Konjunktur: Unternehmen auf Schlingerkurs

Mit einem Einbruch um rund 20 Punkte im Vergleich zur Frühsommer-Umfrage zeigt der Konjunkturklimaindex die überaus schwierige Lage in den Unternehmen der Region deutlich an. Die Baubranche leidet unter einem Einbruch der Nachfrage.
Die Lage in den Unternehmen hat einen Rekord-Tiefstand erreicht. Lediglich knapp sieben von 100 Befragten im IHK-Bezirk erwarten bessere Geschäfte, jeder Vierte bezeichnet die aktuelle Geschäftslage als negativ. Fast alle Betriebe sind von der Energiekrise betroffen. Acht von zehn Betrieben nennen die Energie- und Rohstoffpreise als größtes Risiko ihrer Geschäftsentwicklung. „Die Betriebe werden massiv durch die gestiegenen Energiepreise beeinträchtigt. Sie reagieren durch ein Zurückfahren der Produktion, einige denken sogar über eine Geschäftsaufgabe nach“, schildert IHK-Hauptgeschäftsführer Matthias Leder die aktuelle Lage. 
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Vier von zehn Betrieben im Gastgewerbe und knapp jedes fünfte Unternehmen der Medizintechnik warnen vor einer drohenden Insolvenz. „Damit zeigt sich, wie dringend der Bedarf an Entlastungen für die Wirtschaft ist“, mahnt Leder. Außerdem sei eine weitere Ausweitung des Angebots an Energie nach wie vor überaus dringlich. Auch sollten die drei noch laufenden Atomkraftwerke länger betrieben werden als über das von der Bundesregierung festgelegte Enddatum vom 15. April 2023 hinaus. Dies wäre ein deutlicher Beitrag zur Senkung des Strompreises. Und schließlich müssten auch die aufgelegten Hilfsprogramme schnellstmöglich umgesetzt werden.
IHK-Präsident Rainer Schwarz warnt vor einer Erhöhung des Spitzensteuersatzes und einem Energie-Soli: „Solche Mehreinnahmen würden nur einen sehr geringen Anteil der Kosten für die Gas- und Strompreisbremse abdecken. Steuererhöhungen haben jedoch immer einen sehr negativen Effekt für die Betroffenen. Sie reduzieren zum einen deren Investitionsfähigkeit – vor allem reduzieren sie aber deren Investitionsneigung.“ Denn warum sollten Leistungsträger Risiken eingehen, wenn letztlich vor allem der Staat davon profitiere?
Die Talfahrt der Wirtschaft spiegelt sich gleichfalls im IHK-Konjunkturklimaindex wider. Dieser ist im IHK-Bezirk im Herbst auf 74,4 Punkte im Vergleich zu 95,2 Punkten im Frühsommer gesunken. Aktuell notiert der hessische Konjunkturklimaindex bei 78 Punkten – hier zeigt sich ebenfalls ein beträchtlicher Rückgang gegenüber der Frühsommer-Befragung.
Die Verschlechterungen bedeuten einen deutlichen Abfall unter die Zufriedenheitsschwelle, die bei 100 Punkten liegt – ab diesem Wert ist eine positive Gesamtstimmung zu verzeichnen. Der IHK-Konjunkturklimaindex ermittelt die Lagebeurteilung und die Erwartungen an die zukünftige Geschäftslage. Befragt wurden in der Herbst-Umfrage der IHK Gießen-Friedberg zwischen September und Oktober 2022 knapp 900 Betriebe, mehr als jeder Vierte nahm an der Befragung teil.

