Bürokratie abbauen, Wachstum ermöglichen
Die angespannte Konjunkturlage, der Abbau bürokratischer Hürden sowie die Jahresrechnung 2025 standen im Mittelpunkt der Vollversammlung der IHK Gießen-Friedberg. Die Sitzung fand bei der Rent.Group Frankfurt GmbH in Ober-Mörlen statt.
Die Industrie- und Handelskammer (IHK) Gießen-Friedberg war jüngst mit ihrer Vollversammlung (VV) bei der Rent.Group Frankfurt GmbH in Ober-Mörlen zu Gast. Als prominenter Gast aus den Reihen der Landesregierung stellte Staatsminister Manfred Pentz die hessischen Aktivitäten zum Bürokratieabbau vor. „Seit Jahrzehnten sprechen wir über die wachsende Bürokratie“, sagte er. Dabei sei die Bürokratie an sich als ordnende Kraft nicht schlecht, erklärte Pentz. Deutschland und Europa hätten es jedoch zuletzt „übertrieben“. Das sah auch IHK-Präsident Rainer Schwarz so. Er begrüßte ausdrücklich die hessischen Anstrengungen zur Entbürokratisierung, betonte aber auch: „Der Bürokratieabbau muss spürbar bei den Unternehmen ankommen.“
Alles auf den Prüfstand, was Zeit und Geld kostet
Staatsminister Manfred Pentz versicherte, dass die Landesregierung den Bürokratieabbau an den konkreten Erfahrungen von Unternehmen ausrichten wolle.
Pentz versicherte, dass die Landesregierung den Bürokratieabbau an den konkreten Erfahrungen von Unternehmen ausrichten wolle. „Welche Formulare hemmen euch?“, müsse die zentrale Frage lauten. Alles, was Zeit und Geld koste, müsse dabei auf den Prüfstand. Im ersten, bereits verabschiedeten hessischen Bürokratieabbaugesetz seien 120 Maßnahmen festgelegt worden. Für ein zweites Bürokratieabbaugesetz kündigte Pentz weitere Schritte an. So könnten in vielen Bereichen anstelle regelmäßiger Kontrollen Stichproben ausreichen. Außerdem warb er für mehr Mut bei behördlichen Entscheidungen und für einen größeren Ermessensspielraum der Sachbearbeiter. „Wir müssen wieder mehr zum normalen Menschenverstand zurückkehren“, sagte der Staatsminister. Mit Blick in die Welt würdigte er die internationalen Aktivitäten der IHK Gießen-Friedberg und nahm auch Bezug auf die Indienreise von Ministerpräsident Boris Rhein im August. Dabei seien die Weichen für verlässliche Lieferketten, mehr Resilienz, technologischen Fortschritt und Wachstum gestellt worden. Für hessische Unternehmen eröffne sich der Zugang zu einem der weltweit am schnellsten wachsenden Märkte.
Aus den Reihen der Vollversammlung kamen konkrete Beispiele zu bürokratischen Hemmnissen. Angesprochen wurde unter anderem der unternehmerische Mehraufwand durch die europäische Verpackungsverordnung, die Entwaldungsrichtlinie und das Lieferkettengesetz. Markos Gebreselassie von Kaffee Pura in Gießen kritisierte, dass ihn die Verpackungsverordnung in ihrer jetzigen Ausgestaltung zwinge, den Online-Handel aufzugeben. Die Pflicht, in jedem Mitgliedstaat einen Bevollmächtigten für die erweiterte Herstellerverantwortung zu benennen, verursache einen zu großen finanziellen und administrativen Aufwand. Gastgeber Christian Eichenberger, Vorstandsvorsitzender der Rent.Group und IHK-Vizepräsident, regte an, Praxischecks des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie zum Bürokratieabbau auch für die Veranstaltungswirtschaft einzuführen. In der Gastronomie sei das in anderen Bundesländern bereits umgesetzt worden. „Das würde ich gerne zusammen mit dem hessischen Wirtschaftsministerium ins Land holen“, sagte Eichenberger.
Jahresabschluss festgestellt
Die VV-Mitglieder blickten auf das Geschäftsjahr 2025 zurück und stellten den Jahresabschluss einstimmig fest. Das Jahresergebnis betrug 1,88 Millionen Euro. Präsidium und Hauptgeschäftsführer Matthias Leder wurden einstimmig entlastet und das Ergebnis einstimmig auf neue Rechnung vorgetragen. Als ehrenamtliche Rechnungsprüfer für den Jahresabschluss 2026 bestätigte die Vollversammlung ebenfalls einstimmig Petra Kalbhenn und Michael Menges.
