorquartal +11,0; Vorjahresquartal +13,2). In etwa gleichbleibende inländische Investitionsausgaben wird von knapp der Hälfte der Unternehmen (47,8 %) angestrebt. Die Hauptmotive für die geplanten Investitionen im Inland sind (bei Mehrfachnennungen): Kapazitätsausweitung (22,6 %; erstes Quartal 2022 30,4%), Produktinnovation (28,1 %; 31,0 %), Rationalisierung (30,1 %; 31,6 %), Umweltschutz (30,4 %; 30,1%) und vor allem Ersatzbedarf (60,9 %; 56,8 %).
Positive konjunkturelle Effekte über die Nachfrage nach Hamburger Waren und Dienstleistungen aus dem Ausland sind derzeit nicht zu erwarten. Denn von den international tätigen Hamburger Unternehmen sehen 43,7 % geringere und 29,1 % höhere Exporte in den kommenden zwölf Monaten voraus (Saldo -14,6; Vorquartal +5,5; Vorjahresquartal +33,8). In etwa gleichbleibende eigene Exporte erwarten 27,2 % der Unternehmen. Die Exportaussichten fallen bei hiesigen Dienstleistern mit Außenwirtschaftsbeziehungen (aktueller Saldo -34,5; Vorquartal -16,5; Vorjahresquartal +19,8) noch ungünstiger aus als im Verarbeitenden Gewerbe (aktueller Saldo -3,2; Vorquartal: +19,5; Vorjahresquartal +44,9).
Befragt nach der aktuellen Finanzlage in der Hamburger Wirtschaft (Mehrfachnennungen möglich) verspüren Unternehmen Eigenkapitalrückgang (11,1 %; erstes Quartal 2022: 9,2 %), Liquiditätsengpässe (9,4 %; 10,1 %), zunehmende Forderungsausfälle (8,8 %; 5,6 %), erschwerten Fremdkapitalzugang (4,6 %; 3,8 %), hohe Fremdkapitalbelastung (3,6 %; 3,9 %) und drohende Insolvenz (2,0 %; 1,2 %). Drei von vier Unternehmen (75,0 %; 76,7 %) halten ihre Finanzlage derzeit für unproblematisch.

Energie

Die Reaktionen hiesiger Unternehmen auf die hohen Strom-, Gas- und Kraftstoffpreise fallen differenziert aus (Mehrfachnennungen möglich). Es werden insbesondere genannt:
  • Weitergabe der gestiegenen Kosten zum Großteil an ihre Kunden (48,9 %),
  • Investitionen in Energieeffizienzmaßnahmen (41,5 %),
  • Ausweichen auf andere Energieträger (14,6 %),
  • Reduzierung der Produktion bzw. der Angebote (10,9 %) sowie Verlagerung der Produktion (3,4 %).
Etwa jedes fünfte Unternehmen (19,2 %) reagiert gar nicht, weil es kaum oder nicht betroffen ist.

Einzelne Wirtschaftszweige

Für einzelne Hamburger Wirtschaftszweige ergeben sich für das Geschäftsklima folgende Werte:
Das Baugewerbe (78,9 Punkte; Vorquartal 83,1 Punkte) und die Gesundheitswirtschaft (79,3 Punkte; 59,2 Punkte) befinden sich auf dem Niveau des gesamtwirtschaftlichen Geschäftsklimas in Hamburg (76,3 Punkte). Unterdurchschnittliche Werte, und damit im Vergleich zu den zuvor Genannten ein trüberes Geschäftsklima ergebend, weisen folgende Branchen auf: Überwiegend personenbezogene Dienstleistungen (72,9 Punkte; Vorquartal 73,0 Punkte), IT-Wirtschaft (72,7 Punkte; 101,7 Punkte), Einzelhandel (68,8 Punkte; 67,9 Punkte), Medienwirtschaft (62,3 Punkte; 90,4 Punkte), Verkehrsgewerbe (62,0 Punkte; 81,5 Punkte) sowie Groß- und Außenhandel (60,2 Punkte; 77,7 Punkte).
Zu den Branchen mit einem überdurchschnittlichen Geschäftsklima zählen hingegen das Gastgewerbe (80,1 Punkte; Vorquartal 115,6 Punkte), das Verarbeitende Gewerbe (81,3 Punkte; 78,6 Punkte), die Überwiegend unternehmensbezogenen Dienstleistungen (85,9 Punkte; Vorquartal 73,0 Punkte) und der Finanzsektor (95,9 Punkte; 106,7 Punkte).

