EU Inc.: Position der IHK Dresden zur neuen europäischen Gesellschaftsform

Mit der geplanten EU Inc. möchte die Europäische Kommission Unternehmensgründungen innerhalb der Europäischen Union vereinfachen und stärker digitalisieren. Die IHK Dresden begrüßt diesen Ansatz grundsätzlich. Für Unternehmen in Dresden und Ostsachsen sind jedoch verlässliche rechtliche Rahmenbedingungen entscheidend. Deshalb fordert die IHK Dresden, Digitalisierung und Bürokratieabbau konsequent mit Rechtssicherheit, Registerschutz und wirksamer Missbrauchsprävention zu verbinden.
Die Europäische Kommission plant mit der EU Inc. eine neue europäische Gesellschaftsform, die Unternehmensgründungen vereinfachen und grenzüberschreitendes Wirtschaften erleichtern soll. Die IHK Dresden begrüßt das Ziel einer digitalen und europaweit einheitlichen Gesellschaftsgründung. Der vorliegende Verordnungsentwurf weist jedoch aus Sicht der regionalen Wirtschaft erhebliche Schwächen auf. Insbesondere bei Rechtssicherheit, Registerschutz, Missbrauchsprävention und Gläubigerschutz besteht Nachbesserungsbedarf. Die IHK Dresden setzt sich für eine moderne, digitale und gleichzeitig verlässliche europäische Unternehmensgründung ein und unterstützt Unternehmen im Kammerbezirk mit praxisnahen Informationen zu wirtschaftsrechtlichen Fragestellungen.
Die Europäische Kommission hat im März 2026 einen Verordnungsentwurf zur Einführung der EU Inc. vorgestellt. Ziel ist eine neue europäische Gesellschaftsform, die vollständig digital gegründet und in allen Mitgliedstaaten genutzt werden kann. Vor allem Start-ups und wachstumsorientierte Unternehmen sollen dadurch leichter grenzüberschreitend tätig werden.
Für Unternehmen im Kammerbezirk der IHK Dresden ist diese Entwicklung von großer Bedeutung. Internationale Geschäftsmodelle gewinnen auch in Dresden und Ostsachsen zunehmend an Bedeutung. Gleichzeitig benötigen Unternehmen verlässliche rechtliche Rahmenbedingungen, die Vertrauen schaffen und Investitionen ermöglichen. Die IHK Dresden unterstützt grundsätzlich Maßnahmen zur Stärkung des europäischen Wirtschaftsstandortes. Digitalisierung und Vereinfachung dürfen jedoch nicht zulasten der Rechtssicherheit gehen.

Die Position der IHK Dresden auf einen Blick

Die Position der IHK Dresden orientiert sich an den wirtschaftspolitischen Beschlüssen der Vollversammlung und wurde durch den Fachausschuss Recht und Steuern erarbeitet.
Die wichtigsten Aussagen sind:
  • Die EU Inc. kann ein wichtiger Schritt für einen gemeinsamen europäischen Binnenmarkt sein.
  • Digitalisierung und schnelle Gründungsverfahren dürfen die Rechtssicherheit nicht schwächen.
  • Das deutsche Handelsregister und die präventive Prüfung durch unabhängige Stellen schaffen Vertrauen im Wirtschaftsverkehr und sollten erhalten bleiben.
  • Das "Once-Only"-Prinzip unterstützt den Bürokratieabbau und sollte unabhängig von der Rechtsform deutschlandweit umgesetzt werden.
  • Der vorliegende Verordnungsentwurf muss grundlegend überarbeitet werden, um die angestrebten Ziele tatsächlich zu erreichen.

Chancen der EU Inc. für den europäischen Wirtschaftsstandort

Eine europaweit einheitliche Gesellschaftsform kann Unternehmen den Zugang zu internationalen Märkten erleichtern. Einheitliche digitale Verfahren, standardisierte Gründungsprozesse und weniger Verwaltungsaufwand können insbesondere für innovative Unternehmen Vorteile schaffen.
Die IHK Dresden unterstützt deshalb grundsätzlich das Ziel, den europäischen Binnenmarkt weiter zu stärken. Ein modernes Gesellschaftsrecht kann Investitionen fördern und die Wettbewerbsfähigkeit Europas verbessern.
Allerdings erfüllt der aktuelle Verordnungsentwurf diese Erwartungen nach Einschätzung der IHK Dresden noch nicht.

