Republik Moldau

Ein Wandel zwischen den Fronten

Die Republik Moldau ist klein. Im Westen grenzt sie an Rumänien, ansonsten ist sie von der Ukraine umschlossen, die sich seit viereinhalb Jahren gegen Russland verteidigt. Mit ihrem klar pro-europäischen Kurs sucht die junge Republik Anschluss an die EU und damit Investoren und mehr Sicherheit. Doch sie will auch eine Menge bieten.
Qualität? „Die beginnt im Kopf“, sagt Adrian Trofim, Generaldirektor von Castel Mimi. Das prunkvolle Weingut erinnert an ein französisches Chateau und ist eine der ersten Adressen der Republik Moldau, in der der Weinanbau eine lange Tradition hat. „Qualität kannst du nur herstellen, wenn du das auch wirklich willst – sonst geht es nicht.“
Zur Zeit der Sowjetunion – zu der Moldau damals gehörte – produzierte das geschichtsträchtige Weingut Massenware für den sowjetischen Markt. Heute, sagt Trofim, keltere Castel Mimi hochwertige Weine, die den Geschmack des westeuropäischen Markts treffen und im Wettbewerb bestehen. Als Familie Trofim sich 2010 dazu entschied, diesen neuen Weg einzuschlagen, war das zunächst ein schmerzhafter Prozess: „Es gab zwei Lager. Das eine wollte weiterhin wie gewohnt Masse produzieren, das andere Qualität. Das hat nicht funktioniert. Und von denjenigen, die den neuen Weg nicht mitgehen wollten, mussten wir uns trennen.“
2022 Antrag zur EU-Mitgliedschaft
Die Geschichte von Castel Mimi ist beispielhaft für die Transformation, die das kleine osteuropäische Land durchläuft. Rund 2,3 Millionen Menschen leben in Moldau, etwa jeder dritte davon in Chișinău. In der Hauptstadt der jungen Republik ist dieser Wandel auch optisch an vielen Stellen präsent. Zwischen alten Sowjet-Bauten wachsen neue, moderne Gebäude, und die Fahne der Europäischen Union weht an vielen Stellen der Stadt.
„Ich kenne kein Land, das letzten Endes nicht von einem EU-Beitritt profitiert hätte“, sagt Premierminister Alexandru Munteanu. Im Juni 2022 reichte die Republik Moldau ihren Antrag zur Mitgliedschaft in der EU ein. Im Oktober 2024 sprach sich eine denkbar knappe Mehrheit der Bevölkerung (50,35 Prozent) in einem Referendum dafür aus, die Verfassung des Landes zu ändern, um das Ziel des EU-Beitritts fest darin zu verankern.
„Dieser Beitritt ist wichtig für uns“, hebt Munteanu hervor. „Nicht nur aus wirtschaftlicher, sondern auch aus sicherheitspolitischer Sicht.“ Schließlich grenzt die Republik Moldau unmittelbar an die Ukraine, die sich seit Februar 2022 gegen die russische Invasion stemmt.
Angriff auf die Energieversorgung
Es ist ein Krieg, der auch Moldau nicht unberührt lässt, wie Energieminister Dorin Junghietu hervorhebt. Ende März dieses Jahres habe es einen Angriff auf eine in der Ukraine gelegene Energieversorgungsleitung gegeben, die Moldau mit Rumänien verbinde. „Dies hatte massive Auswirkungen auf unsere Energieversorgung.“
Ungarn, Rumänien, Polen und die Slowakei halfen. „Europa hat einen Energieschutzschild über uns gespannt, sonst wären hier buchstäblich die Lichter ausgegangen.“ Fünf Tage später – zwei Tage eher als zuvor prognostiziert – habe die Ukraine die Leitungen wieder repariert, doch die Sorge vor weiteren Vorfällen dieser Art blieb. „An diesem konkreten Beispiel sehen Sie, wie wichtig die Kooperation mit der EU auch auf dem Energiesektor für uns ist“, ergänzt der Minister.
