Titel - Ausgabe 06|2022

Unternehmen vor historischer Transformation

Klimaziele und die Folgen des Krieges in der Ukraine zwingen Wirtschaft zu konsequentem Umdenken und Dekarbonisierung
Wie unter einem Brennglas zeigt sich angesichts des Ukraine-Krieges und der Diskussion um Energie aus Russland, wie bedeutsam der Wandel der Wirtschaft hin zu mehr Unabhängigkeit und Nachhaltigkeit ist,

sagt IHK-Präsident Dr. Michael Waasner.

„Die dramatischen Entwicklungen der vergangenen Monate zwingen die Unternehmen auch in Oberfranken zu einem konsequenten Umdenken und schnellen Umbau.“

Historische Tragweite

Dekarbonisierung lautet das Stichwort, also die Reduzierung von Kohlendioxidemissionen durch den Einsatz nicht fossiler Energiequellen, wodurch ein geringerer Ausstoß von Treibhausgasen in die Atmosphäre erreicht wird. „Die gesetzlich verankerte Erreichung der Treibhausgasneutralität bis 2045 erfordert einen fundamentalen Umbau unseres Energiesystems, unserer internationalen Energieversorgung, unseres Gebäude- und Fahrzeugbestands, unserer Infrastruktur sowie großer Teile unserer produzierenden Wirtschaft. Dieser Umbau muss innerhalb von nur 24 Jahren geschehen, also einer einzigen Anlagengeneration. Das ist ein nationales Transformationsprojekt von historischer Tragweite“, erklärt Frank Lechner, Leiter des Referats Umwelt und Energie bei der IHK für Oberfranken Bayreuth.

Zum ökologischen kommt der ökonomische Druck

Der Druck auf diese Transformation wird zusätzlich potenziert durch die aktuelle Krisenlage. Erst die Pandemie, dann die in Folge des Krieges in der Ukraine enormen Preissteigerungen bei Energie und die Sorgen um die Versorgungssicherheit: zum ökologischen Druck kommt der ökonomische dazu.
 
Unternehmen haben Handlungsbedarf, nicht nur wegen der Erwartungen von Konsumentinnen und Konsumenten sowie der Öffentlichkeit, sondern aus handfestem eigenem Interesse. Die Herausforderungen betreffen vor allem, aber nicht nur Unternehmen in den energieintensiven Industrien wie Glas oder Chemie. „Tatsächlich ist jedes Unternehmen und jede Branche betroffen und muss sich auf die Herausforderungen einstellen – und das sofort“, so der IHK-Präsident, der zugleich einen Appell an die Politik schickt, die Unternehmen beim Wandel bestmöglich zu unterstützen, etwa durch weiteren Abbau von Bürokratie beim Umstieg auf erneuerbare Energien.

Versorgungssicherheit hat viele Einflussfaktoren

„Insgesamt tragen zur Versorgungssicherheit viele Faktoren bei: der Netzausbau über alle Netzebenen, Verbrauchssteuerung, Digitalisierung und Speicher“, erläutert Dr. Waasner. „Auch hier muss die Politik nun schnell reagieren und Lösungen anstoßen, die ja auch – etwa beim Netzausbau – eine gewisse Zeit in der Umsetzung benötigen und der Wirtschaft nicht morgen, sondern erst übermorgen weiterhelfen.“
 
Viele Unternehmen haben natürlich erkannt, dass sie ihr Handeln auf mehr Nachhaltigkeit ausrichten müssen, und versuchen bereits Energie zu sparen oder stellen ihre Produktion um, so Lechner. „Einige sind schon weit gekommen, für andere ist es schwieriger, einen Hebel zu finden.“ Die Herausforderungen betreffen viele Bereiche, wie Lechner betont. Unterstützung bieten in dem Prozess auch die Fachbereiche der IHK und der Austausch mit anderen Unternehmen (siehe dazu auch die Unternehmerstimmen).


Berufliche Bildung und Weiterbildung: Der gesamte Umsetzungsprozess wird von einem höheren Bedarf an Fach- und Arbeitskräften begleitet werden. Bisher bremst ein enormer Fachkräftemangel den notwendigen Ausbau erneuerbarer Energien und die Umsetzung von Energieeffizienzmaßnahmen aus. Zudem werden voraussichtlich Regionen mit geringen Stromgestehungskosten für erneuerbare Energien (Norddeutschland) profitieren. Berufe in den fossilen Branchen nebst Lieferketten unterliegen einem stärkeren Arbeitsplatzumschlag. Und in Zeiten knapper Fachkräfte in vielen Berufen ist nachhaltiges Wirtschaften für Unternehmen ein Wettbewerbsvorteil, auf den viele Bewerberinnen und Bewerber bei der Wahl des Arbeitsgebers schauen.
 
Standort: Der Ausbau erneuerbarer Energien und die Entwicklung einer Wasserstoffwirtschaft werden zukünftig einen Standortvorteil für die Industrie darstellen. Der Infrastrukturaufbau wird das Landschaftsbild in Oberfranken verändern. Zielkonflikte zum Beispiel zwischen dem Netzausbau und Ausbau erneuerbarer Energien vs. dem Tourismus können sich verschärfen. In der Wasserstoffwirtschaft droht Oberfranken abgehängt zu werden, da ein Anschluss an das Wasserstofffernleitungsnetz nach derzeitigen Planungen nicht vor 2050 erfolgen wird.
 
International: Lieferbeziehungen ändern sich; transatlantische und internationale Allianzen zum Klimaschutz werden gegründet und gefestigt (Klimaclub). Klimapartnerschaften mit den Ländern des globalen Südens werden gestartet oder gestärkt.
 
Recht: ESG – „environmental, social and corporate governance“ – zeigt, dass das Thema nicht nur die Umwelt, sondern auch Soziales und Unternehmensführung umfasst. Themen wie das Lieferkettengesetz betreffen viele Unternehmen (siehe Ratgeber, Seite 17).
 
Innovation/Umwelt: Teilweise sind notwendige Technologien noch gar nicht entwickelt, Erdgas hat aufgrund der aktuellen Entwicklung seine Funktion als Brückentechnologie verloren. Es ergibt sich ein enormer FuE-Bedarf und dadurch die Chance zur Technologieführerschaft und zum Schaffen neuer Standards.
„Die Frage ist künftig, wer ist schnell, wer ist vorne. Für alle die agil sind, ist genug Platz da“,

betont Dr. Michael Waasner.

Kontakt

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