Digitalokratie bedroht Demokratie und Wirtschaft
Region Bodensee-Oberschwaben / Friedrichshafen:
Die aus Sicht des Medienwissenschaftlers Professor Dr. Martin Andree drohenden Gefahren einer Digitalokratie waren Thema der Veranstaltung „Wirtschaftsimpulse Bodensee 2026 – Ideen. Menschen. Zukunft“, zu der die Industrie- und Handelskammer Bodensee-Oberschwaben (IHK) und die Handwerkskammer Ulm gemeinsam an die Zeppelin-Universität in Friedrichshafen eingeladen hatten.
Die Veranstaltungsreihe „Wirtschaftsimpulse“ sei – mit neuem Namen – eine Fortführung der vor 47 Jahren gestarteten Langenargener Wirtschaftsgespräche, die sich über Jahrzehnte hinweg als wichtige Impulsgeber etabliert hätten, sagte IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Sönke Voss in seiner Begrüßung. Information und Austausch zu aktuellen Wirtschaftsthemen seien gerade auch in der wirtschaftsstarken Region Bodensee-Oberschwaben von großer Bedeutung. Die Wirtschaft spiele in vielen Bereichen eine zentrale Rolle – von der Gesamtverteidigung bis hin zum digitalen Marktgeschehen, so Voss. Mit Professor Dr. Martin Andree habe man einen renommierten Experten als Referenten gewinnen können, der ein kontrovers diskutiertes Thema beleuchte. Andree unterrichtet Medienwissenschaft an der Universität zu Köln, wo er 2018 im Fach Medienwissenschaften habilitierte. Er ist ein international gefragter Experte, Interviewpartner und Gastautor in führenden Medien und bekannt durch seine Veröffentlichungen. Für seinen Beststeller „Big Tech muss weg!“ erhielt er 2024 den Günter Wallraff Sonderpreis für Pressefreiheit und Menschenrechte.
Sprachen bei der Veranstaltung „Wirtschaftsimpulse Bodensee“ an der Zeppelin-Universität in Friedrichshafen über das Thema „Krieg der digitalen Medien“ (von links): Dr. Tobias Mehlich (Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Ulm), Medienwissenschaftler und Referent Professor Dr. Martin Andree, Michael Bucher (Vizepräsident der Handwerkskammer Ulm) und Dr. Sönke Voss (Hauptgeschäftsführer der IHK Bodensee-Oberschwaben).
Digitale Medien prägen den Alltag – und zunehmend auch die wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen. „Wir können den immer härteren und schrilleren Krieg um Macht und Vorherrschaft in den digitalen Medien täglich beobachten“, sagte Andree. Der Wettbewerb um Aufmerksamkeit, Einfluss und Deutungshoheit werde immer lauter, aggressiver und unübersichtlicher. Der Medienexperte zeigte auf, wie eine Koalition aus „Darktech, Trump-Regierung und Rechtspopulisten“ offen nach autokratischer Macht greife und über digitale Monopole zunehmend die Öffentlichkeit kontrolliere. Damit, so Andree, entziehe sie die Grundlage der Demokratien. „Das freie Internet wurde abgeschafft. Digitale Monopole bringen immer größere Teile unserer Lebenswelt unter ihre Kontrolle.“ Die Plattformen würden zunehmend auch die politische Meinungsbildung dominieren und zugleich unsere freie Marktwirtschaft abschaffen, warnte er. Demokratie und Wirtschaft würden durch dieselben Mechanismen zerstört. „Es geht nur um Geld“, sagte Andree und fragte: „Warum gibt es bei uns nicht längst die große marktliberale Bewegung?“ Es wäre wünschenswert, wenn unterschiedliche Akteure – Konzerne, Unternehmen und Medien, Politik, Kirchen, Blogger, Kreativschaffende und viele andere – gegen die drohende Digitalokratie zusammenarbeiten würden. Noch könne man etwas verändern, in fünf bis zehn Jahren nicht mehr.
Aus Sicht des Medienexperten wäre es leicht, das Internet zu befreien. Als mögliche Lösungsvorschläge nannte er Freiheit für Outlink-Gestaltung, offene Standards für Plattform Content, wirtschaftliche Trennung von Übertragungsweg und Inhalt, eine Obergrenze von 30 Prozent Marktanteil auch für digitale Medien sowie ein Verbot der Monetarisierung strafbarer Inhalte. „Unser digitales Leben befindet sich in der Hand weniger“, warnte Andree. Es sei Zeit, die Ärmel hochzukrempeln, zu agieren und etwas zu tun. Social Media solle eine funktionierende Kraft in der Demokratie sein, nicht deren Totengräber, betonte er.
In der anschließenden Frage- und Diskussionsrunde wurde deutlich, welch hohen Stellenwert das Thema digitale Medienwirtschaft hat und welche Erwartungen, Hoffnungen, aber auch Verunsicherungen und Ängste damit verbunden sind.
Veranstaltungen wie die „Wirtschaftsimpulse“ mit Information und Austausch seien wichtig, sagte Michael Bucher, Vizepräsident der Handwerkskammer Ulm in seinem Schlusswort. Er dankte dem Referenten für die geballten Informationen, für die vorgeschlagenen Lösungsansätze und die sehr gute Diskussion mit den interessierten Veranstaltungsteilnehmern.
Medieninformation Nr. 38/2026
