Am Nord-Ostsee-Kanal baut ein Kieler Familienunternehmen die schönsten Waffelbackmaschinen der Welt. Angefangen hat alles mit einem Torpedoantrieb – und mit dem Mut, nach 1945 einfach von vorn zu denken. Eine Geschichte über das, was bleibt, wenn alles andere weg ist.
Vor dem Werkstor stehen Bienenkörbe. Sie gehören Andreas Eule. Die Bienen bauen Waben, sechseckige Kammern aus Wachs, präzise bis auf den Millimeter, millionenfach gleich. Ein paar Meter weiter, hinter der Hallenwand, laufen Maschinen, die genau das tun: Viereckige Karos aus Teig, hunderttausendfach, jede exakt wie die davor. Nur dass am Ende Eiswaffeln herauskommen.
"Walter baut die schönsten und besten Waffelbackmaschinen der Welt." So beantwortet Eule die Frage, was seine Firma eigentlich macht, wenn er sie einem Fremden in einem Satz erklären müsste. Der Satz sitzt. Was er verschweigt: Damit dieser Satz heute so selbstverständlich klingt, brauchte es vor achtzig Jahren einen Moment, in dem gar nichts selbstverständlich war.
Die Stunde, in der nichts übrig war
Kiel, kurz nach dem Krieg. Kein Auftrag, keine klare Zukunft, keine Behörde, bei der man um Hilfe bitten konnte. "Man konnte damals nicht zum Amt gehen und sagen: Helft uns mal", erzählt Eule. "Die hätten gesagt: Du musst selber gucken, wie du klarkommst." Was blieb, war ein Kollegium von Ingenieuren und Technikern und eine Entscheidung, die im Rückblick fast trotzig wirkt: nicht weitermachen, sondern neu anfangen.
Aus der Helmut Walter OHG, einer Personengesellschaft, wurde die Walterwerk Kiel GmbH – neu gegründet, mit einer dreistelligen Nummer im Amtsgericht, ganz vorne in der Reihe. Ein neuer Rechtskörper für einen neuen Anfang. Und dieser Anfang war zunächst alles andere als eine Waffel: Maschinen zur Glasbearbeitung, zur Holzbearbeitung oder für Kochtöpfe. Jaucheverteiler – was man eben brauchte in einem Land, das sich gerade selbst neu zusammensetzte.
"Man hat an die Zukunft geglaubt", sagt Eule. "Weil man gesagt hat: Es kann nur besser werden. Und jetzt liegt es an uns." Es ist ein Satz, der über eine einzelne Firma hinausreicht. Denn Schleswig-Holstein feiert in diesem Jahr seinen achtzigsten Geburtstag – ein Land, das im selben Moment und aus derselben Leere heraus entstand. Die Geschichte des Walterwerks ist im Grunde die Landesgeschichte im Maßstab einer Werkshalle: aus dem Nichts von 45 etwas bauen, das trägt.
Vom Torpedo zur Tüte
Um zu verstehen, wie radikal dieser Neuanfang war, muss man wissen, wo die Firma herkam. Ihr Ursprung liegt in einer Technologie, die man sich heute nur schwer vorstellen kann: Wasserstoffperoxid-Antriebe. Für U-Boote, für Raketenflugzeuge, für den Krieg. Hochdruck, Hochtechnologie, Hochrisiko.
Von diesem Wissen, sagt Eule nüchtern, ist heute kaum noch etwas da. Der Wasserstoffperoxid-Antrieb wurde vom Atomantrieb abgelöst, dann von der Brennstoffzelle. "Das ist nicht mehr unser Thema." Was von damals blieb, ist nicht die Technik. Es ist etwas Schwerer zu Fassendes: "Das andere ist Historie, wirklich Historie – die aber ein Teil unserer DNA ist. Nämlich: neue Dinge entwickeln, die es vorher noch nicht gab. Einen Prototyp bauen, testen, verifizieren, verbessern, weiterentwickeln. Das ist geblieben."