In den aktuellen Stand der Bauarbeiten am IHK-Schulungsgebäude in der Hanauer Straße in Friedberg führte Präsident Schwarz ein. Für die Generalsanierung waren im Wirtschaftsplan 2026 zwei Millionen Euro veranschlagt worden. Im Zuge der Bauarbeiten habe sich nun die Notwendigkeit von Mehrausgaben in Höhe von 500.000 Euro gegenüber dem ursprünglichen Plan herausgestellt. Das sei baulichen Gegebenheiten geschuldet, die vorher nicht absehbar gewesen seien. Die Vollversammlung stimmte der Bereitstellung der überplanmäßigen Ausgaben für die Sanierung zu.
Vollversammlung (VV) der IHK Gießen-Friedberg: IHK-Vizepräsident und Gastgeber Christian Eichenberger von der Rent.Group in Ober-Mörlen (rechts) spricht vor VV-Mitgliedern über die Kreislaufwirtschaft.
Unternehmen fordern bessere Rahmenbedingungen
In einer Diskussion zur konjunkturellen Lage rief Hauptgeschäftsführer Leder Vertreter verschiedener Branchen auf, ihre aktuelle Situation zu schildern. Als Belastungen für den Handel nannte Jochen Ruths, IHK-Vizepräsident und Mitinhaber des Modehauses Ruths in Friedberg, vor allem die zurückhaltende Nachfrage, steigende Energiepreise, den Mindestlohn und zusätzliche Vorgaben durch die neue Verpackungsverordnung. Zur Nachfragesituation sagte er: „Während in Deutschland rund 22 Prozent des Einkommens im Handel ausgegeben werden, liegt der Anteil in anderen europäischen Ländern bei über 30 Prozent.“
Für die Dienstleister sprach Yan-Tobias Ramb von One Medialis in Gießen. Da sein Unternehmen viele Industriekunden betreue, habe er einen intensiven Einblick in die Branche: „Der Industrie geht es leider nicht gut. Trotz der herausragenden Leistungen dieser Unternehmen kämpfen sie immer mehr, was überhaupt nicht zufriedenstellend ist.“ Vor allem völlig unverhältnismäßige bürokratische Anforderungen und hohe Energiekosten würden hier zu Buche schlagen. Die Dienstleistungen seines Unternehmens in den Bereichen Digitalisierung des Marketings und der Interessentengewinnung seien zwar weiterhin gefragt, dennoch sei die Entwicklung im Land besorgniserregend.
Die Bauwirtschaft vertrat Andreas Schmitt von der Blfp Planungs GmbH in Friedberg: „Der Immobilienbedarf ist nach wie vor sehr groß, aber die Finanzierbarkeit stellt ein großes Problem dar. Daher sind Projekte, die sich für Investoren rechnen, sehr rar. In ganz Deutschland bauen große Architekturbüros derzeit Stellen ab. Diese Entwicklung ist bedenklich für den gesamten Bausektor.“
Seine Einschätzung zur Lage der Veranstaltungswirtschaft gab Christian Eichenberger. „Wir konkurrieren mit dem europäischen Ausland um die größten Veranstaltungsformate. Viele Veranstaltungen wandern nach Spanien oder Frankreich ab, weil dort die Arbeitsmarktbedingungen flexibler sind.“ Hierzulande habe die Branche mit dem für Events unpraktikablen Acht-Stunden-Arbeitstag, dem Mindestlohn, steigenden Energiepreisen und der ausgeweiteten Maut zu kämpfen. „Gerade unser Sektor kann noch stark wachsen, aber dafür brauchen wir bessere Voraussetzungen“, betonte er mit Nachdruck.
Und wie sieht es in der Gastronomie aus? „Auch da ist es nicht mehr rosig“, sagte IHK-Vizepräsident Rainer Dietz vom Posthotel Johannesberg in Lauterbach. „Wir haben große Probleme mit der Bürokratie. Die Auflagen sind nicht mehr zu ertragen.“ Viele Betriebsaufgaben seien die Folge. Zudem fehlten Fachkräfte und Auszubildende. Daher bemühe er sich auch um qualifizierte Bewerber aus dem Ausland.
