Südosteuropa strategisch denken: IHK-Konferenz zeigt neue Perspektiven für Coburger Unternehmen
Mehr als 70 Teilnehmer diskutierten in der IHK zu Coburg über Wachstum, Resilienz und neue Partnerschaften mit Rumänien, Bulgarien und Moldau
Die internationalen Rahmenbedingungen sind im Wandel: Märkte verschieben sich, Lieferketten werden fragiler und manche über Jahre gewachsenen Geschäftsbeziehungen müssen neu bewertet werden. Für den stark international ausgerichteten Coburger Wirtschaftsraum stellt sich damit eine zentrale Frage: Wie können unsere Unternehmen ihre internationale Aufstellung breiter, robuster und strategischer gestalten?
Antworten darauf lieferte die Industrie- und Handelskammer zu Coburg mit der Konferenz „Südosteuropa strategisch denken – Wachstum, Resilienz und neue Partnerschaften“, die am 11. Juni in der IHK zu Coburg stattfand. Mehr als 70 Vertreterinnen und Vertreter aus Wirtschaft, Diplomatie, Auslandshandelskammern und Institutionen kamen zusammen, um die Bedeutung Rumäniens, Bulgariens und Moldaus als Märkte, Produktionsstandorte und Partner für resilientere Wertschöpfungs- und Lieferbeziehungen zu beleuchten.
IHK-Präsident Dr. Andreas Engel machte in seiner Begrüßung deutlich, warum das Thema für die regionale Wirtschaft von besonderer Bedeutung ist. „Internationalisierung ist heute nicht mehr nur Export. Sie ist Teil unternehmerischer Resilienz“, sagte Dr. Engel. Unternehmen bräuchten Zugang zu neuen Partnern, mehr Risikostreuung, Rohstoff- und Beschaffungssicherheit sowie technologische Kooperation. Rumänien, Bulgarien und Moldau seien dabei nicht als schnelle Ersatzlösung für schwieriger werdende Märkte zu verstehen, sondern als europäischer Partnerraum, der stärker in den Blick genommen werden müsse – wirtschaftlich, strategisch und auf Augenhöhe.
Der Coburger Wirtschaftsraum ist von diesen Entwicklungen in besonderer Weise betroffen. Die Region ist industriell geprägt, mittelständisch strukturiert und international stark verflochten. Automotive, Maschinenbau, Elektrotechnik, Kunststoffverarbeitung, Logistik sowie weitere industrielle Wertschöpfungsbereiche sind auf offene Märkte, stabile Lieferketten und verlässliche internationale Beziehungen angewiesen. Nach einer Prognos-Studie im Auftrag der bayerischen Industrie- und Handelskammern liegt die Exportrelevanz im IHK-Bezirk Coburg bei 18,3 Prozent. 14.385 Erwerbstätige sind direkt oder indirekt in exportabhängigen Tätigkeiten beschäftigt.
„Diese Zahlen sind ein Erfolgsausweis für unsere Unternehmen, aber auch ein Auftrag“, betonte Dr. Engel. Wer stark international verflochten sei, müsse Internationalisierung immer wieder neu denken – mit Blick auf Chancen, Risiken und langfristige Partnerschaften. Genau an diesem Punkt setze die Konferenz an. Südosteuropa könne für Coburger Unternehmen ein wichtiger Baustein intelligenter Diversifizierung sein: nicht im Sinne pauschaler Verlagerung, sondern als gezielte Ergänzung bestehender Wertschöpfungs- und Lieferbeziehungen, so der IHK-Präsident.
Die hochkarätig besetzte Veranstaltung verband geopolitische Einordnung, diplomatische Perspektive, Marktwissen der Auslandshandelskammern und konkrete unternehmerische Erfahrungen. Zu den diplomatischen Gästen gehörten Miheia-Mălina Diculescu-Blebea, Generalkonsulin der Republik Rumänien, Stefan Ionkov, Generalkonsul der Republik Bulgarien, sowie Dr. Marina Ilușca vom Generalkonsulat der Republik Moldau. Per Videobotschaft wandte sich zudem Tobias Gotthardt MdL, Staatssekretär im Bayerischen Staatsministerium für Wirtschaft, Landesentwicklung und Energie, an die Teilnehmerinnen und Teilnehmer.
Einen geopolitischen Auftakt setzte Dr. Kai-Olaf Lang von der Stiftung Wissenschaft und Politik mit seinem Vortrag „Rumänien, Bulgarien und Moldau im geopolitischen Kräftespiel: Sicherheitslage und außenpolitische Perspektiven“. Er ordnete die drei Länder in einem Umfeld ein, das von sicherheitspolitischen Herausforderungen, europäischer Neuorientierung und wirtschaftlicher Transformation geprägt ist. Gerade für Unternehmen, die neue Märkte oder Partner prüfen, ist eine solche Einordnung entscheidend: Wirtschaftliche Chancen entstehen nicht losgelöst von politischen und institutionellen Rahmenbedingungen.