Veränderungen auf vielen Ebenen
Der Transformationsprozess, den Moldau vollzieht, erstreckt sich über viele Ebenen: politisch, kulturell, wirtschaftlich, energetisch: „Früher war Moldau von russischem Gas abhängig. Zudem kam ein großer Teil unseres Stroms aus dem Kraftwerk in Transnistrien (Anm. der Redaktion: völkerrechtlich nicht anerkannte Region im Nordosten des Landes, die sich von Moldau abgespalten hat und von Russland unterstützt wird), das russisches Gas zur Stromerzeugung nutzte.“ Heute beziehe Moldau kein russisches Gas mehr und habe zudem Fortschritte beim Ausbau erneuerbarer Energien gemacht.
„Als Moldau im Jahr 2023 den EU-Beitrittskandidatenstatus erhielt, verfügten wir über weniger als 100 Megawatt installierte Leistung aus erneuerbaren Energien“, sagt Junghietu. Nur drei Jahre später liege man bei mehr als einem Gigawatt. Moldau berge daher insbesondere im Energiesektor großes Potenzial für Investoren. Gleiches gelte bei der Digitalisierung, und auch die Cybersicherheit spiele eine immer wichtigere Rolle: „Das Land muss nicht nur physisch, sondern auch digital sicher sein.“
Eine Phase des Einstiegs
Moldau verspricht sich viel vom EU-Beitritt – daran lässt Premierminister Munteanu keinen Zweifel. Doch sein Land habe auch viel zu bieten, versichert er. Deutschland habe durch die Öffnung von Binnenmärkten stets von der Integration neuer EU-Mitgliedsstaaten profitiert. Zudem stehe die Republik Moldau bereit, um nach Ende des Krieges die Ukraine zu unterstützen. „Gemeinsam mit Rumänien arbeiten wir an Infrastrukturprojekten – beispielsweise neue Brücken, Eisenbahn- und Straßenverbindungen.“
Viele erfolgreiche Investitionen, so der Premierminister, seien in einer Phase entstanden, in der Unternehmen rechtzeitig in aufstrebende Märkte eintraten. „Moldau befindet sich in einer solchen Phase. Und wir bieten gut ausgebildete Fachkräfte, wettbewerbsfähige Kostenstrukturen sowie einen klar europäischen Kurs. Moldaus Platz ist in Europa.“
Einer (Wieder)Vereinigung der Republik Moldau mit dem Nachbarn Rumänien steht Munteanu zwar offen gegenüber, wirft aber im selben Atemzug ein: „Aktuell hat diese Regierung den Auftrag, den Weg der Integration in die EU über Beitrittsverhandlungen zu verfolgen – und genau darauf konzentrieren wir uns.“
Hürden und Herausforderungen
Gleichwohl: Dieser mögliche Beitritt ist mit hohen Hürden verbunden. Das komplexe EU-Recht umzusetzen, werde eine Herkulesaufgabe für das kleine Land, räumen Regierungsvertreter ein. Zudem ist Korruption ein Problem – eines, das die Regierung nach eigenen Worten zwar verstärkt bekämpft, dessen Auswirkungen aber spürbar sind. Das berichtet unter der Hand zum Beispiel eine junge Unternehmerin aus den USA, die sich mit ihrem Mann in Moldau selbstständig gemacht hat: „Wer da nicht mitspielt, muss unter Umständen länger warten, bis lokale Behörden Freigaben für Vorhaben erteilen.“
Gleichwohl gibt es mittlerweile zahlreiche Beispiele für Unternehmen in Moldau, die erfolgreich einen ähnlichen Wandel vollzogen haben wie Castel Mimi – beispielsweise der Saft- und Babynahrungshersteller Orhei-Vit. Und auch Kooperationen mit deutschen Partnern haben zugenommen, beispielsweise im Bausektor und mit Automobilzulieferern.
Die 1991 gegründete Republik Moldau steht heute zwischen alten Strukturen und neuen Chancen, zwischen geopolitischem Druck und wirtschaftlicher Öffnung. Doch ihren Kurs hat sie klar gesetzt – und hofft nun, davon zu profitieren.
Artikel in der Juli/August-Ausgabe der Ruhr Wirtschaft lesen..