Internationale Fachkräfte gewinnen
Mit Blick auf den Fachkräftemangel stellte der IHK-Mitarbeiter Andreas Mertenbacher das Projekt „African Skills 4 Germany“ zur Gewinnung von Auszubildenden aus Nigeria vor und zeigte hierzu einen Film. Aus mehr als 400 Bewerbungen wurden für das Projekt 18 Teilnehmerinnen und Teilnehmer ausgewählt. Sie werden sprachlich, fachlich und kulturell auf eine Ausbildung in Deutschland vorbereitet. Das Projekt wird vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie gefördert. Die Kosten werden zu 100 Prozent durch das Projekt getragen. Für teilnehmende Unternehmen fällt keine Vermittlungspauschale an. „Wir legen großen Wert auf solide Sprachkenntnisse sowie auf die Vermittlung kultureller Grundlagen“, fasste Leder zusammen.
Indien als strategischer Partner
Der Blick der Vollversammlung richtete sich auch nach Asien. Shuchita Kishore, Generalkonsulin der Republik Indien in Frankfurt, stellte ihr Land als wichtigen Partner für deutsche Unternehmen vor. In einer zunehmend von geopolitischen Konflikten und unterbrochenen Lieferketten geprägten Welt sei Vertrauen die wichtigste Währung. Indien und Deutschland verbinde eine langjährige und verlässliche Zusammenarbeit.
Indien habe sich in den vergangenen Jahren stark verändert. Die Infrastruktur sei deutlich verbessert worden, die Digitalisierung schreite schnell voran und eine junge, gut ausgebildete Bevölkerung biete großes Potenzial. Mit rund 1,4 Milliarden Einwohnern sei Indien nicht nur ein bedeutender Absatzmarkt, sondern auch ein attraktiver Produktions- und Entwicklungsstandort. Indien könne bei der Diversifizierung von Lieferketten eine wichtige Rolle spielen und biete insbesondere in den Bereichen Informationstechnologie, Produktion und digitale Dienstleistungen große Chancen. „Kommen Sie nach Indien und entdecken Sie die Möglichkeiten, die sich Ihnen bieten“, rief Shuchita Kishore den VV-Mitgliedern zu.
VV-Mitglieder stellen sich vor
In der Reihe „VV-Mitglieder stellen sich vor“ präsentierte Steffen Jüngel die Heinstadt Reiss GmbH mit Sitz in Bad Nauheim. 1954 als klassischer Baubetrieb gegründet, zählt die Gesellschaft heute über 80 Mitarbeiter. Jüngel arbeitet seit 2006 im Familienbetrieb. Das Leistungsspektrum erstreckt sich über verschiedene Sparten wie das schlüsselfertige Bauen bis hin zur Realisierung eigener Bauträgerprojekte. Der Bauunternehmer stellte verschiedene aktuelle Projekte im Rhein-Main-Gebiet vor.
CO2-Reduktion durch Weiterentwicklung der Kreislaufwirtschaft
Gastgeber Eichenberger stellte sein Unternehmen Rent.Group vor, das 1.400 Mitarbeiter beschäftigt, rund 150 Millionen Euro Jahresumsatz erzielt und über 30 Logistikzentren in elf Ländern verfügt. Das Sortiment reicht mit 4.500 Produkten und mehr als acht Millionen Einzelartikeln von Designmöbeln bis zu Glas, Porzellan und Besteck. Veranstaltungen seien ein starker Wachstumsmarkt, rund 40 Prozent der Marketingbudgets flössen bereits in Live-Formate. „Daraus entstehen belastbare Kundenbeziehungen. Unternehmen, die in Live und Digital investieren, wachsen um 50 Prozent schneller“, sagte Eichenberger.
Mit Blick auf die Kreislaufwirtschaft betonte er, das lineare Wirtschaftsmodell stoße an seine Grenzen. 45 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen entstünden bei der Herstellung von Produkten. Das größte Potenzial für langlebige Produkte liege in der Designphase. Zirkuläre Mietmodelle, etwa mit wiederverwendbaren Teppichfliesen, holten Wertschöpfung immer wieder ins Land zurück und machten unabhängiger von schwankenden Rohstoffpreisen. „So wachsen wir, ohne mehr Ressourcen zu verbrauchen. Darin liegt auch eine Chance für deutsche Qualitätsprodukte im internationalen Wettbewerb.“
Insgesamt machte die Vollversammlung deutlich: Für Wettbewerbsfähigkeit und Wachstum braucht es sowohl bessere Rahmenbedingungen im Inland als auch neue internationale Partnerschaften. Der Abbau unnötiger Bürokratie, weitaus niedrigere Energiepreise, ausreichend Fachkräfte und offene Märkte bleiben zentrale Voraussetzungen für die wirtschaftliche Entwicklung der Region.
IHK-Pressemeldung Nr. 38
Pressekontakt: Tobias Bunk, Tel.: 06031/609-1100
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Stand: 24.09.2026