Betriebe drosseln Produktion 

„Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine hat eine lang andauernde Negativspirale mit fatalen Folgen für die hiesigen Unternehmen in Gang gesetzt“, warnt IHK-Hauptgeschäftsführer Leder. Ob Investitionen, Beschäftigung oder Exporte: In allen drei Sektoren ist der Saldo zwischen einer Zu- und einer Abnahme negativ. Rund 35 Prozent der Betriebe wollen zukünftig weniger investieren, 18 Prozent werden ihre Belegschaft abbauen und rund 35 Prozent gehen von einem Rückgang der Exporttätigkeit aus. Wegen der schwierigen Lage im Energiesektor hat jeder zehnte Betrieb bereits ihre Produktion heruntergefahren. Knapp 60 Prozent haben Preissteigerungen an ihre Kunden weitergegeben.
Dennoch gibt es auch Lichtblicke: „Unsere Betriebe gehen die Herausforderungen an“, hebt Leder hervor. „Rund 36 Prozent investieren in Energieeffizienz, das ist gut fürs Klima und für ihre eigene Wettbewerbsfähigkeit.“ Immerhin 37 Prozent der Industriebetriebe geben an, dass sie kein Gas für die Produktion benötigen würden. Knapp jeder zweite Betrieb müsste allerdings – gestaffelt nach Drosselungsstufen – seine Produktion einstellen, wenn die Bundesregierung im Rahmen des Notfallplans Gas die Notfallstufe feststellen und Gaslieferungen an die Unternehmen drosseln.

IHK berät zu passgenauer Besetzung

Ein weiteres drängendes Thema ist der Fachkräftemangel, den rund 47 Prozent als Risiko für ihre Geschäftstätigkeit bezeichnen. Entsprechend robust präsentiert sich der Arbeitsmarkt im Bezirk der Arbeitsagentur Gießen, der den Landkreis Gießen, den Vogelsbergkreis und den Wetteraukreis umfasst. Die Arbeitslosenquote liegt relativ stabil bei 4,6 Prozent. Es zeichne sich allerdings eine Zurückhaltung bei den Neueinstellungen ab aufgrund der unsicheren Lage auf dem Energiemarkt, so die Arbeitsagentur Gießen. 
„Zentraler Baustein gegen den Fachkräftemangel ist die duale Ausbildung. Als IHK setzen wir uns intensiv dafür ein, junge Menschen für eine Ausbildung zu begeistern“, erklärt Rainer Schwarz. „Im Rahmen unseres neu gestarteten Projekts ‚Ausbildungsbotschafter Gießen‘ geben Auszubildende aus unterschiedlichen Berufen Schülerinnen und Schülern Impulse für ihre berufliche Orientierung und zeigen Karrierechancen auf.“ Auch der Berufswegekompass im September in der Stadthalle Friedberg habe bei vielen jungen Menschen Interesse an einer dualen Ausbildung geweckt. „Außerdem werden wir mit dem Projekt ‚Passgenaue Besetzung‘ kleine und mittelständische Unternehmen aktiv bei der nachhaltigen Sicherung ihrer zukünftigen Fachkräfte unterstützen.“, führt Schwarz aus.

Baubranche vor starkem Einbruch

Besonders stark leidet derzeit das Baugewerbe. Der Bau von Einfamilienhäusern ist stark zurückgegangen, wodurch die Umsätze der Betriebe sinken. Eine Ursache für diese Entwicklung ist die straffere Geldpolitik der Zentralbank. Die steigenden Zinsen belasten die Häuslebauer bei ohnehin sehr hohen Preisen für Immobilien sehr. 
Knapp 77 Prozent der Befragten befürchten eine Verschlechterung der Geschäftslage, von einer Verbesserung geht kein Betrieb aus. Auch wenn der Auftragsbestand in manchen Betrieben noch groß ist, werden sich die rückläufigen Vertriebszahlen doch bemerkbar machen. Insgesamt weist das Baugewerbe einen Konjunkturklimaindex in Höhe von 53,9 Punkten aus. Im Frühsommer lag der Index bei 72,5. Im Herbst 2021 hatte der Index noch bei 106 Punkten gelegen. 
Auch die hohen Energiepreise und die Verunsicherung aufgrund des Ukraine-Kriegs führen dazu, dass die Lage in der Baubranche ausgesprochen schwierig ist. Hinzu kommt die Halbierung der staatlichen Förderung bei Modernisierungsmaßnahmen im Altbausektor. Die zwischenzeitliche Streichung der Förderungen im Neubausektor belastet die Branche ebenfalls.
Positiver als die Baubranche blickt das Gastgewerbe in die Zukunft. Jeder zweite Betrieb bezeichnet die aktuelle Lage als gut, der Klimaindex liegt bei 76,4 Punkten. Die Auslastung entwickelt sich nur noch bei wenigen Betrieben rückläufig. Dennoch befürchten vier von zehn Betrieben eine Insolvenz, die Branche kämpft mit Liquiditätsengpässen und einem Rückgang des Eigenkapitals. Und auch im Gastgewerbe schlagen die Energiepreise voll durch. Als Reaktion werden die gestiegenen Energiekosten an die Kunden weitergegeben, jeder fünfte Betrieb investiert in Energieeffizienz. 

