Die Konjunkturstimmung in der Region stürzt ab: IHK fordert Wachstumsimpulse
Die wirtschaftliche Stimmung geht in den Keller. Die aktuelle Konjunkturumfrage der IHK Gießen-Friedberg im Frühsommer 2026 zeigt einen deutlichen Rückgang des Klimaindex, stark einbrechende Erwartungen und eine wachsende Investitions- und Beschäftigungszurückhaltung – besonders der Handel ist betroffen.
Die konjunkturelle Lage im Bezirk der IHK Gießen-Friedberg hat sich im Frühsommer 2026 erneut eingetrübt. Der Konjunkturklimaindex fällt im Vergleich zum Jahresbeginn von 95,2 auf nun 80,9 Punkte und liegt damit klar unter der Zufriedenheitsschwelle von 100 Punkten. In Hessen fällt der Index von 94,9 auf 85,8 Punkte. Für Deutschland hat die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) das zunächst für 2026 prognostizierte Wirtschaftswachstum von 1 Prozent auf nur noch 0,3 Prozent gesenkt. Vor allem die Erwartungen der Unternehmen verschlechtern sich deutlich. In der aktuellen Umfrage berichten zwar noch 23 Prozent der Betriebe von einer guten Geschäftslage, weitere 47,3 Prozent bezeichnen sie als befriedigend. Gleichzeitig stuft aber bereits knapp jedes dritte Unternehmen seine aktuelle Lage als schlecht ein. Deutlich pessimistischer sind die Erwartungen für die kommenden zwölf Monate: Nur noch 6,8 Prozent der Unternehmen rechnen mit einer günstigeren Entwicklung, 36,7 Prozent gehen von einer Verschlechterung aus. Besonders betroffen vom Tief ist der Handel.
Forderung nach strukturellen Reformen
„Unsere Unternehmen kämpfen mit schwacher Inlandsnachfrage, hohen Kosten und großer Unsicherheit – und das bremst Investitionen und Beschäftigung immer stärker aus“, sagt IHK-Präsident Rainer Schwarz. „Mehr denn je geht es nun darum, dass die Politik strukturelle Reformen umsetzt, damit die Betriebe in einem besseren wirtschaftspolitischen Rahmen wieder wachsen können. Nötig sind international wettbewerbsfähige Energie- und Rohstoffpreise, die Senkung der Lohnnebenkosten und der Abbau von Dokumentationspflichten. Beim Bürokratieabbau empfehlen wir das Vorgehen Nordrhein-Westfalens explizit auch für Hessen: Dort entzieht die Regierung allen landesseitigen Berichts- und Dokumentationspflichten, die zu Lasten der Wirtschaft gehen, zum 1. Januar 2027 die rechtliche Grundlage und schafft diese damit ab. Außerdem erteilen wir Steuererhöhungen, die zuletzt immer wieder in die politische Diskussion eingebracht wurden, mit Blick auf die wirtschaftliche Lage eine unbedingte Absage.“
Schwarz sagt weiter: „Unsere Unternehmen tun alles dafür, um in einem schwierigen Marktumfeld zu bestehen. Damit sichern sie den wirtschaftlichen Wohlstand. Für diese gesamtgesellschaftlich elementare Aufgabe brauchen sie die Unterstützung der Politik – von der Bundes-, über die Landes- bis zur kommunalen Ebene. Wir als IHK Gießen-Friedberg werden uns mit unseren regionalen Partnern für umfassende Verbesserungen einsetzen.“
Absturz in Handel und Einzelhandel
Sehr deutlich zeigt sich die Verschlechterung im Handel. Der Klimaindex bricht von 84,9 auf nur noch 60 Punkte ein. Alarmierend ist die Entwicklung des Klimaindexes im Einzelhandel: Er bricht von 85,6 auf nur noch 52 Punkte ein. 40 Prozent der befragten Einzelhändler bewerten ihre aktuelle Lage als schlecht, nur 7,5 Prozent als gut. Für die nächsten Monate erwartet eine deutliche Mehrheit von 65 Prozent eine ungünstigere Entwicklung. Neben dem Einzelhandel hat der Handel insgesamt mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen: Über die Hälfte der Handelsbetriebe meldet gesunkene Umsätze. Es ist daher wenig verwunderlich, dass sich die Betriebe bei Investitionen und Personal zurückhalten: So geht knapp die Hälfte der Handelsunternehmen von sinkenden Investitionen aus, und nur 6,9 Prozent der Betriebe wollen mehr Beschäftigte einstellen.