Warum der aktuelle Verordnungsentwurf kritisch bewertet wird

Obwohl die EU Inc. als einheitliche Gesellschaftsform vorgesehen ist, verweist der Entwurf in zahlreichen Bereichen auf nationales Recht. Dadurch werden unterschiedliche rechtliche Regelungen in den einzelnen Mitgliedstaaten anwendbar, beispielsweise im Arbeitsrecht, Steuerrecht, Insolvenzrecht oder Registerrecht.
Damit würde keine tatsächlich einheitliche europäische Gesellschaft entstehen. Vielmehr entstünden faktisch 27 unterschiedliche Ausprägungen der EU Inc. Dies erschwert die Rechtsanwendung und erhöht den Beratungsaufwand für Unternehmen.
Aus Sicht der IHK Dresden sollte eine europäische Gesellschaftsform tatsächlich europaweit nach denselben Regeln funktionieren. Nur so entsteht ein verlässlicher Rechtsrahmen für Unternehmen und Investoren.

Rechtssicherheit bleibt ein zentraler Standortfaktor

Ein leistungsfähiger Wirtschaftsstandort benötigt Vertrauen in öffentliche Register, klare Eigentumsverhältnisse und wirksamen Schutz vor Missbrauch.
Der Verordnungsentwurf sieht jedoch eine deutlich reduzierte Vorprüfung bei der Gründung der EU Inc. vor. Gleichzeitig sollen Unternehmen wesentliche Angaben teilweise selbst erklären und verwalten.
Die IHK Dresden sieht hierin erhebliche Risiken:
  • höhere Missbrauchsgefahr durch Identitätsdiebstahl oder gefälschte Unterlagen
  • geringere Sicherheit für Gesellschafter und Geschäftspartner
  • erschwerte Bekämpfung von Geldwäsche
  • sinkendes Vertrauen in Registereintragungen
  • Unsicherheiten bei Eigentums- und Beteiligungsverhältnissen
Gerade vor dem Hintergrund zunehmender digitaler Betrugsformen und des Einsatzes künstlicher Intelligenz gewinnt eine verlässliche Identitätsprüfung weiter an Bedeutung.
Die bestehenden deutschen Strukturen mit Handelsregister und unabhängiger präventiver Prüfung genießen international ein hohes Ansehen. Diese Qualitätsstandards sollten nach Auffassung der IHK Dresden nicht aufgegeben, sondern als Vorbild für eine europäische Lösung genutzt werden.

Digitalisierung sinnvoll gestalten statt Verfahren nur zu beschleunigen

Die IHK Dresden unterstützt ausdrücklich die Umsetzung des "Once-Only"-Prinzips in Deutschland. Dabei müssen Unternehmen Informationen nur einmal an die Verwaltung übermitteln. Anschließend werden diese Daten zwischen den zuständigen Behörden digital ausgetauscht.
Dieses Prinzip kann Bürokratie abbauen und Gründungen deutlich erleichtern.
Aus Sicht der IHK Dresden liegen die eigentlichen Herausforderungen jedoch häufig nicht bei der Eintragung einer Gesellschaft, sondern bei den nachgelagerten Verwaltungsverfahren. Dazu gehören insbesondere:
  • Vergabe einer Steuernummer
  • Eröffnung eines Geschäftskontos
  • digitale Zusammenarbeit der Behörden
  • Geldwäscheprüfung
  • medienbruchfreie Verwaltungsprozesse
Eine Unternehmensgründung innerhalb von 48 Stunden bringt Unternehmen nur dann einen echten Mehrwert, wenn anschließend auch alle weiteren notwendigen Verfahren ebenso schnell abgeschlossen werden können.
Deshalb sollte neben der Digitalisierung der Gründung insbesondere die digitale Vernetzung der Behörden konsequent vorangetrieben werden.

Fazit: Europa braucht eine moderne und verlässliche Gesellschaftsform

Die EU Inc. befindet sich derzeit noch im europäischen Gesetzgebungsverfahren. Änderungen am Verordnungsentwurf sind möglich und aus Sicht der IHK Dresden erforderlich. Die IHK Dresden begleitet die wirtschaftspolitischen Entwicklungen auf europäischer Ebene und bringt die Interessen der regionalen Wirtschaft in politische Diskussionen ein.
Die IHK Dresden unterstützt das Ziel einer europaweit einheitlichen, digitalen Gesellschaftsform, die grenzüberschreitendes Wirtschaften erleichtert und den europäischen Wirtschaftsstandort stärkt.
Der vorliegende Verordnungsentwurf erfüllt diese Anforderungen jedoch noch nicht. Rechtssicherheit, Registerqualität, Gläubigerschutz und Missbrauchsprävention müssen auch künftig zentrale Bestandteile des europäischen Gesellschaftsrechts bleiben.
Eine moderne europäische Gesellschaftsform sollte Digitalisierung mit hohen Qualitätsstandards verbinden und Unternehmen in allen Mitgliedstaaten verlässliche Rahmenbedingungen bieten. Gleichzeitig müssen nationale Verwaltungsverfahren weiter digitalisiert werden, damit Unternehmensgründungen insgesamt schneller, einfacher und rechtssicher erfolgen können. Die IHK Dresden wird diesen Prozess weiterhin im Interesse der Unternehmen aus Dresden und Ostsachsen begleiten und sich für praktikable Lösungen einsetzen.