30.06.2022

Wirtschaft in Westmecklenburg: Durchwachsene Zwischenbilanz

Die Wirtschaft in Westmecklenburg zeigt sich trotz massiver Verwerfungen und Preissteigerungen auf den Energie- und Materialmärkten und gestörter Lieferketten in Folge des Ukraine-Kriegs aktuell robust. Arbeitskräfte werden weiterhin stark nachgefragt.

Aktuelle Lage im Handwerk

Die jüngste Konjunkturumfrage im Handwerk des Kammerbezirks Schwerin hat eine weiterhin stabile Lage in den Betrieben gespiegelt. Deutlich schlagen sich aber die explodierenden Preise für Materialien und Energie nieder. Die aktuelle Geschäftslage bewertet dennoch der größte Teil der Betriebe als gut oder als zufriedenstellend. Die Betriebsauslastung hat sich insgesamt weiter erhöht, vor allem in den Bau- und Ausbauhandwerken, aber auch in den Zulieferbetrieben. Der durchschnittliche Auftragsbestand hat sich auf 13,5 Wochen erhöht. Die Investitionsbereitschaft ist leicht gestiegen. Die Aussichten auf den weiteren Konjunkturverlauf fallen jedoch deutlich skeptischer aus.

Aktuelle Lage in Industrie, Handel und Dienstleistungen

Trotz der angespannten Weltlage ist die Einschätzung der IHK-zugehörigen Unternehmen zu ihrer Geschäftslage noch verhältnismäßig stabil. 86 Prozent bezeichnen in der IHK-Frühsommer-Konjukturumfrage ihre Lage als gut oder befriedigend. Doch ein breit angelegter Frühjahrsaufschwung bleibt weitgehend aus. Grund dafür sind die hohen Kosten für Energie und Rohstoffe sowie die damit verbundene allgemeine Steigerung der Teuerungsrate. Behinderten Lieferengpässe bereits vor dem Ukraine-Krieg die Wirtschaft, verstärkten sich diese mit Kriegsausbruch noch einmal. Die Unsicherheiten und fehlende Planungssicherheit belasten die Unternehmen in ihrem Ausblick auf die kommenden Monate. 31 Prozent rechnen mit einer Verschlechterung der Geschäfte.
„Unbeständige Lieferketten, Energieunsicherheit und steigende Kosten belasten vielfach unsere Unternehmen“, bestätigt Siegbert Eisenach, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer zu Schwerin. „Das wirkt sich auf ihre Investitionsplanungen aus. Weil die Unternehmen kaum einschätzen können, wie sich die Lage entwickelt, stellen Industrie, Handel und Dienstleistungen ihre Investitionen erst einmal hinten an.“

Risiken der Energie- und Materialversorgung

„Die gravierenden Materialengpässe und Preissteigerungen machen den Betrieben schwer zu schaffen, wirken sich aber noch nicht in Größenordnungen existenzgefährdend aus“, sagt Dr. Gunnar Pohl, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Schwerin. Die Zukunft der Betriebe hänge aber immer auch von politischen Entscheidungen ab. „Für unsere Handwerksbetriebe ist es wichtig, Energie zu bezahlbaren Preisen zu bekommen und sich auf die Versorgungssicherheit verlassen zu können“, so Pohl weiter.
Größere Risiken für das Handwerk lauern in der angespannten Energielage, die sich mit der Drosselung der Gaslieferungen aus Russland weiter zuspitzt.
Auch der teilweise wirkungslose Tankrabatt belastet unsere Betriebe, die mit ihren Fahrzeugen und Flotten überwiegend am Diesel hängen“, so Pohl weiter. Auch die Energiepreispauschale wird von Unternehmen mit Skepsis betrachtet. Die Auszahlung mit dem Lohn erzeugt nicht nur bürokratischen Mehraufwand. „Es steht auch zu befürchten“, so Pohl, „dass die Betriebe finanziell in Vorleistung gehen müssen, ohne dass man weiß, wie lange.“

