03.09.2026

Umfrage zum China-Wettbewerb: Europa muss eigene Stärke zurückgewinnen

Der Wettbewerbsdruck durch chinesische Anbieter wächst auf dem deutschen und europäischen Markt. Drei von vier befragten Thüringer Unternehmen nehmen eine zunehmende Konkurrenz wahr. 41 Prozent stehen nach eigener Einschätzung unter starkem oder sehr starkem Wettbewerbsdruck. Das zeigt eine Auswertung der Industrie- und Handelskammern (IHK) Südthüringen und Erfurt auf Basis einer aktuellen DIHK-Sonderumfrage zum Wettbewerb mit China.
Aus Sicht der IHKs darf die Antwort darauf nicht in wirtschaftlicher Abschottung liegen. China bleibt ein wichtiger Absatzmarkt und Handelspartner. Die Unternehmen müssen ihre Geschäfte fortsetzen können, sollten zugleich aber einseitige Abhängigkeiten verringern und weitere Märkte erschließen. Die Europäische Union muss gegenüber China geschlossen auftreten und über fairen Marktzugang sowie den Abbau von Wettbewerbsverzerrungen verhandeln.
„China wird nicht dadurch weniger wettbewerbsfähig, dass Europa seine eigene Wirtschaft mit immer neuen Vorgaben belastet. Die EU muss gegenüber Peking geschlossen und mit wirtschaftlichem Gewicht auftreten. Dazu gehören entschlossene Verhandlungen über Subventionen und Marktzugang. Bei nachgewiesenen Wettbewerbsverzerrungen muss Europa handlungsfähig sein. Eine pauschale Abschottung wäre jedoch falsch. Unsere Unternehmen sollen weiterhin in China und mit China Geschäfte machen können“, sagen die Hauptgeschäftsführer der beiden IHKs Dr. Ralf Pieterwas und Dr. Cornelia Haase-Lerch.
Die befragten Unternehmen verweisen insbesondere auf die Unterschiede bei den Arbeits- und Energiekosten. Hinzu kommen staatliche Subventionen, die den Wettbewerb verzerren können. Der Konkurrenzdruck erfasst inzwischen auch Bereiche wie den Sondermaschinenbau, in denen deutsche Unternehmen lange einen deutlichen technologischen Vorsprung besaßen. Nach Einschätzung der Betriebe erreichen chinesische Anbieter inzwischen häufig eine vergleichbare oder sogar höhere Qualität. Zugleich bieten sie günstiger an und liefern schnell.
Die Entwicklung trifft Thüringen auch mittelbar. Deutschlands Warenexporte nach China gingen von 104 Milliarden Euro im Jahr 2021 auf 81 Milliarden Euro im Jahr 2025 zurück. Allein 13 Milliarden Euro des Rückgangs entfielen auf Kraftfahrzeuge und Kraftfahrzeugteile. Der Wert der deutschen Kfz-Exporte nach China hat sich innerhalb von fünf Jahren etwa halbiert. Diese Entwicklung wirkt sich auf die stark von der Automobilindustrie geprägte Zulieferlandschaft in Thüringen aus.
59 Prozent der befragten Thüringer Unternehmen sprechen sich für stärkere handelspolitische Maßnahmen der EU gegen Wettbewerbsverzerrungen aus, selbst wenn das eigene Unternehmen mit negativen Folgen rechnen müsste. Ebenso viele fordern ein gemeinsames außenwirtschaftliches Vorgehen der EU-Staaten. 56 Prozent befürworten eine Stärkung der Handelsschutzinstrumente. Die Hälfte spricht sich dafür aus, chinesische Unternehmen von Projekten der kritischen Infrastruktur auszuschließen.
Die Ergebnisse sind jedoch kein Votum für eine Abschottung Europas. Sie zeigen den Wunsch nach einem geschlossenen und durchsetzungsfähigen Auftreten der EU. Handelsschutzinstrumente sollten gezielt eingesetzt werden, wenn Subventionen oder andere Wettbewerbsverzerrungen nachgewiesen sind. Ein breiter Zoll- und Beschränkungskurs würde dagegen heimische Unternehmen erheblich belasten und Gegenmaßnahmen provozieren. Zugleich würden Importe und Vorprodukte teurer. Werden steigende Produktionskosten über die Preise weitergegeben, sinken die Kaufkraft der Bürger und der private Konsum. Ein Handelskrieg würde diese Entwicklung verschärfen und weitere Wohlstandsverluste verursachen. Dauerhaft kann Europa deshalb nur aus einer Position wirtschaftlicher Stärke erfolgreich mit China verhandeln. Dafür muss es vor allem seine eigene Wettbewerbsfähigkeit verbessern.
„Wir dürfen chinesische Subventionen nicht beklagen und gleichzeitig unsere eigenen Unternehmen durch hohe Energiepreise und kleinteilige europäische Sonderregeln aus dem Markt drängen. Auch europäische Unternehmen erhalten teilweise staatliche Förderung. Entscheidend ist, ob diese den Wettbewerb verzerrt. Die EU-Kommission muss die Illusion aufgeben, dass sich mit immer neuen Klimaschutzvorgaben automatisch Wohlstand erwirtschaften lässt. Klimaschutz ersetzt keine Standortpolitik. Unsere Unternehmen brauchen echte Standortvorteile und Freiraum für unternehmerische Spitzenleistungen. Höhere Kosten für die Unternehmen führen zudem zu höheren Preisen und belasten damit die Kaufkraft der Bürger“, betonen die Hauptgeschäftsführer.
Die Thüringer Unternehmen reagieren auf den verschärften Wettbewerb. 41 Prozent entwickeln neue Produkte. 38 Prozent versuchen, ihre Kosten zu senken. Jeweils 22 Prozent erschließen neue Absatzmärkte oder verlagern Investitionen an günstigere Standorte.
Wie ernst die Standortprobleme inzwischen sind, zeigt die Rückmeldung eines Südthüringer Industriebetriebs mit mehr als 200 Beschäftigten. Ein Bruttostundenlohn von rund 20 Euro führe einschließlich der Nebenkosten zu einem Lohnstundensatz von etwa 31 Euro. Gleichzeitig hätten die Kosten für gesetzliche Vorgaben, Verwaltung und IT ein Rekordniveau erreicht. Die zunehmende „Local-for-local“-Produktion großer Konzerne zwinge Zulieferer außerdem dazu, ihren Kunden auf ausländische Märkte zu folgen. Für viele mittelständische Unternehmen sei der Aufbau eigener Standorte in Asien jedoch nicht möglich.
„Die Unternehmen übernehmen Verantwortung, indem sie neue Produkte entwickeln und weitere Märkte suchen. Andere verlagern ihre Investitionen an Standorte mit besseren Bedingungen. Die Politik muss endlich ihren Teil leisten. Deutschlands Wettbewerbsproblem ist nicht allein in Peking entstanden. Ein erheblicher Teil ist hausgemacht und muss deshalb auch hier gelöst werden“, fordern Dr. Ralf Pieterwas und Dr. Cornelia Haase-Lerch.

Zur Information:

Die DIHK-Sonderumfrage China fand vom 20. Juli bis 10. August 2026 statt. Deutschlandweit beteiligten sich 1.325 Unternehmen, darunter 32 Betriebe aus Thüringen. Die bundesweiten Ergebnisse veröffentlichte die DIHK ebenfalls am 3. September 2026.