Konjunktur
Konjunktur in Nord Westfalen im Herbst 2026 – Erholung auf unsicherem Fundament
IHK-Wirtschaftsklima
Im Herbst 2026 hat sich die Konjunktur in Nord-Westfalen nach Jahren der Stagnation zuletzt stabilisiert. Es zeigt sich eine leichte Erholung. Die Lage hat sich in Teilen der Wirtschaft gebessert. Die konjunkturellen Aussichten sind weniger trüb als noch im Frühjahr dieses Jahres.
In der Gesamtschau legt der IHK-Konjunkturklimaindikator leicht zu von 92 Punkten im Frühjahr auf den aktuellen Stand von knapp 98 Punkten. Damit bewegt sich der Indikator nach wie vor im Durchschnitt der letzten vier Krisenjahre. Alle zentralen Indikatoren zeigen eine leichte Besserungstendenz, bleiben aber per Saldo im negativen Bereich.
Dabei sind hohe Standortkosten ein gewichtiger Faktor. Die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen sorgen nach wie vor für große Unsicherheit bei den Unternehmen. Bürokratielasten, geopolitischen Spannungen, und die Nachfrageschwäche bremsen das Geschäft und die Investitionsbereitschaft. Am Arbeitsmarkt ist aktuell kaum mit einer stärkeren Belebung zu rechnen. Bei den Großbetrieben ist die Einstellungsbereitschaft besonders gering.
Die Erholung steht auf schwachem Fundament: Die privaten (unternehmerischen) Investitionen in Deutschland lagen im Jahr 2025 noch um fast 100 Milliarden Euro (gut zehn Prozent) unter dem Vor-Corona-Niveau im Jahr 2019. Die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie lässt nach. Seit Jahren verlieren wir Industrie-Arbeitsplätze, bundesweit und auch in Nord-Westfalen. Die Zahl der Unternehmensinsolvenzen steigt kontinuierlich und befindet sich aktuell auf einem Zehn-Jahres-Hoch.
Die aktuelle Entwicklung kann aufgrund der vielfältigen Herausforderungen der Wirtschaft noch nicht als nachhaltige Verbesserung bewertet werden. Die derzeitigen positiven Konjunktursignale sind lediglich ein erster Hoffnungsschimmer. Ein sich selbst tragender Aufschwung zeichnet sich nicht ab. Die sich in Prognosen andeutende Aufhellung der Konjunktur spiegelt sich in den Umfrageergebnissen nur teilweise wider.
Aktuelle Geschäftslage
Die Stimmung in den nord-westfälischen Unternehmen ist nach wie vor nicht gut. Die repräsentativen Umfrageergebnisse zeigen lediglich bei den Geschäftserwartungen eine leichte Verbesserung. Die aktuelle Geschäftslage wird hingegen noch nicht positiver bewertet. Die Lageeinschätzung ist ähnlich verhalten wie in den letzten Jahren und liegt von dem früheren Niveau vor der Corona-Pandemie weit entfernt. Die Belastungen für die Unternehmen sind weiterhin hoch und dämpfen die Wachstumskräfte.
Besonders angespannt bleibt die Lage im Handel und in der Industrie. Angesichts hoher Energiekosten und der Nachfrageschwäche sind hier positive Lageurteile klar in der Minderheit. Dienstleistungsbetriebe hingegen, die insgesamt weniger stark von diesen Belastungen betroffen sind, bewerten die Geschäftslage deutlich positiver. Nur 16 Prozent berichten von schlechten Geschäften.
Aussichten und Risiken
Die Geschäftsaussichten haben sich etwas aufgehellt. In allen Wirtschaftsbereichen ist der Anteil der eher pessimistisch gestimmten Unternehmen klar zurückgegangen seit dem Frühjahr. Nur noch jeder Fünfte geht von einer Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage aus (20 Prozent, Frühjahr 2026: 29 Prozent). Doch angesichts der weiterhin bestehenden Herausforderungen, insbesondere der hohen Energiepreise und der schwachen privaten Nachfrage, kommt Optimismus nur bei einer Minderheit auf: 18 Prozent erwarten eine bessere Geschäftslage in den nächsten Monaten (Frühjahr 2026: 15 Prozent).
Die wirtschaftlichen Folgen der verschiedenen Krisen und die weiterhin schwierigen Standortbedingungen hinterlassen ihre Spuren. 2022 war es zur Energiekrise gekommen: Der russische Angriff auf die Ukraine führte zu sehr hohen und volatilen Energiepreisen. Staatliche Entlastungsmaßnahmen federten nur einen Teil davon ab. Nach einer Entspannung auf hohem Niveau kam es durch den Nahost-Konflikt in diesem Jahr erneut zu Energiepreissteigerungen.
