IHK Schleswig-Holstein

80 Jahre Neuhoff

Es beginnt mit einer Fahrradtour, die niemand freiwillig macht. Ein Mann kommt aus dem Krieg zurück, und statt anzukommen, tritt er in die Pedale: von Rellingen nach Bremervörde, rund 150 Kilometer durch ein Land, das in Trümmern liegt. Am Ziel wartet kein Neuanfang, sondern eine Lehrfirma und ein Satz Werkzeuge. Damit fährt er wieder nach Hause.
Dort räumt er das Schlafzimmer frei. Kein Ladenlokal, keine Werkbank, keine Kundschaft – nur ein Bett, ein Tisch und ein paar Uhren, die repariert werden wollen. So fängt das an, was heute am Rathausplatz 19 in Rellingen steht.
"Das war mit Sicherheit etwas, das heute die wenigsten machen würden", sagt Claas Neuhoff über seinen Großvater. Er sagt es ohne Pathos, eher wie jemand, der eine Familiengeschichte oft genug gehört hat, um sie nüchtern erzählen zu können. Selbst miterlebt hat er sie nicht: "Ich bin glücklicherweise zu jung."

Vom Schlafzimmer in den Laden

Die Meilensteine dieses Unternehmens lassen sich an Räumen ablesen. Irgendwann verlassen die Großeltern das Schlafzimmer und mieten ein Ladengeschäft. In den Siebzigern übernehmen die Eltern – ebenfalls keine einfache Zeit, wie Neuhoff anmerkt. Der Vater gliedert die Augenoptik an, und in den Achtzigern kommen beide Betriebe an einem Ort zusammen: in eigenen Räumen. 2007 übernimmt Claas Neuhoff und zieht das Unternehmen, wie er sagt, "einmal auf links".
Was bleibt, sind die Kunden. "Wir sind kein Großkonzern, keine Aktiengesellschaft, sondern wir arbeiten hier mit den Menschen und für die Menschen. Das ist das wichtigste Gut, das wir haben." Ein Familienbetrieb, betont er, könnte ohne solche Grundprinzipien gar nicht bestehen.

Zwei Handwerke, ein Dach

Heute ist Neuhoff ein Mischbetrieb, wie es ihn immer seltener gibt: Juwelier und Augenoptik unter einem Dach. Auf der einen Seite Uhrenwerkstatt und Schmuckverkauf – Trauringe, die als Unikate entstehen, und geerbter Schmuck, der umgearbeitet statt weggelegt wird oder auch die Uhren, die einfach nur angepasst werden müssen. Auf der anderen Seite Augen-Gesundheits-Checks mit Messung von Hornhautdicke, Augeninnendruck und Netzhaut, individuell angepasste Kontaktlinsen sowie Gleitsichtgläser, die auf Basis der exakten Augendaten gefertigt werden.
Die Branchenlogik ist in beiden Bereichen dieselbe: Die Ketten werden größer, die inhabergeführten Geschäfte weniger. Neuhoff sieht darin keinen Untergang, sondern eine Lücke: "Alles, was heutzutage ohne Beratung und Vertrauen verkauft werden kann, lässt sich auch im Internet bestellen. Aber für eine vernünftige Brille – wenn ich ein Problem mit dem Sehen habe – oder für ein schönes Schmuckstück braucht es ein vertrauensvolles Verhältnis. Genau dann kommen wir ins Spiel."
Zur künstlichen Intelligenz hat er eine pragmatische Haltung. In der Augenoptik hilft sie bei der Analyse von Gesundheitsdaten und beim Aufspüren von Auffälligkeiten. Weiter reicht sie nicht: "Eine KI kann niemals eine Brille zusammenbauen, und eine KI kann niemals den persönlichen Kontakt zum Menschen ersetzen."

Wir sind Rellingen

Bei der Frage nach dem Standort wird der sonst so sachliche Ton kurz kategorisch. "Wir sind hier in Rellingen tief verwurzelt. Rellingen ist unsere Heimat, wir sind seit 80 Jahren hier. Ich könnte mir nicht vorstellen, woanders mein Geschäft aufzumachen. Wir sind Rellingen, wir gehören nach Rellingen – fertig."
Zum 75-jährigen Bestehen brachte das Haus eine eigene Uhr heraus: die "Rellinger Uhr" in Silber und Rosé – ein Schmuckstück als Ortsbekenntnis. Auch beim Stadtradeln fährt ein Team unter dem Namen des Geschäfts mit.
Über Schleswig-Holstein sagt Neuhoff, es sei "der schönste Standort, den man haben kann"– zwischen den Meeren, mit der Metropolregion Hamburg vor der Tür: "Wir leben hier, wo andere Urlaub machen."

Was fehlt, sind Straßen

Die Kritik kommt ohne Umschweife. Für die eigene Branche sieht Neuhoff die Herausforderung darin, vor Ort präsent zu bleiben. Für die Wirtschaft insgesamt liegt das Problem auf der Straße – wörtlich. "Das merken selbst wir hier im Ort: Wenn Zufahrtsstraßen gesperrt sind, wandeln sich die Kundenströme." Was im Kleinen gilt, gilt auch im Großen: Funktionieren die Verkehrswege nicht, stocken die wirtschaftlichen Abläufe. Der Ausbau der A 20 sei seit Jahrzehnten das prägende Thema der gesamten Wirtschaft –"und letztlich ist er das für uns auch."
Ansonsten fällt sein Urteil über das Land freundlich aus: eine vernünftige Landesregierung, gute Ansätze und das Ziel, konsequent mit den Ressourcen zu arbeiten, die vor Ort sind.
Auch beim Thema Nachhaltigkeit argumentiert er handfest statt programmatisch. Gold sei das Material mit der effizientesten Kreislaufwirtschaft, bei dem am wenigsten verloren gehe. "Langfristig kommen wir ohne eine gesunde Erde nie wieder aus."
Achtzig Jahre später
Wie sichert man ein Unternehmen für die nächste Generation? Neuhoff macht daraus keine Strategie, sondern eine Routine. "Da arbeiten wir jeden Tag dran: Wir öffnen das Geschäft mit einem Lächeln und kämpfen zum Wohl unserer Kunden – mit den Kunden und für die Kunden."
Von den Werkzeugen, die auf einem Fahrrad aus Bremervörde kamen, bis zu Messgeräten, die die Netzhaut vermessen: Die Distanz ist enorm. Der Ort ist derselbe geblieben.