Südwestfälische Wirtschaft
Nr. 7164714
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Digitale Souveränität

Kurs liegt an – Ziel unbekannt

Die geopolitischen Ereignisse sowie das sprunghafte Verhalten der US-Regierung in den vergangenen Monaten haben das Thema „Digitale Souveränität“ ganz oben auf die Agenda zahlreicher IT-Verantwortlicher gesetzt. Aber was bedeutet der Begriff, und wie können Unternehmen die Forderungen nach mehr Unabhängigkeit von Anbietern aus Übersee umsetzen?
Portrait Tim Berghoff
Tim Berghoff © privat
Es gibt bei der Diskussion um „Digitale Souveränität“ Ansätze, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Das Spektrum reicht von „vollständiger Autarkie“, mit eigener Software-Industrie und Hardware „Made in Europe“ bis hin zu Vorwürfen, dass es vollkommen illusorisch sei, komplett unabhängig zu werden. Eines vorab: Akut zielführend ist keiner dieser Ansätze. Der eine läuft im Endeffekt auf eine verklausulierte Version von ‚Whataboutismus‘ hinaus: „solange wir nicht unsere eigenen Chips fertigen können, brauchen wir uns gar nicht mit Software beschäftigen“. Der andere schaut in erster Linie aufs Geld und merkt an, dass Digitale Souveränität teuer ist.

Ein Begriff ohne klare Definition

Die gesamte Diskussion lässt eine Frage unbeantwortet: Was bedeutet Souveränität in diesem Kontext überhaupt? Der Begriff klingt erst einmal gut. Niemand würde sich gegen das Konzept eines souveränen Europas stellen. Es suggeriert Entscheidungsfreiheit und Kontrolle – beides positiv besetzt und daher marketing-technisch wie auch politisch sehr gefällig. Harte, messbare Kriterien oder eine verbindliche Definition lässt der Diskurs jedoch vermissen, weshalb der Begriff sehr weich und dehnbar ist. Aber im Grunde sind sich beim Begriff alle einig: „Das wollen und brauchen wir – und das am besten gestern.“ Auch wenn jeder etwas anderes darunter versteht.
Oft verkannt ist die Tatsache, dass Digitale Souveränität kein binäres „alles oder nichts“-Konzept ist. Vielmehr haben wir es hier mit einem Geflecht zu tun, das aus Risiken und Abhängigkeiten, sowie der Verfügbarkeit von Alternativen besteht. Wer also an einem Ende des Netzes zieht, verschiebt dabei automatisch an anderer Stelle das Geflecht.

Ernüchterung und Handlungsspielraum

Die Praxis ist jedoch ernüchternd. Zum einen sind etwa in Behörden zahlreiche Fachverfahren exakt auf die Fähigkeiten von MS Office abgestimmt und nicht ohne Weiteres von dort migrierbar. Zum anderen braucht es potenziell Ausschreibungen, um aktuell eingesetzte Produkte abzulösen. Kurzfristig geht das also schon mal nicht.
Statt in Absoluten zu denken, muss Europa jetzt Risikominderung betreiben. Die unbequeme Wahrheit ist: Primärziel und Strategie zur Erreichung von Souveränität ist hier nicht „weg von Hersteller X“. Und nicht überall, wo „Souveränität“ draufsteht, ist auch welche drin. Es gilt hier, im täglichen operativen Geschäft nach Möglichkeiten und Alternativen zu suchen, und einen Um- oder Ausstieg zu planen. Das ist nicht glamourös und zumeist losgelöst von wohlklingender und öffentlichkeitswirksamer Rhetorik. Es ist nicht so, dass etablierte US-Hersteller uneinholbar und alternativlos sind. Zeit ist hier jedoch die entscheidende Komponente. Und was die eigenen Fähigkeiten angeht, muss Europa sich nun wirklich nicht verstecken.
Tim Berghoff
Tim Berghoff ist Security Evangelist bei G DATA CyberDefense aus Bochum. Neben seiner Vortragstätigkeit und Einordnungen zu tagesaktuellen Themen schreibt er für verschiedene Publikationen zu den Themen Sicherheit und Compliance.

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