Auch die Lieferketten sind unter Druck geraten, was wiederum Engpässe nach sich gezogen hat. Höhere Energiepreise treiben darüber hinaus die allgemeine Inflation, was zu sinkenden Realeinkommen führen und sich letztendlich in schwächerem Konsum niederschlagen kann.
Diese hohen Belastungen spiegeln sich in den Umfrageergebnissen. Die Energie- und Rohstoffpreise stehen unverändert an erster Stelle der genannten Konjunkturrisiken, rund zwei Drittel der Betriebe sind davon betroffen, in der Industrie sogar fast 80 Prozent. Hinzu kommen die hohen Arbeitskosten, die ebenfalls negativ zu Buche schlagen. Im Handel kommt das Geschäft angesichts der Konsumzurückhaltung der Verbraucher (Konjunkturrisiko Inlandsnachfrage 73 Prozent der Nennungen) nicht in Schwung.
Export
Trotz einer Vielzahl von Schocks hat sich das Weltwirtschaftswachstum besser entwickelt als es erwartet worden ist (OECD-Prognose: 2,9 Prozent für 2025). Im Zuge dessen sind die deutschen Exporte in diesem Jahr wieder gestiegen, zumindest innerhalb Europas. Gleichwohl belasten geopolitische Spannungen und Handelshemmnisse das Geschäft mit China und den USA.
Der Exportsaldo bessert sich, liegt aber weiter im negativen Bereich (von minus 14 auf minus fünf). Der Wert entspricht dem langjährigen Durchschnitt. Doch mit einer stärkeren Expansion rechnet die Exportwirtschaft offenbar nicht. Die Mehrheit der Unternehmen geht vielmehr von Stagnation aus (64 Prozent gleichbleibende Exportentwicklung).
Investitionen
Die nach wie vor ungelösten Strukturprobleme des Wirtschaftsstandorts und die Unsicherheit bei den politischen Rahmbedingungen belasten die Stimmung. Kosten- und Bürokratiebelastungen senden negative Signale. Vor diesem Hintergrund wird die Investitionszurückhaltung nicht aufgegeben. 22 Prozent der Unternehmen wollen das Investitionsbudget aufstocken, 26 Prozent planen mit geringeren Ausgaben. Die größeren Unternehmen mit mehr als 500 Beschäftigten zeigen sich investitionsfreudiger als der Durchschnitt der Unternehmen: Hier planen 29 Prozent höhere Ausgaben, nur sieben Prozent Einschränkungen.
Insgesamt zeigt dieser wichtige Indikator wenig Bewegung und keine nennenswerten Fortschritte. Schon seit Jahren verläuft die Kurve des Investitionssaldos seitwärts. Der langjährige Durchschnitt liegt bei plus 2,9, der aktuelle Wert bei minus 4,3 Punkten.
Im Fokus: Arbeitsmarkt und Beschäftigung, Einsatz von KI
Der längere Wirtschaftsabschwung hat die Arbeitsmarktentwicklung gedämpft. Im September 2026 lag die Zahl der Arbeitslosen in Nord-Westfalen bei knapp 104.000 und damit so hoch wie zuletzt während der Corona-Pandemie im Jahr 2020. Im Jahresdurchschnitt rechnet das Institut für Arbeitsmarktforschung (IAB) für 2026 mit konstanten Arbeitslosenzahlen. Und auch für das nächste Jahr ist noch keine Besserung in Sicht.
Die Beschäftigung hält sich dagegen deutlich robuster. Wegen Arbeitskräfteknappheit halten die Betriebe im Münsterland und in der Emscher-Lippe-Region an ihren Beschäftigten trotz der anhaltenden konjunkturellen Schwächephasen nach Möglichkeit fest. Doch die regelmäßig kräftigen Zuwächse des vorigen Jahrzehnts gehören wohl der Vergangenheit an. Insgesamt lag die Zahl der Beschäftigten in Nord-Westfalen bei 1,014 Millionen im Jahresdurchschnitt 2025, mit einem kleinen Plus gegenüber dem Vorjahr. Mit einer raschen Belebung ist kaum zu rechnen: Auch in diesem und im nächsten Jahr dürfte es Beschäftigungszuwächse vor allem noch im Bereich der öffentlichen Dienstleistungen geben.
Unter starkem Anpassungsdruck steht die Industrie. In diesem Sektor hat Nord-Westfalen in den letzten Jahren (seit 2019) 10.000 Arbeitsplätze verloren, betroffen sind vor allem die Branchen Herstellung von Metallerzeugnissen und Herstellung von Kraftwagen. Ein Ende der Entwicklung ist noch nicht absehbar (siehe Prognose des IAB).
