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Nr. 7063330
26.05.2026
Konjunkturflaute verfestigt sich weiter
Ob neue Maschine, zusätzliche Stelle, erweiterte Lagerfläche oder geplantes Kundenprojekt: In vielen Unternehmen in Nord-, Mittel- und Westthüringen werden Entscheidungen derzeit nicht getroffen, sondern vertagt. Was im betrieblichen Alltag als Vorsicht beginnt, wird zunehmend zum Standortproblem. Die aktuelle Konjunkturbefragung der Industrie- und Handelskammer (IHK) Erfurt zeigt: Die regionale Wirtschaft bleibt auch im Frühjahr 2026 in der Flaute.
Der Konjunkturklimaindex sinkt nochmals auf nunmehr 80 Punkte – der langjährige Durchschnitt liegt bei 102 Punkten. Daran zeigt sich eine klare Botschaft: Die Wirtschaft in der Region läuft deutlich untertourig. Vielen Betrieben fehlen Aufträge, zugleich drücken hohe Energie- und Rohstoffkosten. Hinzu kommt die Unsicherheit, welche politischen Vorgaben, Kosten oder Regeln als Nächstes auf sie zukommen. Die IHK Erfurt fordert deshalb einen klaren Kurs: Unternehmen entlasten, Bürokratie abbauen, Verfahren beschleunigen und Investitionen erleichtern.
Die schwierige Lage zeigt sich auch in den konkreten Bewertungen der Unternehmen. Fast 40 Prozent bezeichnen ihre Geschäftslage als schlecht, nur ein Viertel als gut. Das heißt konkret: weniger Aufträge, schwächere Umsätze und steigende Kosten, die viele Betriebe nicht einfach weitergeben können.
Verhalten bleibt auch der Ausblick: 40 Prozent der Betriebe erwarten eine schlechtere Geschäftsentwicklung, nur knapp jedes achte Unternehmen rechnet mit einer Verbesserung. Knapp die Hälfte geht davon aus, dass es erst einmal so weitergeht wie bisher.
„Seit sieben Jahren liegen die Erwartungen der Unternehmen per Saldo im negativen Bereich – das ist der längste Zeitraum seit Beginn dieser regelmäßigen Befragung. Das ist mehr als eine Konjunkturdelle. Es zeigt, dass Vertrauen in die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen verloren gegangen ist. Wer Investitionen, Beschäftigung und Modernisierung will, muss Unternehmen spürbar entlasten: mit wettbewerbsfähigen Energiepreisen, weniger Bürokratie, schnelleren Verfahren und einer verlässlichen Wirtschaftspolitik“, sagt Dr. Cornelia Haase-Lerch, Hauptgeschäftsführerin der IHK Erfurt.
Besonders sichtbar wird die Verunsicherung bei den Investitionen. Nur 15 Prozent der Unternehmen wollen mehr investieren, 23 Prozent planen weniger. Wenn investiert wird, dann vor allem in Ersatz, effizientere Abläufe oder Kostensenkung – nicht in Wachstum. Damit fehlt der Wirtschaft ein wichtiger Motor für Produktivität, Wettbewerbsfähigkeit und Beschäftigung.
Das größte Geschäftsrisiko bleiben die Energie- und Rohstoffpreise. 85 Prozent der Unternehmen nennen sie als Risiko, 21 Prozentpunkte mehr als in der Vorumfrage. Hinzu kommen wirtschaftspolitische Unsicherheit mit 67 Prozent und hohe Arbeitskosten mit
60 Prozent. Für viele Betriebe bedeutet das: Kalkulationen werden schwieriger, Angebote riskanter und langfristige Entscheidungen unsicherer.
Die Flaute ist längst auf dem Arbeitsmarkt angekommen. Nur vier Prozent der Unternehmen planen mehr Personal, rund ein Viertel rechnet mit einem Rückgang. Offene Stellen werden seltener nachbesetzt, Erweiterungen verschoben. Damit wird deutlich: Die schwache Konjunktur betrifft nicht nur Aufträge und Investitionen, sondern zunehmend auch Beschäftigungsperspektiven.
Im Branchenvergleich bleibt die Lage vor allem im Handel, im Gastgewerbe und im Verkehrsgewerbe deutlich angespannt. Dort treffen Kaufzurückhaltung, hohe laufende Kosten und geringe Planungssicherheit unmittelbar auf das Tagesgeschäft. Vergleichsweise stabiler zeigt sich der Dienstleistungssektor. Industrie und Bau verharren weiter auf niedrigem Niveau.
„Wir merken den Druck jeden Tag in der Disposition. Kraftstoff, Energie, Maut, Personal und Wartung werden teurer – gleichzeitig lassen sich höhere Kosten kaum vollständig weitergeben. Jede Tour muss enger gerechnet werden, Investitionen in Fahrzeuge oder Technik überlegen wir uns sehr genau. Was uns fehlt, sind stabile praxistaugliche Rahmenbedingungen, die Innovation, Automatisierung und Digitalisierung nicht zur Grauzone degradieren, sondern fördern. Die überfällige Gesundheitsreform zu mehr Verantwortung eines jeden einzelnen geht immer weiter zu Lasten der Wirtschaft. Die Krankenstände steigen und steigen, die Wirtschaft kann nur machtlos zu sehen, aber muss zahlen“, so Jana Glaser, Geschäftsführerin der Wollschläger & Partner GmbH und Vollversammlungsmitglied der IHK Erfurt.
„Unsere Auftragslage trägt noch, aber die Vorsicht der Kunden ist deutlich spürbar. Projekte werden später freigegeben, Budgets genauer geprüft und Entscheidungen ziehen sich länger hin. Für uns heißt das: Wir planen zurückhaltender, prüfen Investitionen kritischer und bauen keine Kapazitäten auf Verdacht auf. Damit wieder mehr Dynamik entsteht, brauchen Unternehmen Verlässlichkeit bei Kosten, Regeln und politischen Entscheidungen“, sagt Tilo Müller, Geschäftsführer der Bechtle GmbH und Vollversammlungsmitglied der IHK Erfurt.“
Die Konjunkturbefragung zeigt: Eine breite wirtschaftliche Erholung ist weiter nicht in Sicht. Aus Sicht der IHK Erfurt darf die Flaute nicht zur Gewohnheit werden. Entscheidend ist jetzt, die Investitions- und Vertrauensbremse zu lösen: durch wettbewerbsfähige Energie- und Standortkosten, weniger Bürokratie, schnellere Genehmigungen, planbare Arbeitskosten und wirtschaftspolitische Entscheidungen, auf die sich Unternehmen verlassen können. Nur dann kann aus Zurückhaltung wieder Wachstum entstehen.
Hintergrundinformationen zur Konjunkturumfrage: Die IHK Erfurt befragt dreimal pro Jahr (zum Jahresbeginn, im Frühjahr und im Herbst) rund 650 Unternehmen aus Nord-, Mittel- und Westthüringen der Branchen Industrie, Bau, Verkehrsgewerbe, Handel, Gastronomie und Dienstleistungen zur aktuellen Geschäftslage sowie zu den Erwartungen und Plänen für die kommenden Monate. Die aktuellen Ergebnisse wurden zwischen dem 23. März und dem 8. Mai 2026 erhoben. Die Rücklaufquote beläuft sich auf 34 Prozent.