Aktuelle HWWI-Konjunkturprognose: Deutsche Wirtschaft gleitet in Rezession

  • Worst Case – anhaltender Ukraine-Krieg und hohe Inflation – eingetreten 
  • Gasmangellage dämpft Produktion und erhöht Inflation
Inzwischen ist der in den Prognosen von Anfang März und Juni als Risiko beschriebener Worst Case, nämlich ein Andauern des Ukraine-Kriegs sowie damit verbunden eine eingeschränkte Verfügbarkeit von Energie, insbesondere von Gas, eingetreten. Insbesondere für das kommende Winterhalbjahr zeichnet sich eine rezessive Entwicklung in Deutschland ab. Die Gasmangellage wird die Produktion dämpfen und die Inflation höher halten als vormals erwartet. Das reduziert die Kaufkraft der Haushalte weiter und beeinträchtigt auch die Investitionsbereitschaft. Die deutlich über dem Stabilitätsziel liegende Inflation und die nun höheren Lohnforderungen veranlassen die Europäische Zentralbank zu einer restriktiveren Geldpolitik, die ebenfalls die Wirtschaftsentwicklung dämpft.
Ab Frühjahr 2023 dürfte sich mit Ende der Heizperiode die Versorgungslage von Energie wieder verbessern. Die Preise sollten dann ihren Höhepunkt überschritten haben und die Unternehmen sollten kaum weiter zu Produktionseinschränkungen gezwungen sein. Mit im Jahresverlauf 2023 nachlassender Inflation sollte sich bei höheren Lohnabschlüssen die Kaufkraft und damit der Konsum der privaten Haushalte stabilisieren. Auch die Investitionsbereitschaft der Unternehmen sollte sich dann wieder festigen.
Das HWWI erwartet deshalb für Deutschland nun ein Wirtschaftswachstum von nur mehr 1 ¼ % für 2022 und von -½ % für 2023; für die Inflationsrate wird mit durchschnittlich 8 bzw. 6 % gerechnet. Die Risikofaktoren der jüngeren Vergangenheit – Ukrainekrieg, Energiekrise, Inflationsdruck, Lieferkettenprobleme – bestehen fort. Hinzukommt eine in immer mehr Ländern zunehmend restriktivere Geldpolitik. Unter diesen Umständen sind die Risiken für eine ungünstigere Entwicklung, als in dieser Prognose abgeleitet, sicherlich größer als die Chancen für eine günstigere.

50 Jahre Handelskammer-Konjunkturbefragungen

Seit 1971 geben Mitgliedsunternehmen der Handelskammer Hamburg regelmäßig Auskunft zur wirtschaftlichen Lage und den Perspektiven. Ihrem Engagement ist im Jubiläumsjahr 2021 die Ausstellung "50 Jahre Konjunkturbefragungen" gewidmet: Werfen Sie mit uns einen Blick zurück auf Booms und Krisen, Aufschwung und Rezession – und auf die Stellschrauben der Politik im Kampf gegen Arbeitslosigkeit und Inflation: www.hk24.de/konjunkturgeschichte.
Weitere Konjunkturdaten und umfangreiche Statistiken der Handelskammer unter www.hk24.de/konjunktur beziehungsweise www.hk24.de/zahlen. Unser 2020 aktualisiertes Standortportrait “Wirtschaftsstandort Hamburg – Metropole der Zukunft” finden Sie hier.
Das Online-Prognosetool Handelskammer-Fachkräftemonitor Hamburg finden Sie unter www.fkm-hamburg.de.

Konjunkturbeobachtung von DIHK und Handwerkskammer

Seit Herbst 1977 führt der DIHK zweimal jährlich eine Konjunkturumfrage bei den 79 Industrie- und Handelskammern (IHKs) in Deutschland durch. Die aktuellen Umfragen und Prognosen sowie Auswertungen aus den letzten Jahren veröffentlicht der DIHK auf seiner Website. Weitere Informationen zum Thema “ Konjunktur und Wachstum" finden Sie ebenfalls auf der DIHK-Website.
Die Handwerkskammer befragt zweimal jährlich Handwerksbetriebe zur aktuellen wirtschaftlichen Lage. Die Ergebnisse werden in den Konjunkturberichten der Handwerkskammer Hamburg veröffentlicht. Darüber hinaus fließen die Daten in die Konjunkturberichterstattung auf Bundesebene ein, deren Ergebnis vom Zentralverband des Deutschen Handwerks veröffentlicht wird.