Diese Befunde aus der aktuellen Statistik bzw. Arbeitsmarktforschung finden sich in den Umfrageergebnissen bestätigt. Mehrheitlich wollen die Betriebe den Personalstand stabil halten (63 Prozent der Nennungen). Expansive Planungen haben 15 Prozent, gut ein Fünftel der Befragten rechnet mit Personalabbau (Saldo: minus sieben Punkte), bei den größeren Betrieben mit mehr als 500 Beschäftigten sind es sogar 41 Prozent.
Der Fachkräftemangel als gewichtige Wachstumsbremse ist zwar gegenüber früheren Jahren kleiner geworden, bleibt aber bei vielen Firmen auf der Agenda: 43 der Befragten berichten von Fachkräftemangel als Konjunkturrisiko und 44 Prozent können offene Stellen nicht besetzen. Der demografische Wandel dürfte auch perspektivisch zu Engpässen führen.
Wenn Unternehmen zusätzliche Fachkräfte suchen, dann überwiegend mit dualer Berufsausbildung (55 Prozent, 66 Prozent im Handel), gefolgt von Zusatzqualifikationen (Fachwirte, Meister: 48 Prozent, Industrie 64 Prozent). Hochschulabsolventen stehen bei den Dienstleistern auf der Skala ganz weit vorn (55 Prozent).
Arbeitsmarktpolitische Maßnahmen könnten den Unternehmen helfen, Personal besser einzusetzen oder neu einzustellen: Die Ergebnisse der Umfrage zeigen, dass die Betriebe vor allem mehr Flexibilität und eine Entlastung bei den Arbeitskosten fordern. Mit 60 Prozent spricht sich die Mehrheit der Unternehmen für eine Senkung der Sozialversicherungsbeiträge aus. Mehr als jedes zweite Unternehmen (57 Prozent) wünscht sich zudem eine Flexibilisierung des Kündigungsschutzes sowie weniger gesetzliche Vorgaben bei den Arbeitszeiten (53 Prozent der Befragten, mit jeweils höheren Anteilen in der Industrie).
Als weitere Maßnahmen folgen: eine Ausweitung der Möglichkeiten befristeter Beschäftigung (33 Prozent), eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie (29 Prozent), Verbesserung der Anreize zur Arbeitsaufnahme (23 Prozent).
Für ein Drittel der Unternehmen ist geringfügige Beschäftigung (sehr) wichtig – sie setzen Minijobber vor allem aus den folgenden Gründen ein: hohe Flexibilität, Ausgleich von schwankender Auslastung und Saisonspitzen, Weiterbeschäftigung von Rentnern und damit Sicherung von Knowhow, Entlastung des Stammpersonals (Freitextantworten).
Für die Hälfte der Betriebe in Nord-Westfalen ist geringfügige Beschäftigung dagegen eher unwichtig, für 18 Prozent gar nicht wichtig beziehungsweise es werden keine Minijobber beschäftigt.
Nach der offiziellen Statistik der Bundesagentur für Arbeit ist die Zahl der geringfügig Beschäftigten rückläufig. Nach Berechnungen des IAB hat sich die Entwicklung in dieser Beschäftigungsform zuletzt beschleunigt, und es wird keine Trendänderung erwartet. In Nord-Westfalen waren zur Jahresmitte 2025 (aktuelle Zahl) rund 278.000 geringfügig Beschäftigte registriert, darunter 161.000 ausschließlich geringfügig Beschäftigte und 117.000 im Nebenjob.
Die Zahl ausschließlich geringfügig Beschäftigten geht seit ihrem Höchststand im Jahr 2013 mit 202.000 mehr oder weniger kontinuierlich zurück, während die Nebenjobber zulegen.
Die Nutzung von Künstlicher Intelligenz (KI) hat sich zuletzt sehr dynamisch entwickelt. Die amtliche Statistik des Statistischen Bundesamts (Destatis) zeigt, dass 2025 bereits 26 Prozent der Unternehmen mit mindestens 10 Beschäftigten KI-Technologien einsetzen. 2023 lag dieser Anteil noch bei rund 12 Prozent. Damit hat sich die Verbreitung innerhalb von zwei Jahren mehr als verdoppelt. Besonders ausgeprägt ist der Einsatz in großen Unternehmen (57 Prozent der Unternehmen ab 250 Beschäftigten).
Auch im Münsterland und in der Emscher-Lippe-Region entwickelt sich Künstliche Intelligenz (KI) zunehmend zu einem festen Bestandteil des Unternehmensalltags. Acht von zehn Unternehmen (86,5 Prozent) nutzen bereits KI-Anwendungen, um ihre Effizienz zu steigern, Prozesse zu optimieren und ihre Wettbewerbsfähigkeit zu stärken. Bei den kleineren Betrieben sind es drei von vier.