Und genau hier passiert der schönste Perspektivwechsel dieser Firmengeschichte. Denn was ist eine Eiswaffel eigentlich? Man kann sie sehen als das Knusprige, in dem etwas Eis steckt. Man kann sie aber auch sehen als das, was sie industriell erst brauchbar machte: eine biologisch abbaubare Verpackung. Ein essbarer Behälter, den man wegisst statt wegwirft.
Dass das überhaupt funktioniert, war lange keineswegs klar. Es gab die Eiswaffel in Dänemark, an der Eisdiele, auf dem Handeisen gebacken. Aber sobald man Eis in die Waffel füllte und lagern wollte, wurde sie nach ein paar Monaten labberig – der Wassergehalt weichte sie auf. Erst als ein Eiscremeproduzent auf die Idee kam, das Innere der Waffel mit einer Fettglasur zu versiegeln, kam der Durchbruch: Eis ließ sich industriell in Waffeln verpacken. Plötzlich lag an jeder Tankstelle, in jedem Supermarkt eine fertig gefüllte Eiswaffel im Kühlfach.
Damit das gelingt, muss allerdings jede Waffel exakt gleich sein. Eine von Hand gebackene ist immer ein Unikat – schön, aber für den Eiscreme-Roboter unbrauchbar. "Also hat man die Maschinen so umgestellt, dass sie reproduzierbar in immer den gleichen Maßen produzieren." Die Firma, die einst Antriebe für Torpedos ersann, löste nun das Problem der perfekten Serie. Dieselbe Denkbewegung, anderes Feld. Vom Waffensystem zum Waffeleisen – über den Umweg des Ingenieursverstands, der sich nicht an ein Produkt klammert, sondern an eine Methode.
Weltmarktführer, das darf man auch mal laut sagen
Von Kiel aus liefert die WALTERWERK KIEL GmbH & Co. KG heute in mehr als 80 Länder. Weltmarktführer – ein Wort, das man in Schleswig-Holstein leider zu selten laut sagt. Und trotzdem musste dafür kein Konzern mit 30.000 Mitarbeitern entstehen. "Das gelingt uns durch ein sehr agiles Team", sagt Eule, "im Vertrieb, im Service, auch vor Ort." In Ländern wie Japan arbeiten Agenten auf Provision, nicht auf der Gehaltsliste. Der eigentliche Trick aber ist das Zuhören über Kontinente hinweg: Informationen aus aller Welt zusammentragen und daraus lesen lernen. "Da müssen jetzt Waffelbäcker entstehen, weil dort drei Eiscremefabriken gebaut wurden." Echtes Netzwerken, sagt er, und ein Team, das „nicht nur im Maschinenbau denkt, nicht rein binär, sondern auch menschlich – was wollen unsere Kunden".
Denn die Kunden wollen nicht überall dasselbe. Weizenmehl aus Europa hat eine andere Qualität als das aus Fernost, und es ändert sich von Jahr zu Jahr. Zulassungen und Heizungstechnik unterscheiden sich von Land zu Land. Und die Menschen essen ihr Eis verschieden: die einen aus der konischen Tüte, die anderen aus der Schale, wieder andere im japanischen Monaka. "Das sind ganz unterschiedliche Kulturen, und das ist auch gut so – sonst wäre es ja ein Einheitsbrei." Das Baukastensystem der Maschinen ist deshalb so gebaut, dass es sich umrüsten lässt. Wer eine Walter-Anlage kauft, legt sich nicht für dreißig Jahre fest.
Dreißig, vierzig Jahre – so lange halten diese Maschinen nämlich. Was für den Kunden ein Segen ist, ist für den Hersteller eine Herausforderung: "Wir können nur eine neue verkaufen, wenn sie besser ist als die zuvor gelieferte." Energieeffizienter, leichter zu bedienen, fähig zu Produkten, die vorher niemand konnte. Innovation ist hier kein Schlagwort fürs Leitbild. Sie ist die einzige Überlebensbedingung. "Wir sind in Deutschland einfach teurer. Wir können nicht über den Preis verkaufen – nur über Innovation."