Konkrete Markt- und Standortperspektiven lieferten anschließend die Auslandshandelskammern. Sebastian Metz, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der AHK Rumänien, sprach über „Nearshoring trifft Marktpotenzial: Rumänien als Wachstumsplattform für Industrie, IT und Verteidigung“. Rumänien verbindet industrielle Substanz, Fachkräftepotenzial und wachsende Kaufkraft und bietet damit Anschlussmöglichkeiten für Unternehmen aus Branchen wie Automotive, Maschinenbau, Elektrotechnik oder Kunststoffverarbeitung.
Deniza Vrabcheva, Kommunikationsleiterin der AHK Bulgarien, beleuchtete Bulgarien als strategischen Standort für deutsche Unternehmen. Das EU-Mitgliedsland wird zunehmend nicht mehr nur als kostengünstiger Produktionsstandort wahrgenommen, sondern auch als Standort mit wachsender technologischer Leistungsfähigkeit. Für Unternehmen im Coburger Wirtschaftsraum kann Bulgarien insbesondere dort interessant sein, wo Beschaffung, Vorfertigung, Montage, Logistik und Markterschließung in Südosteuropa zusammengedacht werden.
Im Fokusdialog „Südosteuropa unplugged – Wirtschaft trifft Diplomatie“ diskutierten Vertreter der Auslandshandelskammern und Generalkonsulate über Standortentwicklung, Trends und Perspektiven. Moderiert wurde die Veranstaltung von Xaver-Christof Büttner, Vorstand der CGF CounselGroupFrankfurt AG, der die IHK bereits bei der Vorbereitung maßgeblich unterstützte. Der Austausch zeigte: Erfolgreiche Außenwirtschaft braucht belastbare Informationen, realistische Standortprüfung und persönliche Kontakte.
Besonders praxisnah wurde es im Unternehmerpanel „Südosteuropa in der Praxis“. Natalia Mogildea, CEO von SOPRIS S.R.L. aus Moldau, Maria Serbeniuc, Strategic Business Development & Partnerships bei THH S.R.L. aus Rumänien, Dr. Ute R. Gotha, Rechtsanwältin bei der Rechtsanwaltskammer Bukarest, Dr. Tobias Stricker, Director Strategic Investments bei der Gebr. Knauf KG, sowie Alessandro Sattler, Director Technical Operations der sinit kunststoffwerke gmbh & co. kg, gaben Einblicke in konkrete Erfahrungen, Chancen und Herausforderungen der Zusammenarbeit mit Südosteuropa.
Coburger Unternehmen können durch neue Partnerschaften ihre Liefer- und Wertschöpfungsbeziehungen breiter aufstellen, Risiken streuen und zusätzliche Wachstumsmöglichkeiten erschließen. Zugleich profitieren Rumänien, Bulgarien und Moldau von Investitionen, Technologietransfer, Beschäftigung, Qualifizierung, europäischer Marktanbindung und wirtschaftlicher Entwicklung. „Gute Außenwirtschaft ist keine Einbahnstraße“, sagte IHK-Präsident Engel. Sie entstehe dort, wo Unternehmen auf Augenhöhe zusammenarbeiten, aus Kontakten Beziehungen werden und aus Beziehungen belastbare Partnerschaften. Gerade deshalb sei es wichtig, wirtschaftliche Praxis, institutionelle Erfahrung, Marktkenntnis und persönliche Begegnung zusammenzubringen.
Die IHK zu Coburg versteht sich dabei als Orientierungsgeberin und Plattform für die regionale Wirtschaft. Sie kann unternehmerische Entscheidungen nicht abnehmen, aber Informationen bereitstellen, Chancen und Risiken einordnen, Kontakte herstellen und bei Fragen zu Märkten, Zoll, rechtlichen Rahmenbedingungen und außenwirtschaftlichen Themen unterstützen. Die Konferenz machte diesen Anspruch konkret: Südosteuropa wurde nicht abstrakt behandelt, sondern mit Blick auf reale Märkte, Branchen, Kooperationsmöglichkeiten und unternehmerische Entscheidungen.
Zum Ausklang der Veranstaltung stand mit „Entdecke Rumänien: Wirtschaft und Tourismus bei einem Glas guten Weins“ auch der persönliche Austausch im Mittelpunkt. Denn internationale Zusammenarbeit entsteht nicht allein durch Vorträge und Analysen, sondern vor allem durch Begegnungen, Vertrauen und Gespräche.
Dr. Andreas Engel fasste den Leitgedanken der Konferenz so zusammen: „Außenwirtschaft ist immer auch Vertrauensarbeit.“ Gerade in Zeiten veränderter Weltmärkte brauche Anpassungsfähigkeit eine Richtung – und diese Richtung entstehe nicht allein aus der Reaktion auf Krisen, sondern aus strategischem Denken. Südosteuropa könne für den Coburger Wirtschaftsraum ein Raum für Wachstum, ein Baustein für Resilienz und eine Chance für neue Partnerschaften in Europa sein.