Investitions- und Personalpläne auf Talfahrt
Über alle Branchen hinweg planen die Unternehmen deutlich weniger Investitionen als noch zu Jahresbeginn. Nur 20,4 Prozent wollen ihre Investitionen ausweiten (Jahresbeginn: 24,3 Prozent), 38,5 Prozent ihre Investitionsvolumina abbauen. Über alle Größenklassen hinweg dominieren die Ersatzinvestitionen mit 70 Prozent, während Kapazitätsausweitungen nur eine untergeordnete Rolle spielen (10,3 Prozent). Auch bei den Beschäftigungsplänen verschiebt sich das Bild weiter in Richtung Zurückhaltung: Nur 3,7 Prozent der Betriebe im Bezirk der IHK Gießen-Friedberg planen, zusätzlich Personal einzustellen, 25,8 Prozent stellen sich sogar auf einen Abbau ein.
„Aufgrund der entstehenden und sich verschärfenden demografischen Lücke müssen die Unternehmen trotz der wirtschaftlichen Krise ihren Personalstand im Auge behalten. Dass angesichts des Renteneintritts der Babyboomer nur sehr wenige Betriebe ihr Personal aufstocken möchten, ist besorgniserregend“, analysiert Schwarz. „Die IHK wird sich weiterhin für die Qualität von Aus- und Weiterbildung einsetzen, um den stetigen Wissenstransfer in die Unternehmen zu gewährleisten“, so der IHK-Präsident weiter.
Kosten, Politik und Nachfrage belasten Betriebe
Die Konjunkturumfrage zeigt, wo die Unternehmen die größten Risiken sehen: 62,9 Prozent beklagen hohe Energie- und Rohstoffpreise, 57,9 Prozent kritisieren die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen und Regulierung, 57 Prozent nennen die schwache Inlandsnachfrage. Etwas mehr als die Hälfte sieht die Arbeitskosten als Risiko. Erst an fünfter Stelle folgt – im Unterschied zu früheren Jahren – der Fachkräftemangel mit 36,2 Prozent. Gleichzeitig berichten Unternehmen über bereits spürbare finanzielle Belastungen: Jedes fünfte nennt Liquiditätsengpässe, 23,6 Prozent einen Rückgang des Eigenkapitals und 14,4 Prozent vermehrte Forderungsausfälle.
Rückläufige Exporterwartungen
Auch die Exporterwartungen bleiben verhalten. Etwas mehr als die Hälfte der Befragten erwartet sinkende Ausfuhren (Jahresbeginn: 41,8 Prozent), nur noch 9,1 Prozent rechnen mit steigenden Exporten (10,9 Prozent). Angesichts der aktuellen globalen Entwicklungen ist im Feld der Außenwirtschaft nicht mit einer Verbesserung zu rechnen. „Wir erleben ein gefährliches Zusammenspiel aus Energiepreisschock, fragiler Logistik und wachsendem geopolitischem Misstrauen“, erklärt IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Matthias Leder. „Für unsere exportorientierten Unternehmen sind Planungssicherheit, verlässliche Handelsabkommen und der Zugang zu neuen Märkten entscheidend, um in einem zunehmend fragmentierten Umfeld bestehen zu können. Wir als IHK Gießen-Friedberg leisten unseren Beitrag, indem wir zum Beispiel durch die Konferenz ‚The World meets in Giessen‘ am 9. und 10. Juni Unternehmen aus der Region mit Partnern aus anderen Kontinenten vernetzen“, ergänzt er.
Der Blick auf die Landkreise ist ebenso ernüchternd: Während der Klimaindex im Kreis Gießen von 98,0 auf 86,4 Punkte fällt, baut der Wetteraukreis von 98,6 auf 78,4 Punkte ab. Der Vogelsbergkreis verliert – von einem niedrigeren Ausgangsniveau kommend – ebenfalls: von 80,8 auf 76,0 Punkte.
Angesichts der gebremsten Investitionen, der schwachen Erwartungen und der angespannten globalen Lage erneuert die IHK Gießen-Friedberg ihre Reformforderungen an die Politik auf allen Ebenen. „Die Zeit des Abwartens ist vorbei. Wir brauchen ein klares Wachstumsprogramm für Deutschland: niedrigere Lohnnebenkosten, eine steuerliche Entlastung der Unternehmen, beschleunigte Planungs- und Genehmigungsverfahren und einen konsequenten Bürokratieabbau. Nur wenn die Politik jetzt handelt, entstehen wieder Vertrauen und Investitionsbereitschaft“, fasst Rainer Schwarz zusammen.
Herausgegeben am 3. Juni 2026
Pressemeldung Nr. 23
Verantwortlich für den Inhalt: Tobias Bunk, Pressestelle, Tel. 06031/609-1100
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Stand: 05.06.2026