Branchenübergreifend erwarten die Unternehmen durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz vor allem tiefgreifende Veränderungen in der Arbeitswelt. So gehen 56 Prozent der Betriebe davon aus, dass der Qualifizierungs- und Weiterbildungsbedarf ihrer Beschäftigten steigen wird. Rund die Hälfte der Unternehmen (53 Prozent) erwartet zudem eine deutliche Veränderung der Tätigkeitsprofile. Mit Blick auf die Beschäftigungsentwicklung rechnen 34 Prozent der Unternehmen damit, dass der Personalbestand künftig eher zurückgehen wird. Beschäftigungsaufbau wird nicht erwartet. Über Schwierigkeiten bei der Gewinnung von Fachkräften mit KI-Kompetenzen berichten bislang zwölf Prozent der befragten Unternehmen.
Die Ergebnisse zeigen, dass die erfolgreiche Nutzung von Künstlicher Intelligenz vor allem von der Fähigkeit abhängen wird, die Beschäftigten auf neue Anforderungen vorzubereiten und entsprechende Kompetenzen aufzubauen.
Welche Methodik steht hinter dem Konjunkturbericht?
Die Befragung fand im Zeitraum vom 8. September bis zum 2. Oktober 2026 statt, von 600 repräsentativ befragten Unternehmen aus allen Wirtschaftsbereichen in Industrie, Handel und Dienstleistungen haben 264 geantwortet. Die IHK Nord Westfalen nutzt in ihrer Konjunkturumfrage übliche Verfahren der Marktforschung. Aus der Grundgesamtheit der gewerblichen Wirtschaft zieht die IHK eine repräsentative Auswahl von Unternehmen („geschichtete Stichprobe“). Dabei erfolgt die Selektion der Unternehmen spiegelbildlich zur Wirtschaftsstruktur im IHK-Bezirk (nach Branchen, Teilräumen und Unternehmensgrößenklassen). Die Konjunkturumfragen sind Panelerhebungen. Das heißt, dass weitestgehend derselbe Kreis von Unternehmen in regelmäßigen Abständen befragt wird. Die Verwendung eines Panels hat den Vorteil, dass eine Änderung der Konjunktureinschätzung eindeutig auf eine andere Urteilsbildung zurückzuführen ist und nicht auf eine zufällig andere Zusammensetzung der Stichprobe. Das Fragenprogramm der Konjunkturumfragen ist speziell darauf ausgerichtet, diejenigen Größen abzufragen, die ein möglichst gutes Stimmungsbild der konjunkturellen Situation liefern. Der konstante Kernfragenkatalog erfasst Geschäftslage, Geschäftsaussichten, Konjunkturrisiken, Exporterwartungen, Investitions- und Beschäftigungsplanungen. Konjunkturindikatoren aus Umfragedaten sind für die Diagnose der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung von großer Bedeutung. Schließlich nehmen ökonomische Verhaltensweisen der Unternehmer – zum Beispiel ihre Ausgaben für Investitionen oder ihre Personalentwicklungsstrategien – selbst ganz entscheidenden Einfluss oder aber sie reagieren auf neue konjunkturelle Impulse.Was ist der IHK-Konjunkturbericht?
Die IHK Nord Westfalen befragt regelmäßig eine repräsentative Auswahl ihrer Mitgliedsunternehmen zur wirtschaftlichen Lage und zu ihren Erwartungen. Die Ergebnisse münden in den Konjunkturbericht der IHK Nord Westfalen. Er liefert die einzige umfassende Gesamtdarstellung der konjunkturellen Entwicklung der Region. Insbesondere durch den langfristigen Vergleich der wesentlichen Umfrageergebnisse erhält die IHK Nord Westfalen ein wichtiges Instrument zur Konjunktureinschätzung – grafisch präsentiert durch den IHK-Konjunkturklimaindikator. Darüber hinaus fließen die Ergebnisse in den bundesweiten Konjunkturbericht der DIHK, der auch vom Sachverständigenrat berücksichtigt wird. Auf Basis der Antworten von rund 23.000 Unternehmen bündelt die DIHK die Konjunkturdaten aller Industrie- und Handelskammern im Bundesgebiet.
Konjunktur im Ruhrgebiet
Gemeinsam mit den Industrie- und Handelskammern des Ruhrgebiets (IHK Mittleres Ruhrgebiet, IHK Dortmund, IHK Duisburg, IHK Essen) veröffentlicht die IHK Nord Westfalen zweimal im Jahr den konjunkturellen Bericht für das Ruhrgebiet. Im Jahr 2026 geschieht dies federführend durch die IHK Dortmund.
