Cyberkriminelle werden professioneller
Region Bodensee-Oberschwaben / Weingarten:
Cyberangriffe gehören längst zu den größten Geschäftsrisiken für Unternehmen. Wie sich Betriebe wirksam gegen die wachsenden Bedrohungen schützen können und warum technische Maßnahmen allein nicht ausreichen, stand Anfang Juli im Mittelpunkt des IT-Sicherheitskongresses der Industrie- und Handelskammer Bodensee-Oberschwaben (IHK) in Weingarten.
Rund 100 Unternehmer, IT-Verantwortliche, Sicherheitsbeauftragte und Experten der Polizei informierten sich beim IT-Sicherheitskongress über aktuelle Bedrohungslagen, menschliche Risikofaktoren und konkrete Schutzmaßnahmen. „Cyberkriminalität entwickelt sich mit hoher Geschwindigkeit weiter. Unternehmen jeder Größe geraten zunehmend ins Visier professionell organisierter Täter. Umso wichtiger ist es, Risiken frühzeitig zu erkennen und die eigene Cyberresilienz kontinuierlich auszubauen“, betonte Melanie Riether, Referentin für Innovation und Technologie der IHK Bodensee-Oberschwaben, bei der Veranstaltungseröffnung.
Cybercrime verursacht Milliardenschäden
Bereits im ersten Fachvortrag von Martin Kiebler, Kriminaloberrat des Polizeipräsidiums Ravensburg, wurde deutlich, wie ernst die Lage inzwischen ist. Aktuelle Zahlen des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) zeigen, dass die Bedrohungslage in Deutschland weiterhin angespannt ist. Ransomware-Angriffe nahmen im vergangenen Jahr erneut um rund 10 Prozent zu. Der durch Cyberangriffe verursachte wirtschaftliche Schaden beläuft sich inzwischen auf rund 202 Milliarden Euro jährlich.
Auch die regionale Entwicklung gibt Anlass zur Sorge. Im Raum Ravensburg verzeichneten die Sicherheitsbehörden einen deutlichen Anstieg verschiedener Betrugsformen. Phishing-Angriffe nahmen gegenüber dem Vorjahr um 53 Prozent zu. Besonders stark stieg die Zahl sogenannter Call-ID-Spoofing-Angriffe (plus 66 Prozent), bei denen Kriminelle gefälschte Telefonnummern verwenden, um Vertrauen zu schaffen. Beim sogenannten CEO-Fraud – einer Betrugsmasche, bei der sich Täter als Geschäftsführer oder leitende Angestellte ausgeben und Mitarbeitende zu Überweisungen bewegen – wurde sogar ein Anstieg von 205 Prozent registriert.
Zunehmend verbreitet ist außerdem der digitale Anlagebetrug. Mit vermeintlich lukrativen Investitionsangeboten und unrealistischen Renditeversprechen täuschen Kriminelle ihre Opfer. Die Fallzahlen stiegen in der Region um 111 Prozent, der entstandene Schaden belief sich auf rund 8,6 Millionen Euro.
Wenn ein Unternehmen plötzlich stillsteht
Mit der eindringlichen Frage „Was passiert, wenn Sie morgens feststellen, dass Ihr gesamtes Unternehmen stillsteht?“ eröffnete Andreas Rüpschl, Ravensburg Consulting Group, seinen Vortrag: Ein Szenario, das inzwischen viele Unternehmen tatsächlich erleben. Produktionsanlagen stehen still, E-Mail-Systeme funktionieren nicht mehr und wichtige Unternehmensdaten sind verschlüsselt. Die Botschaft des Vortrags war eindeutig: Cyberangriffe sind längst kein Randthema der IT-Abteilung mehr, sondern ein unternehmerisches Risiko mit unmittelbaren Auswirkungen auf Produktion, Vertrieb, Kundenbeziehungen und Reputation. Rüpschl machte deutlich, dass klassische Schutzmaßnahmen allein heute häufig nicht mehr ausreichen. Dringend erforderlich seien konsequente Sicherheitsprozesse, regelmäßige Mitarbeiterschulungen, funktionierende Notfallpläne und eine Sicherheitskultur, die im gesamten Unternehmen gelebt werde.
Bekannte Risiken werden häufig unterschätzt
René Karcher, Geschäftsführer der SECURITYSQUAD GmbH, widmete sich einer oft unterschätzten Dimension der Cybersicherheit: dem menschlichen Entscheidungsverhalten. Obwohl Risiken bekannt seien, würden sie im Unternehmensalltag häufig verdrängt oder aufgeschoben. Psychologische Effekte wie der sogenannte Optimismus-Bias („Uns wird das schon nicht passieren“), Gewöhnungseffekte oder wirtschaftlicher Zeitdruck führten dazu, dass notwendige Investitionen in die IT-Sicherheit verschoben würden. Cyberrisiken, die unsichtbar, schleichend und gesichtslos vonstattengehen, würden häufig noch isoliert als IT-Thema betrachtet. Tatsächlich seien sie jedoch ein strategisches Unternehmensrisiko und müssten ebenso systematisch bewertet, dokumentiert und gesteuert werden.
Live-Hacking macht Schwachstellen sichtbar
Besonders anschaulich wurde der Kongress beim abschließenden Live-Hacking durch die Dibits UG. Paul Spieß und Leon Baumann, die Geschäftsführer der DIBITS UG, demonstrierten anhand eines realitätsnahen Beispiels, wie Angreifer über eine einzelne Schwachstelle Zugriff auf Unternehmenssysteme erhalten können. Schritt für Schritt wurde sichtbar, wie sich aus einer kleinen Sicherheitslücke innerhalb kurzer Zeit weitreichende Zugriffsrechte entwickeln können.
Cybersicherheit als Gemeinschaftsaufgabe
Der IT-Sicherheitskongress machte deutlich, dass Cyberresilienz heute weit mehr bedeutet als Firewalls oder Antivirenprogramme. Erfolgreiche Informationssicherheit entsteht aus dem Zusammenspiel von Technik, Organisation und sensibilisierten Mitarbeitenden. „Cybersicherheit ist kein Projekt mit einem Enddatum, sondern ein kontinuierlicher Prozess. Wer heute in Prävention investiert, schützt morgen die Handlungsfähigkeit seines Unternehmens“, lautete das gemeinsame Fazit der Referierenden.
Rund 100 Unternehmer, IT-Verantwortliche, Sicherheitsbeauftragte und Experten der Polizei informierten sich beim IT-Sicherheitskongress der IHK Bodensee-Oberschwaben über aktuelle Bedrohungslagen, menschliche Risikofaktoren und konkrete Schutzmaßnahmen.
Medieninformation Nr. 68/2026
