Wo Innovation zum guten Ton gehört

Gefell hat einen guten Namen in Amerika, auch wenn dort nur wenige wissen, dass dies ein kleiner Ort im Südosten Thüringens ist. Vielmehr wird der Begriff mit qualitativ hochwertigen Mikrofonen verknüpft. Im Freistaat ist die Microtech Gefell GmbH ein „Hidden Champion“, ihre Produkte sind jedoch seit vielen Jahren weltweit ein Begriff und werden geschätzt.
Die Grundlage dafür legte Firmengründer Georg Neumann bereits im Jahr 1928 mit seinem Anspruch, hochwertige Studio-Kondensatormikrofone und Tontechnik zu entwickeln und zu fertigen. Die von ihm in den 1930er Jahren erfundene „M7-Kapsel“ ist bis heute, auch in der inzwischen weitgehend digitalisierten Mikrofontechnik, Basis der Mikrofone aus Gefell.
„Eine Membran aus Kunststoff, Nickel oder Edelstahl und eine Gegenelektrode nehmen als Kondensator auch die feinsten Schallschwingungen auf. Aus der dadurch entstehenden Änderung der Kondensatorkapazität wird das Signal gewonnen“, beschreibt Vertriebsmanager Udo Wagner das Funktionsprinzip. Der Diplomingenieur für Elektrotechnik, der aus der Region stammt, hat schon während seines Studiums ein Praktikum in Gefell absolviert. Nach ersten Berufserfahrungen in anderen Unternehmen ist er zurückgekehrt und seitdem weltweit unterwegs, um Kontakte zu knüpfen und neue Kunden zu gewinnen.
Heute sind Mikrofone aus Gefell nicht nur weltweit in Rundfunkstationen, Musikstudios, Konzertsälen zu finden. Auch anspruchsvolle akustische Messtechnik enthält Mikrofone aus Thüringen. Hinzu kommen Dienstleistungen von Reparatur bis Prüf- und Kalibieraufgaben.

Klein und leicht: digital und analog vereint

Hohe Qualität und Zuverlässigkeit sind zwei der Erfolgsfaktoren, die den guten Ruf der Firma bestimmen. Geschäftsführer Dr.-Ing. Matthias Domke weist noch auf einen anderen, nicht unwesentlichen Aspekt hin, der von Anfang an die Firmenentwicklung geprägt hat: Innovation. „Die Möglichkeiten analoger Technik sind längst ausgereizt. Elektronische Komponenten bestimmen das ‚Innenleben‘ moderner Mikrofone, digitale Übertragung die Weiterleitung der aufgefangenen Töne. Sie werden kleiner, leichter und vor allem leistungsfähiger. Mikrofone in Aufnahmestudios oder Konzertsälen sind inzwischen so miniaturisiert, dass sie kaum noch auffallen.“
Damit könne heute eine wesentlich größere Bandbreite von akustischen Frequenzen erfasst, übertragen und verzerrungsfreier wiedergegeben werden. Außerdem kann die räumliche Erfassung von Tönen bewusst gesteuert werden: frontal, in einem genau definierten Umfeld oder im ganzen Raum. „Die bekannten Mikrofone im Bundestag sind eigentlich eine Mikrofonzeile aus acht aufeinander abgestimmten kleinen Mikrofonen, die mit entsprechender Steuerung je nach Bedarf auf den Redner fokussiert werden und die unmittelbare Umgebung oder auch die Stimmung im Saal ausblenden“, erläutert Udo Wagner. Genau diese Innovation habe für die Thüringer auch zu einem ungewöhnlichen Auftrag geführt: Die Entwicklung und den Bau eines „Imam-Mikrofons“, das inzwischen in Medina gute Dienste leistet. Die Stimme des Imams wird so unabhängig von seiner Position während des Gottesdienstes – stehend, kniend oder nahe am Boden – immer deutlich erfasst und weitergegeben.