Risiken bei Industrie, Handel und Dienstleistungen
In der Risikobewertung von Industrie, Handel und Dienstleistungen stehen aktuell die hohen Energie- und Rohstoffkosten sowie die Planungsunsicherheit an oberster Stelle. 70 Prozent bewerten die steigenden Energiepreise als Risiko für ihre wirtschaftliche Entwicklung – ein Rekordwert in der IHK-Konjunkturumfrage!
„Vor allem die Versorgungssicherheit mit Energie muss gewährleistet sein. Dabei ist Gas für die Wirtschaft ein äußerst wichtiger Rohstoff, mit dem nun sehr verantwortungsvoll umgegangen werden muss. Selbstverständlich leisten auch die Unternehmen ihren Beitrag, um Einsparungen vorzunehmen,“ führt Eisenach aus.  „Wichtig ist jetzt der schnelle Ausbau von energetischen Alternativen. Deshalb darf Mecklenburg-Vorpommern bei den Planungen und beim Ausbau der Wasserstoffwirtschaft, Erneuerbaren Energien und als LNG-Standort nicht ins Hintertreffen geraten“, fordert der IHK-Hauptgeschäftsführer.
Die Corona-Pandemie verliert währenddessen an Bedeutung. Dennoch spüren die Gastronomie, Hotellerie und Freizeitwirtschaft weiterhin die Auswirkungen. Ein wesentlicher Aspekt sind dabei die fehlenden Arbeitskräfte. Mit 54 Prozent der Nennungen liegt der Fachkräftemangel bei der Risikoeinschätzung der Unternehmen fast wieder auf dem Niveau von 2019.
„Bereits vor der Pandemie ist der Fachkräftemangel zu einem für die Wirtschaft bedrohlichen Ausmaß angewachsen. Branchen, wie die Tourismus- und Freizeitwirtschaft, spüren die fehlende Verfügbarkeit von Personal jetzt saisonal bedingt nochmals stärker“, erläutert Eisenach. „Doch der Personalmangel zieht sich mittlerweile durch alle Branchen.“

Ausbildung und Fachkräftesituation im Handwerk

Nach wie vor sind auch die Handwerksbetriebe durch einen Mangel an qualifizierten Fachkräften geprägt. Aktuell zählt die Handwerkskammer Schwerin für das neue Lehrjahr 266 neue Ausbildungsverträge, das sind rund 10 Prozent weniger als im ausbildungsstarken Vorjahr, aber gut 6 Prozent mehr als im Vor-Corona-Jahr 2019.
„Angesichts der enormen Aufgaben, die die Energiewende in kurzer Zeit an uns stellt, wird dieser Mangel für die gesamte Gesellschaft bedrohlich“, so Pohl. Bereits jetzt seien die wesentlichen Bereiche Elektro sowie Heizungstechnik personell unterbesetzt. Politisch gefordert sei eine Bildungswende, die der dualen Berufsausbildung den gleichen Stellenwert zuweist wie der akademischen Bildung.

Erwartungen der Unternehmen

Die Mitgliedsunternehmen der Industrie- und Handelskammer zu Schwerin erwarten von der Politik eine auf die Zukunft ausgerichtete, aktive Wirtschaftspolitik und ein Moratorium für zusätzliche Belastungen. Dazu gehören eine Verschiebung der Einführung des neuen gesetzlichen Feiertages im Bundesland sowie keine weiteren unternehmensbezogenen Abgaben auf Landes- wie kommunaler Ebene. Im Gegenteil: Die Wirtschaft erwartet seit Jahren, dass der bürokratische Aufwand reduziert und administrative Prozesse, wie Planungs- und Genehmigungsverfahren vereinfacht und erheblich beschleunigt werden.
Geplante Vorhaben aus dem Koalitionsvertrag, die die Wirtschaft unterstützt, müssen konsequent umgesetzt werden. Eine verstärkte Zusammenarbeit der norddeutschen Länder bei den Themen Innovationen, Energie und Wasserstoff sind nicht erst seit Ausbruch des Ukraine-Krieges wichtig. Norddeutschland steht hier nicht nur in einem bundesweiten, sondern internationalen Wettbewerb.
Unsere Unternehmen benötigen Entlastungen und auf gar keinen Fall neue Belastungen“, betonen die beiden Hauptgeschäftsführer Eisenach und Pohl. „Jeder Arbeitstag ist wichtig, um den Wirtschaftsstandort Mecklenburg-Vorpommern voranzubringen. Mit dem Industriepolitischen Konzept MV 2030 (PDF-Datei · 4270 KB) liegt ein umfassendes Maßnahmen-Paket auf dem Tisch, das nun schnellstens umgesetzt werden muss“, so Eisenach. „Dringend erfolgen muss endlich auch ein spürbarer Abbau von zu viel Bürokratie“, ergänzt Pohl.

Die IHK zu Schwerin…

...vertritt die Interessen von ca. 24.000 gewerblichen Unternehmen gegenüber der Politik und Verwaltung. Die Beschäftigten der IHK arbeiten gemeinsam mit ca. 1.100 ehrenamtlich in der IHK engagierten Unternehmensvertreterinnen und Unternehmensvertretern für die Unternehmen in
Westmecklenburg und für die Zukunft der Region → 
www.ihk.de/schwerin

Die Handwerkskammer Schwerin...

...vertritt in Selbstverwaltung die Interessen von mehr als 7.500 Handwerksbetrieben in Westmecklenburg und Teilen des Landkreises Rostock → www.hwk-schwerin.de