Interview mit Dr. Fanny Böse (BASE)

Derzeit gibt es eine wieder aufkommende öffentliche Debatte zum Beitrag der Nutzung der Atomenergie (Kernspaltung) zur Energieversorgung. Die EU hat in ihrer Taxonomie Verordnung (2020/852) im Februar 2022 Atomkraft unter bestimmten Bedingungen als nachhaltige Energieerzeugungsform eingestuft. Aus fachlicher Sicht hat das Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE) im September 2022 die Taxonomie-Verordnung als nicht haltbar beurteilt.
Das BASE ist eine Fachbehörde, die das Bundesumweltministerium in Fragen der nuklearen Entsorgung und Sicherheit berät und dazu Forschung betreibt. Es beaufsichtigt zudem die Suche nach einem Endlagerstandort für hochradioaktive Abfälle.
Im Juni 2025 hat Dr. Fanny Böse mit ihrer Dissertation „Long-Term Development of the Nuclear Power System: A Socio-Techno-Ecological Analysis of Technology, Narratives and Sustainability Gaps“ einen wissenschaftlichen Beitrag geliefert und empirisch die Diskrepanz zwischen dem erwarteten Ausbau der Kernenergie und der tatsächlichen Entwicklung untersucht. Die Dissertation ist in Zusammenarbeit des BASE und der TU Berlin entstanden.
Die IHK zu Schwerin hat sich mit Dr. Fanny Böse hierzu unterhalten und stellt Ihnen das nachfolgende Interview zur Verfügung.
IHK:
Frau Dr. Böse, Ihre Dissertation analysiert die langfristige sozio-technische Entwicklung der Atomkernenergie und hinterfragt weit verbreitete Erwartungen eines großflächigen Ausbaus im Kontext des Klimawandels. Beispielsweise beschreiben Sie das sogenannte „Kernenergie-Paradoxon“, das sich in Ihrer Betrachtung seit den 70er Jahren bis heute durchzieht. Was verbirgt sich dahinter?
Dr. Fanny Böse:
Ich habe mir für drei internationale Organisationen historische Energieszenarien angeguckt: für die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEO), die International Energy Agency (IEA) und den Weltklimarat Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC). In meiner Analyse habe ich die installierte Stromkapazität mit der tatsächlichen Entwicklung von Kernkraft verglichen. Dabei ist herausgekommen, dass die angenommenen Erwartungen zum Beitrag der Kernenergie um ein Vielfaches höher lagen als das, was dann tatsächlich eingetreten ist.

Diese Überschätzung zieht sich tatsächlich über Jahrzehnte hin und kann entlang der drei Organisationen beobachtet werden. Diese wiederkehrende Lücke nennen wir das Kernenergie-Paradoxon.

Ein Teil der Annahmen, warum das passiert, sind zu optimistische Kostenschätzungen, die nicht eingetreten sind. Auch die heutigen Energieszenarien, die im Weltklimarat gesammelt werden, basieren auf den optimistischen Kostenannahmen und sollten daher kritisch betrachtet werden - insbesondere, wenn sie für politische Entscheidungsträger die Basis bilden.
IHK:
Welches Fazit ziehen Sie für die Kosten und Verfügbarkeit von Reaktortechnologien wie Small Modular Reactors (SMR) für den Ausbau bis 2050 weltweit?
Dr. Fanny Böse:
Ich habe im Rahmen der Dissertation die zeitnahe Verfügbarkeit und potenzielle Kostenvorteile gegenüber derzeitigen Reaktoren untersucht. Die Idee dieser sogenannten Small Modular Reactors ist es, in Massenproduktion hergestellt zu werden und in der Skalierung, also learning by doing, kostengünstiger zu werden. Dieser Effekt ist nicht erkennbar. Es gibt derzeit viele Designs, die in der Entwicklung sind bzw. es gibt einzelne Demonstrationsvorhaben, aber keine Massenproduktionsanlagen oder standardisierte und genehmigte kommerzielle Designs, die für einen raschen Ausbau nötig wären. SMRs stehen daher aktuell nicht für den großtechnischen Bereich zur Verfügung. Eine zeitnahe Verfügbarkeit von SMRs ist also derzeit nicht absehbar.

In der Fachliteratur weiß man, dass die Kosten bei Reaktoren mit geringerer Leistung pro installierter Kapazität höher sind aufgrund fehlender Skaleneffekte. In der Theorie wird gesagt, dass dieser Nachteil durch das potenzielle Lernen zunächst ausgeglichen werden müsste um genauso teuer wie derzeitige Reaktoren zu sein und dann nach weiterem Lernen potentiell günstiger zu werden. Es gibt allerdings keine historischen Beispiele dafür, dass solche Lernkurven möglich sind.

Diese technoökonomische Idee ist also rein hypothetisch, ein „nuclear imaginary“ – also eine schöne Vorstellung fernab der aktuellen Realität.
IHK:
Das Problem der Endlagerung besteht weiterhin weltweit. Ist das mit globalen Nachhaltigkeitszielen vereinbar?
Dr. Fanny Böse:
In den derzeitigen globalen Nachhaltigkeitszielen sind die Herausforderungen der Lagerung von radioaktiven Abfällen und deren Eintrag in die Umwelt nicht enthalten, in keinem der 231 Indikatoren!

Wenn man zurück blickt in die Anfänge der globalen Vereinbarungen zur Nachhaltigen Entwicklung – Rio de Janeiro – sollten ursprünglich dazu Kriterien Berücksichtigung finden. Es wurden auch Ziele formuliert und Indikatoren zwar entwickelt, aber nicht angewendet.

Deshalb plädiert meine Dissertation für eine Anpassung der derzeitigen globalen Nachhaltigkeitsziele. Zum Beispiel könnte SDG12 (Sustainable Development Goals) bspw. Regularien verwenden, die auch radioaktivspezifische Materialien beachten.
IHK:
Sie thematisieren die Einführung einer neuen „Sub-Grenze“ im Rahmen der planetaren Grenzen. Was verbirgt sich dahinter?
Dr. Fanny Böse:
Was radioaktive Materialien überhaupt für eine Rolle in dem Konzept spielen, darüber wurde bislang kaum geforscht. Dabei ist es wichtig nicht nur radioaktive Abfälle, sondern auch weitere radioaktive Materialien zu betrachten, nämlich Kernwaffen und gewonnenes Uran, die auch Umweltfolgen haben. Irreversible Folgen, die durch den Einsatz von Kernwaffen entstehen, sollten in den planetaren Grenzen abgebildet sein. Aktuelle geopolitische Entwicklungen unterstreichen die Relevanz.
IHK:
Vielen Dank für das Interview!