Neue Weltordnung erfordert Resilienz der Unternehmen

Region Bodensee-Oberschwaben / Friedrichshafen:
Mit der Welthandelspolitik und der neuen Weltordnung beschäftigten sich die Mitglieder der Vollversammlung der Industrie- und Handelskammer Bodensee-Oberschwaben schwerpunktmäßig bei ihrer Sommersitzung in Friedrichshafen.
Martin Buck, Präsident der Industrie- und Handelskammer Bodensee-Oberschwaben (IHK), sprach in seiner Begrüßungsrede zur Sommersitzung der IHK-Vollversammlung über aktuelle Wirtschaftsthemen und Entwicklungen. Mittlerweile habe die Bundesregierung ihr Reformpaket vorgelegt. Es sei endlich ein Gesamtpaket anstelle vieler Einzelmaßnahmen entstanden. „An zahlreichen Stellen sehen wir im Reformpaket auch die Handschrift der Wirtschaft“, betonte Buck und lobte unter anderem den pauschalen Wegfall von Berichtspflichten, die längere und praxisgerechtere sachgrundlose Befristung von Arbeitsverhältnissen sowie das Ziel einer achtprozentigen Personaleinsparung bei Bundesbehörden. Mit Blick auf die Arbeitskosten kritisierte Buck, dass die politischen Lösungen weiterhin zu wenig weitreichend seien: „Wir sind in vielen Bereichen einfach zu teuer geworden.“ Die einzige Chance auf eine Zukunft ohne Mangelverwaltung und Wohlstandsverlust seien Mut, Risiko- und Leistungsbereitschaft. Hierzu gehörten auch Reformen bei Renten- und Sozialsystemen, beim Kündigungsschutz oder bei Planungs- und Genehmigungsverfahren. Noch immer werde in der Politik zu sehr an Symptomen herumgedoktert, anstatt die Widersprüche zwischen verschiedenen Politikzielen aufzulösen. „Die Realitäten der neuen Welt- und Wirtschaftsordnung wurden teilweise noch nicht erkannt“, so Buck. Die Vollversammlung habe daher für ihre Sommersitzung das Schwerpunktthema „Welthandelspolitik und die neue Weltordnung“ gewählt.
Wirtschaftssicherheit und Resilienz
Melanie Vogelbach, Bereichsleiterin Internationale Wirtschaftspolitik und Außenwirtschaftsrecht bei der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK), beleuchtete in ihrem Vortrag aktuelle geopolitische Herausforderungen für die Außenwirtschaft. In einer Befragung der Deutschen Auslandshandelskammern (AHK World Business Outlook) im Frühjahr 2025 hätten 64 Prozent der antwortenden Unternehmen Handelshemmnisse und -konflikte als größte globale Herausforderung genannt, berichtete Vogelbach – im Frühjahr 2023 waren es noch 40 Prozent. „Handelskonflikte und Protektionismus nehmen zu“, so die viel gefragte Expertin. Trotz Zoll-Deal der EU mit den USA zur Abwendung einer weiteren Eskalation sei keine Stabilität eingetreten, die Unsicherheit sei unverändert hoch. Neben teils temporären Zöllen gebe es fast täglich Drohungen, viele Dinge liefen noch. „Die Situation bleibt unbefriedigend“, so Vogelbach. Auch der Druck durch China, das seinen Anteil am weltweiten Handelswaren-Export von 4,3 Prozent im Jahr 2001 auf 15,8 Prozent im Jahr 2025 steigern konnte, nehme stetig zu. Hinzu komme, dass zahlreiche Verstöße gegen Spielregeln der Welthandelsorganisation das regelbasierte Handelssystem unter Druck setzen. „Wir müssen gemeinsam dafür kämpfen, dass dieses erhalten bleibt.“ Mit Blick auf die Rohstoffabhängigkeiten Europas sagte die Außenwirtschaftsexpertin, Europa habe erkannt, „dass wir uns anders aufstellen müssen“. Durch die Krise im Nahen Osten seien zudem Schifffahrt und Transporte eingeschränkt, Lieferketten seien unterbrochen. Die Rohstoffversorgung sei entscheidend für die Wettbewerbs- und Zukunftsfähigkeit der Wirtschaft und damit eine Frage der Resilienz.
