Mitarbeitende im Fokus

Mehr als nur Zufriedenheit im Job

Es lief nicht gut bei der SchumannGruppe. Hartmut Lehnert, geschäftsführender Gesellschafter, spricht Klartext: „Die Unruhe und die Unzufriedenheit waren groß.“ Anfang 2020 hatte er die Schumann-Prüf GmbH und die KFZ-Sachverständigenbüro Schumann GmbH in Dortmund von seinem Vorgänger übernommen. Dann kam die Pandemie – und mit ihr die Kurzarbeit, die eingeführt werden musste, um der Krise zu begegnen.
„Ich kannte viele Mitarbeiter noch gar nicht, musste allerdings schon gleich darum kämpfen, das Unternehmen am Leben zu halten“, erinnert sich Lehnert. „Das Klima war zwar schon vorher nicht gut. Aber die Krise hatte das noch verschärft. Mitarbeiter schrieben mir, dass sie Existenzängste haben. Die Krankenstände waren hoch, die Stimmung schlecht. Der Druck war immens – bei der Belegschaft wie auch bei mir.“
Und es wurde nicht besser. Schließlich habe er erkannt, dass es so nicht weitergehen könne. Ein Schlüsselerlebnis war der Fortgang eines erfahrenen Mitarbeiters, den man mit mehreren Anreizen noch habe halten wollen. Ehefrau Karina Lehnert, Geschäftsführerin der Ingenieurbüro Lehnert GmbH in Werl, erinnert sich: „Es schien zunächst alles gut – aber genau dieser Mitarbeiter hat uns dann doch gekündigt. Wegen interner Querelen und Unfrieden. Da war uns klar, wir müssen etwas tun.“

Unmöglich: Lösung an einem Abend
Die beiden luden Dr. Achim Pothmann ein und baten ihn um Rat. Im Rückblick müssen die drei lachen, wenn sie an das erste Gespräch dazu zurückdenken: „Wir wollten von ihm an einem Abend sofort die Lösung, wie wir das Ruder herumreißen können. Da hat er uns tief in die Augen geschaut und gesagt, dass das so nicht funktioniert.“
Dr. Pothmann ist Keynote Speaker und Berater. Sein Tenor: Glückliche Unternehmen beziehungsweise glückliche Führungskräfte sorgen für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die gern zur Arbeit kommen. Und davon profitieren letztlich auch die Unternehmen. Mit dem „Jobglück“-Ansatz will er helfen, das zu erreichen. Jobglück – was heißt das? Dr. Pothmann versteht darunter im Kern die Frage, ob Menschen ihre Arbeit gern machen und sich positiv damit identifizieren – oder eben nicht. „Und da versteht es sich von selbst, dass vieles von der Frage abhängt, was die Unternehmensführung vorlebt, und wie sie mit ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern umgeht.“

Unterschiedliche Stile – und Haltungen
Um zu verdeutlichen, was er meint, vergleicht er verschiedene Führungsstile, die er in entgegengesetzten Polen verortet. Demnach gibt es Führungskräfte, die sehr viel Druck aufbauen und in erster Linie erwarten, dass die Beschäftigten „funktionieren“. Sprich: dass sie die Arbeit effektiv und effizient erledigen im Sinne der Geschäftsführung. Und es gibt Führungskräfte, denen es ein Anliegen ist, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gern im Unternehmen arbeiten. Umgekehrt gibt es Arbeitskräfte, die sich mühsam zur Arbeit schleppen und ihre Arbeit grundsätzlich eher negativ sehen, und solche, die sich sagen: „Meine Arbeit ist gut, und ich bin gerne in meinem Unternehmen.“
Dabei geht es dem Arbeitsexperten nicht in erster Linie um „Spaß“, sondern um positive Identifikation mit der (eigenen) Arbeit und dem Unternehmen. Demzufolge zielt sein Ansatz nicht darauf ab, die Beschäftigten zu besserer Leistung zu motivieren. Vielmehr geht es ihm darum, dafür zu sorgen, dass sie zufriedener und eben glücklicher mit oder in ihrem Job sind.

Arbeit positiv besetzen
Viele Coaches, kritisiert Dr. Pothmann, seien der Ansicht, dass man das „Mindset“ eines Beschäftigten nicht ändern könne – also welche Haltung er gegenüber seiner Arbeit oder auch der Führungsriege hat. „Das ist Quatsch!“, sagt er energisch. Seiner Erfahrung nach wollen die meisten Menschen ihre Arbeit positiv besetzen: „Jeder möchte doch von sich sagen können: Ich gehe gerne zur Arbeit.“
Die Mittel, um das zu erreichen? Rollenspiele, Befragungen, intensive Gespräche, Teamevents, Analysen der Unternehmensstrukturen. „Wir fragen gezielt nach: Wo geht euer Jobglück abhanden? Was fehlt euch? Was wünscht ihr euch?“ Wichtig ist Dr. Pothmann, die Beschäftigten abzuholen und mitzunehmen. „Die Haltung: Wir haben jetzt mal ein Seminar mit euch gemacht, und nun hat alles gut zu sein, die funktioniert natürlich nicht!“
Das sei kein Prozess von heute auf morgen. Zu Beginn gelte es, die Führungskräfte abzuholen. Wenn die Spitze nicht mitziehe, bringe es nichts. Die Beschäftigten müssten authentisch erleben, dass die Geschäftsführung es ernst meint damit. Und klar müsse auch sein: „Die Jobglück-Methode ist kein Wundermittel. Es wird sowohl Führungskräfte als auch Mitarbeiter geben, die wir damit nicht erreichen.“

Auch die Skeptiker berücksichtigen
Hartmut Lehnert: „Skepsis gab’s schon. Aber auch Skeptiker haben dann gemerkt: Es tut sich was. Und es hilft uns.“ Die Stimmung habe sich merklich verbessert. Lachen in der Kaffeeküche. Private Unterhaltungen. Weniger Krankenstände. Und stärkere Bindung „Wir hatten allein von 2023 bis 2024 rund 20 Kündigungen. Etwa jeder vierte Mitarbeiter. Im vergangenen Jahr waren es nur vier. Drei davon aus gesundheitlichen Gründen, und eine, der eine nicht geschaffte Prüfung zugrunde lag. Die Menschen arbeiten nun gerne hier. Und sie bleiben.“ Auch die Zahl neuer Bewerber sei deutlich gestiegen.

Selbsterkenntnis anstatt vermeintlicher Unfehlbarkeit
Das sagt auch Michael Beinhauer, Geschäftsführer des Sachverständigenbüros. Früher habe es viel Leistungsdruck und Konkurrenz gegeben. „Morgens vorm Spiegel hält man sich ja selbst für unfehlbar. Aber der ganze Prozess hat uns gezeigt, was alles nicht in Ordnung war. Da war viel Selbsterkenntnis im Spiel. Wir haben angefangen, zu hinterfragen – auch uns selbst.“ Natürlich gebe es auch heute noch kritische Gespräche, doch „früher führten die zur Eskalation, und heute sind sie konstruktiv“.
Dass dieser Prozess – rund ein halbes Jahr – so anstrengend sein würde, hätte sie nicht vermutet, sagt Karina Lehnert. Zumal ja auch Kosten damit verbunden sind. Aber sie ist zufrieden. „Man merkt das schon an Kleinigkeiten“, sagt sie. Die erste Überraschung: Eine Mitarbeiterin, die vorher stets eher kühl und verschlossen gewesen sei. „Sie wünschte mir plötzlich ein schönes Wochenende.“