Südwestfälische Wirtschaft
Nr. 7045278
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Editorial von Dr. Sebastian Bolay

Energiewende als Infrastrukturwende begreifen

Bis 2045 soll Deutschland klimaneutral sein. Die Bundesregierung möchte dieses Ziel in erheblichem Maße durch eine Elektrifizierung von Mobilität, Gebäudeheizungen und der Industrie erreichen.
Dabei beträgt der Anteil des Stromverbrauchs am gesamten deutschen Energieverbrauch derzeit nur ein gutes Fünftel. Die Hälfte entfällt auf den Wärmeverbrauch in Industrie und Gebäuden, der Rest auf die Mobilität. Diese Zahlen unterstreichen die Größe der Aufgabe in den kommenden 19 Jahren bis zur Klimaneutralität.
Die Umstellung von Öl und Gas auf Strom erfordert einen kompletten Umbau unserer Energieinfrastruktur. Damit das gelingt, sollte der Staat einen Teil der Kosten übernehmen und Nachfrager bei Netzanschlüssen nicht länger benachteiligt werden.
Damit Unternehmen und private Haushalte weiterhin mit Energie versorgt werden, stehen neben Investitionen in Stromerzeugung also ganz erhebliche Investitionen in unsere Stromnetze auf der Tagesordnung – und zwar auf allen Netzebenen. Die Schätzungen belaufen sich auf bis zu einer Billion Euro, die die Netzbetreiber bis 2045 in ihre Infrastruktur investieren müssen. Eine gigantische Zahl. Stromnetze haben gegenüber den Gas- und Ölnetzen, die sie ersetzen sollen, den Nachteil, dass sie sowohl im Bau als auch im Unterhalt teurer sind. Deutschland wechselt damit auf der Infrastrukturseite auf einen deutlich höheren Kostenpfad. Für die Wirtschaft hat das Konsequenzen: So geht Frontier Economics in einer Studie für die DIHK davon aus, dass die Stromnetzentgelte für die Unternehmen im Schnitt um 60 bis 70 Prozent gegenüber dem Status quo zunehmen.
Steigende Netzentgelte führen wiederum dazu, dass es auf betrieblicher Ebene unattraktiver wird, auf Strom umzustellen. Je langsamer elektrifiziert wird, desto höher fallen die Netzkosten für den bestehenden Stromverbrauch aus. Dazu kommt, dass Unternehmen immer länger auf einen Netzanschluss warten müssen, weil Netzbetreiber mit Anschlussbegehren von PV-Anlagen und Speichern geflutet werden. Ein Teufelskreis aus immer weiter steigenden Kosten und immer langsamerer Elektrifizierung bahnt sich an. Es gibt zwei Lösungsansätze: Erstens sollte der Bundeshaushalt einen Teil der steigenden Netzkosten übernehmen und zweitens bei den Anfragen für Stromnetzanschlüsse darauf geachtet werden, dass Stromverbraucher gleichberechtigten Zugang erhalten.
Dr. Sebastian Bolay, DIHK-Bereichsleiter Energie, Umwelt, Industrie