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Verteidigung: Markt im Wandel
Die Sicherheits- und Verteidigungsindustrie wächst, Lieferketten verändern sich und neue Zulieferer rücken stärker in den Fokus. Das eröffnet auch mittelständischen Unternehmen aus Südwestfalen neue Perspektiven. Roland Haag, Geschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie (BDSV), vertritt die Interessen der Branche gegenüber Politik und öffentlichen Auftraggebern. Im Gespräch mit der Redaktion der „Südwestfälischen Wirtschaft“ spricht er über die Entwicklung des Marktes, die Besonderheiten der Branche, die Bedeutung von Netzwerken und Verbänden sowie die Rolle europäischer Souveränität.
Welche Veränderungen erwarten Sie in den kommenden Jahren bei Marktstrukturen, Lieferketten und industriellen Kapazitäten?
Roland Haag: Natürlich verfügt niemand über die berüchtigte Kristallkugel. Als Branchenverband lesen wir aber dennoch einige Trends ab. Zunächst ist zu beobachten, dass die Unternehmen der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie ihre Kapazitäten deutlich ausweiten.
Zur Bewältigung dieses Ramp-Up wird immer zunächst in die Bestandslieferkette hineingehorcht, ob diese in der Lage ist, den Mehrbedarf in der Lieferkette zu bewältigen. Dies hat für die Unternehmen zunächst den Vorteil, dass die Bestandslieferanten auch formell die für den Sicherheits- und Verteidigungsbereich benötigten Qualifizierungen vorweisen können, die branchenspezifische Regulatorik kennen und die Unternehmen insgesamt miteinander eingespielt sind. Es wird aber immer wieder auch Situationen geben, wo diese Kapazitäten nicht ausreichen oder mitwachsen können. An diesen Stellen müssen Lieferketten aufgeweitet werden, worauf sich unsere Systemhäuser mit ihren Einkaufsabteilungen permanent neu einstellen. Wir als BDSV begleiten dies wo immer möglich, unter anderem auch über die gemeinsam mit dem Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik e.V. (BME) eingerichtete Lieferantenplattform „SVI Connect“, auf der sich interessierte Unternehmen – bspw. aus dem Automobilbereich – registrieren können und darüber eine höhere Sichtbarkeit gegenüber möglichen Einkäufern erhalten. Die Marktstruktur wird sich insofern im klassischen Rüstungsbereich vor allem im Bereich der Lieferantenbasis ändern und erweitern.
International betrachtet kommt hinzu, dass Deutschland als Kooperationspartner im Verteidigungsbereich zunehmend gefragt ist. Diese Kooperationen werden sich auch in neuen Lieferkettenbeziehungen manifestieren, was insgesamt durchaus auf fruchtbaren Boden fällt, da nicht nur Deutschland, sondern auch viele andere befreundete Staaten derzeit ihre sicherheitspolitischen Abhängigkeiten mittels einer Diversifizierungsstrategie verringern wollen.
Neben dem klassischen Rüstungsbereich gibt es nicht zuletzt auch eine zunehmende Anzahl kleinerer Unternehmen, die sich derzeit als Start-ups in neuen Technologiefeldern etablieren und als Innovationsmotoren in die klassische Industrie, aber auch in das Beschaffungswesen der Bundeswehr hineinwirken.
Was unterscheidet den Verteidigungsmarkt aus Sicht eines mittelständischen Zulieferers grundlegend von zivilen Märkten?
Haag: Der Hauptunterschied liegt in der branchenspezifischen Regulatorik. Die SVI ist gleich in mehrfacher Hinsicht Gegenstand staatlicher Regulierung: Zunächst befinden wir uns im sogenannten Öffentlichen Auftragswesen. Hinzu kommt: die Produkte sind oft nicht marktgängig und es können nachfrageseitig oder angebotsseitig Monopolkonstellationen auftreten. Damit hier keine Missbräuche entstehen können – man denke an die Preisgestaltung – gibt es hierfür eine eigene Preisregulierung, genauer das öffentliche Preisrecht gem. VO / PR Nr. 30/ 53. Nicht alle Anforderungen schlagen auf jeden Zulieferer durch, dennoch muss man sich mit dem regulatorischen Umfeld vertraut machen. Im Bereich der Qualitätssicherung gibt es ebenso besondere Anforderungen. Die Bundeswehr und ihre Lieferanten vereinbaren vertraglich eine Qualitätssicherung und Güteprüfung, deren Anforderungen ggf. auch auf Lieferanten durchgereicht werden können. Diese Anforderungen sind oftmals in NATO-Qualitätsstandards hinterlegt, die sich im Detail von Zivilen Standards wie der EN 9100 oder ISO 9001 unterscheiden.
Unsere Unternehmen unterliegen einer besonderen Regulatorik mit Blick auf die von ihnen produzierten Güter. Waffensysteme bedürfen einer anderen Sorgfaltspflicht, was sich in einer Vielzahl an Gesetzen und Bestimmungen niederschlägt: das Kriegswaffenkontrollgesetz, das Außenwirtschaftsrecht mit AWG, AWV, die u.a. dem Staat das Recht für Investitionsprüfungen einräumen, seien hier genannt. Für den Markt ist zudem recht typisch, dass wir es im Verhältnis zum Zivilmarkt oftmals mit Kleinstserien und langen Produktlebenszyklen zu tun haben, die teilweise 50 Jahre oder mehr umfassen können.
Welchen konkreten Mehrwert bietet eine Mitgliedschaft im BDSV mittelständischen Unternehmen beim Marktzugang?
Haag: Zunächst verstehen wir uns primär als Interessenvertretung der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie – d.h. unser Angebot richtet sich an Unternehmen, die bereits in der Branche aktiv sind und sich im Rahmen einer Mitgliedschaft dazu entscheiden, dass sie im Sinne des Brancheninteresses die Rahmenbedingungen der Branche weiterentwickeln und verbessern wollen. Hierfür bieten wir mit knapp 40 Fachgremien reichhaltige Anknüpfungspunkte für die Diskussion zwischen den Unternehmen der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie, aber auch mit unserem relevanten Umfeld aus Politik und Ämtern. Für unsere Unternehmen bieten wir zudem regelmäßige Webinare zu aktuellen branchenrelevanten Entwicklungen, die sich oftmals aus der vorgenannten Gremienarbeit ergeben. Darüber hinaus besteht ein gewichtiger Aspekt der Mitgliedschaft darin, sein Netzwerk in Richtung anderer Mitgliedsunternehmen oder der relevanten Amtsseite ausweiten zu können.
Roland Haag, Geschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie (BDSV)
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Julian Pflichtenhöfer