Was man bewusst nicht tut
Es gibt einen Moment im Gespräch, in dem Eule sehr klar wird. Rüstung boomt gerade, das Trendthema der deutschen Industrie, und eine Firma mit dieser Vergangenheit könnte leicht aufspringen. "Das machen wir ganz bewusst nicht. Wir bauen das nicht weiter aus." Der Grund liegt auch bei der Belegschaft: "Viele Mitarbeiter sagen: Wir haben uns doch gerade für ein Unternehmen entschieden, das ein friedliches Produkt macht." Eiscreme ist überall auf der Welt positiv besetzt. Damit, sagt Eule, könnten sich die Leute identifizieren. Eine Firma, die aus der Rüstung kam, entscheidet sich – achtzig Jahre später und mitten im Rüstungsboom – dafür, das Süße zu bauen. Es ist die konsequenteste Fortsetzung der Stunde null: Man sucht sich aus, was man wird.
Das Innovation dabei kein Zufall bleibt, dafür sorgt eine eigene Entwicklungsabteilung, strikt getrennt vom Tagesgeschäft, damit sie nicht im Alltag zerrieben wird. Sie wertet Monteursberichte aus, Kundenbesuche, Messeeindrücke. Denn direkt fragen hilft nicht: "Wenn man einen Kunden fragt, was er in Zukunft braucht, kann er das gar nicht richtig sagen." Man muss es heraushören, verdichten, sich das Lastenheft selbst schreiben. Eule lächelt: "Hätte man den Marktforschern geglaubt, hätte niemand ein Smartphone gewollt. Kein Kunde hätte je gesagt: Ich möchte etwas, wo ich auf einer Scheibe wische, keine Tastatur habe und das Ding jeden Tag aufladen muss."
Die nächsten achtzig Jahre
Was ist die größere Bedrohung für die kommenden achtzig Jahre – der technologische Wandel oder der Fachkräftemangel? Eule überlegt. "Beides muss man ernst nehmen. Aber dem technologischen Wandel kann man mit Fleiß begegnen." Der Fachkräftemangel dagegen liegt außerhalb seiner Reichweite: "Es ist nicht in unserer Kraft, die Zahl der Fachkräfte in Schleswig-Holstein zu erhöhen." Nur ausbilden könne man, Mitarbeiter selbst entwickeln, "aber das ist homöopathisch". Dann findet er ein Bild, das hängen bleibt: "Wie bei einem Krankenhaus, das super ausgestattet ist – aber die Pflegekräfte und Ärzte fehlen. Dann ist das nur ein Gebäude."
Kiel bleibt trotzdem der richtige Ort. Nicht, weil der Standort objektiv besser wäre, sondern gerade wegen der Ruhe: Wäre die Firma in Frankfurt, sagt Eule, gäbe es viel mehr Druck auf dem Arbeitsmarkt, viel mehr Konkurrenz um die Leute. In Schleswig-Holstein – Dänemark oben, Hamburg unten – bleibt eine Kontinuität, die dieses Geschäft braucht. "Wir brauchen Mitarbeiter, die zwanzig, dreißig Jahre da sind."
Künstliche Intelligenz wird kommen, ohne Frage – vor allem in der Qualitätserkennung. Hundert Millionen Waffeln im Jahr laufen durch die Anlagen; dass eine Maschine aus Produktionsdaten lernt und die Qualität selbst auswertet, ist längst kein Zukunftsthema mehr, sondern eines, das durch günstige Bilderkennung erst richtig praktikabel wurde.
Und dann, ganz am Ende, eine kleine Frage: Wie fühlt es sich an, nach zwei Wochen Urlaub wieder in diese Halle zu treten? Eules Antwort kommt ohne Umschweife. "Ein ganz tolles Gefühl. Man ist neugierig, was sich in den zwei Wochen verändert hat. Manchmal ist man echt überrascht – hätte ich gar nicht gedacht, dass sie so weit gekommen sind. Und man freut sich, das wiederzusehen, was das eigene Leben bestimmt."
Draußen am Kanal summen die Bienen um ihre Körbe, bauen Wabe an Wabe, wie seit Millionen Jahren. Drinnen wird gebaut, was es vorher noch nicht gab. Zwei Arten, dieselbe Sache zu tun: aus wenig etwas Genaues machen, jeden Tag ein bisschen besser. Achtzig Jahre lang hat das getragen. Man würde darauf wetten, dass es die nächsten achtzig auch tut.