Melanie Vogelbach verwies auf die 2023 beschlossene Europäische Strategie zur Wirtschaftssicherheit, die darauf abziele, die Resilienz der EU-Wirtschaft zu stärken, Abhängigkeiten zu reduzieren und kritische Technologien sowie Infrastrukturen zu schützen. Die Strategie verfolge die drei zentralen Leitprinzipien „Protect“ – Industriebasis schützen, „Promote“ – Wettbewerbsfähigkeit stärken, und „Partner“ – für mehr Handel, mehr Resilienz. In den vergangenen Monaten seien gute Partnerschaften entstanden, weitere Abkommen seien in Planung. „Europa ist gefordert“, sagte Vogelbach abschließend. Der Internationale Währungsfonds habe festgestellt, dass die bestehenden Handelshemmnisse im Binnenmarkt der EU den Effekt haben, als würden die Mitgliedstaaten Warenzölle in Höhe von 44 Prozent erheben.
Aus der unternehmerischen Praxis
Aus der unternehmerischen Praxis berichtete Michael Stipa, Leiter Strategie, Geschäftsentwicklung und Produktmanagement Stationäre Erzeugung bei der Rolls-Royce Power Systems AG, Friedrichshafen. Die Weltwirtschaftslage stelle Unternehmen vor multiple Herausforderungen, bestätigte er die Ausführungen Vogelbachs. Als mögliche Lösungsansätze nannte er mit Blick auf die aktuelle US-Regierung die Aufnahme von Tarifauswirkungen in Verträgen zur Preisdurchsetzung beim Kunden. Wichtig sei es auch, sich als lokaler Player zu positionieren. Zur Absicherung von Risiken setze das Friedrichshafener Unternehmen auf mittel- und langfristige Lieferverträge und habe konsequent Preisgleitklauseln, beispielsweise für Kupfer oder Energie, in den Verträgen eingeführt. Diese vertragliche Regelung ermögliche es, Preise während der Vertragslaufzeit an objektive Kriterien anzupassen, um wirtschaftliche Schwankungen auszugleichen. Wichtig sei auch die Reduzierung einseitiger wirtschaftlicher Abhängigkeiten. „Es gibt aktuell richtig gute Wachstumsfelder in unserem Industrieumfeld“, gab Stipa abschließend zu bedenken. Er verwies auf Megatrends wie Rechenzentren, Resilienz der geschäftskritischen Infrastruktur, Verteidigung oder auch die Energiewende mit ihren Trends neben dem Ausbau Erneuerbarer Energien, wie beispielsweise steuerbare Erzeugung und Speicher.
Beschlussfassungen
Auch Beschlussfassungen standen auf der Tagesordnung der Vollversammlung: Die Vollversammlungsmitglieder erteilten unter anderem einstimmig ihre Zustimmung für das DIHK-Positionspapier „Erbschaftssteuer: Verschonung des Betriebsvermögens als Basis für Wachstum, Beschäftigung und Erhalt von Arbeitsplätzen“. Das Positionspapier dient als weitere Grundlage für die politische Arbeit der IHK Bodensee-Oberschwaben.
Personelle Veränderungen
Elio Schneider, Geschäftsführer des Waldburg-Zeil-Klinikverbunds, geht in den Ruhestand und scheidet damit aus dem DIHK-Ausschuss Gesundheitswirtschaft aus. Zum 1. September folgt auf ihn Dr. Quirin Schott, der bisherige kaufmännische Leiter des Klinikverbunds.
Aktuelles aus der IHK-Arbeit
Seit 2022 engagiert sich Vollversammlungs-Mitglied Roland Futterer als Vertreter der IHK Bodensee-Oberschwaben im Stiftungsrat der Stiftung Oberschwaben. In der Sommersitzung stellte er die Stiftung und deren Aktivitäten vor. Die Stiftung habe es sich zur Aufgabe gemacht, Oberschwaben als Kultur-, Geschichts- und politische Landschaft zu begreifen, so Futterer. Unter Oberschwaben werde die historische Landschaft zwischen Schwäbischer Alb und Bodensee, zwischen Lech und Schwarzwald verstanden. Die Stiftung Oberschwaben fördere wissenschaftliche Forschungen über die Geschichte und Kultur Oberschwabens und die Vermittlung dieser Erkenntnisse in Publikationen, Veranstaltungen und Ausstellungen. Futterer verwies unter anderem auf zahlreiche Aktivitäten im Erinnerungsjahr „500 Jahre Bauernkrieg“.
Medieninformation Nr. 74