Mikrofone werden zum Messmittel mit USB-Anschluss

Bereits seit den 1950er Jahren sind Messmikrofone das zweite Standbein von Microtech Gefell. Die bereits von der Physikalisch-technischen Bundesanstalt geprüfte DDR-Technik war im Ausland als preiswerte Wertarbeit geschätzt und ein Exportschlager des VEB Mikrofontechnik Gefell mit dem Verbandswarenzeichen RFT. „Dieser Ruf hat der Firma nach der Wende den Start in die Marktwirtschaft wesentlich erleichtert“, sagt Udo Wagner. Heute realisiert das Unternehmen die Hälfte seines Umsatzes in diesem Geschäftsfeld, das von hohem Innovationspotenzial geprägt ist.
Die Herausforderung: eine hohe Bandbreite von Frequenzen (von Ultra- bis Infraschall) und Lautstärken (von unterhalb der Hörschwelle des Menschen bis über dessen Schmerzgrenze hinaus), zu erfassen, zu filtern und angepasst an die Kundenanforderungen auszuwerten. Gemessen kann fast alles werden: zum Beispiel Lärmbelastung in der Umwelt oder in Räumen, Laufgeräusche von Maschinen und Anlagen, akustische Signale von Prüfständen. „Das stellt hohe Ansprüche an die Messgeräte und an die dafür von Kunden benötigten Mikrofone.“ Die Technik müsse unter den unterschiedlichsten Umfeldbedingungen zuverlässig arbeiten. So stelle eine Freiluftmessanlage andere Anforderungen als ein Strömungskanal oder eine Werkhalle.
Eine individuelle und hochinnovative Herausforderung sei die Kompatibilität mit der Messtechnik des Kunden. Ansporn für Akustikexperten von Microtech, ihr Know-how ständig weiterzuentwickeln. „Unsere neuste Innovation ist ein digitales Mikrofon, das per USB-Anschluss seine Daten direkt an ein Handy oder Tablet übertragen kann. Kunden können so Geräte und Software entwickeln, die die Datenauswertung noch vor Ort ermöglichen.“ Ein Marktvorsprung für die Ingenieure aus Gefell, für die Innovation zum guten Ton und damit zum wirtschaftlichen Erfolg gehört.

Mit Erfahrung und hochwertiger Prüftechnik Qualität garantieren

Innovativ sind bei dem Mikrofonhersteller aus Gefell nicht nur die Produkte, sondern auch die Qualitätskontrolle. Während die Mikrofone weitestgehend per Hand gefertigt werden, übernimmt die Qualitätsprüfung modernste Technik. So wird der Test auf die Einhaltung akustischer Toleranzwerte von einem eigens entwickelten Roboter übernommen. „Robbie“ greift automatisch nach den bereitgestellten Mikrofonkapseln, arretiert sie im Messgerät, das mittels eines Prüftons deren Empfindlichkeit anhand von Toleranzwerten erfasst und legt sie anschließend wieder zurück.
Hightech bestimmt auch die Technik des akkreditierten Kalibrierlabors und des Akustikprüfstandes. Diese Einrichtungen dienen nicht nur der Qualitätskontrolle der eigenen Produkte, sondern bieten auch gefragte Dienstleistungen für alle, die ihre Prüfnachweise regelmäßig erneuern müssen.

Das Wichtigste am Unternehmen sind die Mitarbeiter

Während Udo Wagner vom weltweit guten Ruf der Mikrofone aus Gefell berichtet und die innovativen und technischen Details erläutert, verliert er eine Erfolgskomponente nicht aus dem Blick: „Das Wichtigste am Unternehmen sind die Mitarbeiter.“ Denn ohne deren Know-how, Entwicklungsleistungen und Engagement wäre der Markterfolg nicht möglich. Auf dem hart umkämpften Markt haben wir als unabhängiges Unternehmen nur dann auf die Dauer Erfolg, wenn wir etwas anbieten, was andere nicht haben“. Die rund 100 verschiedenen Mikrofonmodelle von Microtech Gefell sind zwar standardisierte Produkte, werden aber alle individuell an Kundenanforderungen angepasst. Und: Sie werden zum größten Teil von den rund 35 Mitarbeitern von Hand montiert.
Was einerseits einen hohen Qualitätsstandard und damit ein Allsteinstellungsmerkmal garantiert ist andererseits auch eine große Herausforderung. „Gut ausgebildete Akustiker sind dünn gesät. Unsere Fachkräfte brauchen spezifisches Fachwissen, das über die in der Ausbildung vermittelten Elektronik-Kenntnisse hinaus geht.“ Zu den Anforderungen an das fachliche Wissen und Können macht auch die Lage im ländlichen Raum, weit ab von den Standortvorteilen großer Städte, die Gewinnung und Bindung von Fachpersonal schwierig. „Einige Azubis verlassen deshalb das Unternehmen nach ihrem Abschluss. Hochschulabsolventen wissen zwar die fachlichen Entwicklungsmöglichkeiten zu schätzen, zögern aber nach Gefell zu ziehen.“ Deshalb wirbt die Firma verstärkt in der eigenen Region um „Nachwuchs“. Der „Tag der offenen Tür“ im August 2024 traf auf großes Interesse und auch die Kontakte zu Kindergärten und Schulen, die in diesem Jahr das Unternehmen auch besucht haben, machen die nächste Generation langfristig neugierig auf eine berufliche Perspektive im Unternehmen.
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