Biobranche bekommt Konsumzurückhaltung zu spüren

Die verhaltene Konsumlust trübt die Stimmung im Einzelhandel. Mit einem Wert von 62,6 Punkten hat sich der Klimaindex weiter abwärts bewegt. Im Frühsommer lag er bei 74,8 Punkten, vor einem Jahr bei 94 Punkten. Eine temporäre Erhöhung des Spitzensteuersatzes oder die Einführung eines Energie-Solidaritätszuschlags, wie es der Sachverständigenrat vorgeschlagen hat, würde die Konsumzurückhaltung weiter verstärken. Besonders angeschlagen ist laut Berichten der hiesigen Händler die Biobranche, in der Lieferkette käme es mangels Abnehmern zu einem Rückstau. Offenbar sparen die Verbraucher in diesem Segment zuerst. Doch wenn Betriebe erst einmal aufgeben müssten, wäre es immens schwierig, sie in der Region wieder anzusiedeln. 
In der Dienstleistungsbranche ist die Lage besser als in den anderen Branchen. Ihre aktuelle Geschäftslage bewerten 86 Prozent der unternehmensbezogenen Dienstleister als positiv. Besonders optimistisch zeigen sich Dienstleister der Sparten Information und Kommunikation, Wirtschafts- und Unternehmensberatung oder Informationstechnologie. Wie in der vorherigen Befragung plant jeder dritte Betrieb mehr Investitionen, gestiegene oder stabile Umsätze verzeichnen über sieben von zehn Betrieben. Treiber der positiven Entwicklung ist der weitgehende Wegfall der Corona-Einschränkungen.

Bürokratieabbau als Konjunkturprogramm

Deutschlandweit zeichnet die DIHK-Konjunkturumfrage unter 24.000 Betrieben aus allen Branchen und Regionen ein alarmierendes Bild. Lediglich acht Prozent der Unternehmen erwarten eine bessere Geschäftslage. Dies ist der schlechteste Wert, den der DIHK jemals seit Beginn der Erhebung im Jahr 1985 gemessen hat. Zum Vergleich: Weder Corona noch die Finanzmarktkrise haben so negative Spuren hinterlassen wie die aktuelle Krise; in damaligen Umfragen lag der Anteil der Optimisten noch über zehn Prozent. 
„Trotz der schwierigen Lage ist es wichtig, positiv in die Zukunft zu blicken. Eine Voraussetzung dafür ist die Entschlackung bürokratischer Strukturen – das wäre ein Konjunkturprogramm zum Nulltarif“, fordert IHK-Hauptgeschäftsführer Matthias Leder. Bürokratiepflichten würden ausufern und Betriebe sich laufend über schädlichen Bürokratismus beschweren. Dass es selbst in der aktuellen Krise von Seiten des Staates keine spürbaren Entlastungen gebe, sei den Unternehmen nicht vermittelbar. „Wir brauchen hier mutige Entscheidungen und innovative Ansätze.“
Herausgegeben am 15. November 2022
Pressemeldung Nr. 74
Verantwortlich für den Inhalt: Doris Hülsbömer, Tel. 06031/609-1100
Pressestelle: Doris Hülsbömer, Tel. 06031 / 609-1100
Stand: 16.11.2022